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Im Zoo zu den Affengehegen

19 Aug

Wenn ich durch einen Zoo spazieren gehe, dann ist einer der Höhepunkte, einige Zeit vor den Gehegen der Menschenaffen stehen zu bleiben und diese zu beobachten. Was mich daran fasziniert, ist weniger der Anlass  zu reflektieren, ob die Mitprimaten über Kultur oder Geist verfügen, sondern nachzudenken, wie es mit unserer Kultur oder unseren Handlungssystemen steht hinsichtlich des Umgangs mit unseren nächsten Verwandten (und mit anderen Tierarten und mit der sog. Natur). Mich interessiert also nicht einmal besonders inwieweit unsere Kultur in der evolutionären Stammesgeschichte verwurzelt ist. Ich suche im Zoo bei den Menschenaffen auch nicht nach evolutionspsychologischen Erklärungen für meine Sehnsüchte, Ängste, meinen Hedonismus, Egoismus, Empathie, mein Sozialverhalten usw.
Allerdings könnte es durchaus interessant sein, welche Erklärungen aus evolutionspsychologischer Sicht es geben könnte, dass wir Menschenaffen oder allgemein wilde Tiere in Zoos hegen und pflegen? Wäre es nicht vorteilhafter diese Tierarten auszurotten, da sie Nahrungskonkurrenten darstellen, potenziell eine Bedrohung für Leib und Leben darstellen, und uns daran hindern, unseren Lebensraum auszudehnen. Oder ist in uns das Wahrnehmungsmuster verankert, dass wir potenziell jede Tierart noch als Haus- und Nutztier oder auch nur als Lieferant für Medikamente oder nützliche Gene entdecken könnten, wenn die Zeit reif ist, so dass wir im Anschluss einen gehörigen Fortschrittsschub erfahren würden.

Ich persönlich glaube, dass Mitprimaten (und nicht nur diese) über Kultur und Geist verfügen. So intensiv habe ich mich mit dieser Frage aber nicht beschäftigt, um hier jetzt Einblicke in die wissenschaftliche Diskussion zu geben, deswegen „glaube“ ich es (ja auch nur).

Im Sinne von Volker Sommer (2003, S. 116) zähle ich mit dieser Einstellung zu den (Laien-)Anthropomorphisten. Meine Position ist demnach „protagonistisch“, weil ich die Gemeinsamkeiten betone. Die andere Position wäre skeptisch bzw. ein Anthropozentrismus.

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Durch die schöne, neue Welt des Zoos

19 Aug

Können wir uns vorstellen, wie es ist ein Krokodil im Zoo zu sein?

Mein Name ist Hugo, ich bin ein Neuguinea-Krokodil (glaube ich zumindest). – Gut, sehr gut geht es mir hier. Das Gehege bietet mir alles, was ich benötige: ausreichende Luftfeuchtigkeit, ein Wasserbassin mit schmuddlig-trübem Wasser. Dessen Temperatur und die der Umgebungsluft sind äußerst angenehm. Keine meteorologischen Störungen, keine Wasserverschmutzung. Subtropische Pflanzen lassen ihre Zweige über die Wasseroberfläche hängen. Der Beton fühlt sich an wie natürliches Gestein. Ich liege dort herum, ab und zu wird Nahrung gereicht. Wenn mich irgendwelche Vögel nerven, kann ich auch mal wild werden. Monoton ist es nicht, für Abwechslung wird gesorgt. Prinzipiell genieße ich die Ruhe. Man gibt mir sogar die Möglichkeit zur Fortpflanzung, und mein Animal Welfare-Index ist im Vergleich zu meinen Verwandten in der freien Wildbahn hoch. Die Sonne vermisse ich nicht, das künstliche Licht ist ein vollkommener Ersatz. Die Sterne am Himmel kümmern mich nicht. Ich muss auch keine Feinde fürchten, ich werde nicht verfolgt, nicht angegriffen und nicht erlegt. Vielleicht bin ich ein transgenes Krokodil oder durch Inzucht degeneriert, – aber mir geht es gut. Es muss hier keiner vor mir Angst haben (außer ein paar lästige Singvögel)

Wer würde angesichts solcher Zustände an das Ende seiner Natur denken? Wer denkt an Datenbanken, Gentechnologie, DNS-Sammlungen, Gen-Patente, PID, PCR, Künstliche Befruchtung, Embryonentransfer, transgene Tiere, Stammzellen, Klone, Gen-Pharming, an das Human Genome Project, Xenotransplantationen, Keimbahnveränderungen, Fortpflanzungsprogramme usw.?

Warum ich beim Zoo daran erinnert werden, dass uns eventuelle das Ende des Menschen bzw. des Menschlichen bevorsteht, dass ich an die Fortschritte der Bio- und Gentechnologie denken muss, hat auch einen technikphilosophischen Hintergrund.

Wenn wir bei Technik primär an die Umwandlung und Umgestaltung anorganischer Ressourcen denken, erscheint uns das relativ harmlos. Wir bearbeiten Steine, betreiben Bergbau usw. Hammer, Bohrmaschine, Bagger, Lastwagen, Dampfmaschine, Fabriken, Industriegebieten – harmlose Begriffe, weitgehend unspannend. Inzwischen auch alles weitgehend sauber, kaum noch schmutziger Rauch; Fabriken, die aussehen wie große Lagerhallen. Harmlos und gleichzeitig so nützlich: Stoffwandlungstechnik (z.B. Verfahrenstechnik, Fertigungstechnik, Produktionstechnik), Stofftransporttechnik (z.B. Fördertechnik, Verkehrstechnik), Stoffspeichertechnik (z.B. Lagertechnik, z. T. Bautechnik), Energiewandlungstechnik, Energieübertragungstechnik, Energiespeichertechnik, Informationsverarbeitungstechnik (einschließlich Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik), Informationsübertragungstechnik (beispielsweise Nachrichtentechnik), Informationsspeichertechnik (einschließlich Drucktechnik, Tontechnik, Fototechnik, Filmtechnik). Schöne Technikwelt – seit jeher. Aber kein Pop (abgesehen von der Informationsspeichertechnik). Technik oder Technologie, da gibt es ja wohl einen Unterschied? Weiterlesen

Zoogänge und der erbauliche Spaziergang als Parodie des bürgerlichen Spaziergangs

22 Jul

Die Zoos (wie auch die Tierparks und die Botanischen Gärten) machen es ambitionierten Spaziergängern und einer Spaziergangswissenschaft (im weiteren Sinne) keineswegs leicht. Der Zoo genießt in dieser Szene ein schlechtes Image: eine kommerzielle Institution, von der man nicht viel erwarten kann. Wenn aber Einkaufszentren „erlaubt“ sind, dann sollte man ja auch in den Zoo gehen können, um dort zu flanieren.
Im folgenden erkläre ich, warum der Zoo für ambitionierte Spaziergänger ein schlechtes Image hat, um dann Chancen und Möglichkeiten zu eröffnen, den Zoo als einen geradezu paradigmatisch-postmodernen Ort für einen ambitionierten Flaneurismus zu präsentieren.

Desert im Burgers‘ Zoo in Arnhem (NL)

So übel kann der Zoo doch gar nicht sein. Selbst Franz Hessel, der Flaneur in Berlin, suchte bei seinen Spaziergängen durch Berlin den Zoo auf: Ähnlich wie bei einem Park nahm er zuerst den Kontrast zur umgebenden Großstadt wahr (der Zoo als Zoologischer Garten): „Aber auch da, wo ihm die Häuser dicht auf den Leib gerückt sind und der Lärm der Hupen, das grelle Licht der Scheinwerfer und Reklamen über seine Mauern dringt – man hat kaum das Portal mit den torhütend lagernden Steinelefanten durchschritten und ist in einer andern Welt.“ In dieser Welt sind die Tiere „Hauptpersonen“. Hessel betont freilich auch den Aspekt der Naherholung, das Spaziergehen entlang des Vierwaldstättersees und die Rolle des Zoos als „herrliches Kinderreich“, in dem Babys spazieren gefahren werden und Jungen auf den Spielplätzen toben. Hessel möchte nicht über die Art und Sitte der Tiere reden, er zieht es vor auf deren „merkwürdige Behausungen“ einzugehen. „Da sie nun einmal zu unserer Lust und Belehrung Gefangenen sind, ist man darauf bedacht gewesen, ihnen ihr Gefängnis möglichst wohnlich einzurichten. Sie sollen das Gefühl haben, in ihre Erdhöhle, ihre Schlicht, ihren Hohlbaum, ihr Nest zu kriechen, wenn sie in das ummauerte Verlies müssen. […] Und doch sind die Felsblöcke wie Kulissen, wie Versatzstücke. Und wie vor dem Puppentheater stehen die Kinder vor den Eisenstäben.

Franz Hessel kann es aber auch kaum kaschieren; – es muss halt sein, dass man auch mal in den Zoo geht. Der Zoo funktioniert in einem metaphorischen Sinne eher als beispielhaft für schlechte Formen des Spaziergangs. Der Zoo als Ort für Spaziergänge, bei denen keine tieferen Absichten zu finden sind, sondern nur der Erbaulichkeit dienen. Von der Weppen (1995, S. 124) spricht von einer „Parodierung des bürgerlichen Spaziergangs“. Solche Spaziergänge sind schales Pflichtprogramm, „bloße Konvention“, „allgemeiner Usus“. Sie führen lediglich zur Erbaulichkeit, und Erbaulichkeit sei eine Form der Empfindung, „die ursprüngliche, echte Empfindung letztlich zerstört“ (ebd., S. 124). Die Parodie besteht darin, dass man nicht spazieren geht, sondern eine Art Spaziergang durchführt, um etwas aufzusuchen, was letztlich vielleicht gar nicht mehr existiert. „Man muss in die Natur hinausspazieren, da es sich so ‚gehört’ naturnah zu sein“ (ebd., S. 124). Ähnlich beim Ausflug in den Zoo: Man geht in den Zoo, um wilde Tiere zu sehen, um ursprüngliche, echte Natur hautnah erleben zu können, und doch ist es so anders – so viel langweiliger, so passiver, so schläfriger – als in den Fernseh-Dokumentationen.
Ganz abgesehen davon, dass im Zoo allzu oft nicht über die Echtheit von Natur reflektiert wird, gerieren sich diese Spaziergänger, diese typischen Zoogänger sogar zu einem moralisierenden Spaziergänger: „Er glaubt ja, das Richtige zu tun, ja er fühlt sich sogar moralisch im Recht, und die Moral ist es ja gerade, die ihn den Blick verstellt: er liebt die Natur nicht, weil er sie liebt, sondern weil er weiß, dass es gut ist, sie zu lieben. So wird der erbauliche Spaziergänger ungewollt zum moralisierenden Spaziergänger, der – selbstgerecht – um die vermeintliche Richtigkeit seines Weges weiß“ (von der Weppen 1995, S. 124). Auch im Fernsehen wird die Natur nicht richtig dargestellt, man konzentriert sich auf die aktiven Phasen, die Action vermitteln; die Geduld, die Wachsamkeit, die Konzentration ist nicht mehr erkennbar. Die Begegnung mit Tieren im Zoo wird so auf eine höhere Stufe gehoben, allein schon deshalb weil es sich um leibhaftige Individuen handelt. Kein Wunder, dass die Kinder im Zoo schnell keine Lust mehr haben auf die wilden Tiere, auf diese echte Natur, und die Zeit stattdessen lieber auf den Spielplätzen verbringen wollen. Der Ausflug in den Zoo wird zu einer Institution, einem pseudo-pädagogischen Pflichtprogramm, dass sich anbietet, ein Sonntagsausflug, ein bildungsbürgerliches Ritual, das man den Kindern als etwas Tolles verkaufen kann, und sich selbst sinnhaft darbietet als Möglichkeit der Naturbegegnung und –bildung.
Darüber hinaus ist der Ausflug in den Zoo aber trotz der Wildheit der Tiere gezähmt und weichgespült. Echte Natur bleibt außen vor, es kommt letztlich weder zu einer Begegnung der Menschen mit Natur, noch zu einer Begegnung mit Menschen, die als störende Außenwelt betrachtet werden können. Im Gegensatz z.B. zu öffentlichen Freibädern wirkt der erheblich höhere Eintrittspreis überaus selektierend.
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Im Zoo

27 Mrz

Nach Baratay & Hardouin-Fugier (2002: 13) hilft ein „Gang entlang der Tierkäfige eines Zoos, die Gesellschaft zu verstehen, die diese errichtet hat“ [1].

Dieses Bonmot ist zweifellos auch für den Flaneur interessant. Der berühmte Berliner Flaneur Franz Hessel ging in den Zoo. Er tat es weniger um die Tiere zu studieren, als sich über deren eigeneartige Behausungen zu wundern. Der berühmte Fotograf, Garry Winogrand (1928-1984), ein Meister der Street-Photography machte eine Serie von Aufnahmen aus dem Zoo („Animals“). Die Vielleicht kennen Sie weiter die Fotografien von Candida Höfer oder die von Britta Jaschinski, die uns über die ontologische Frage nach den Zootieren zu kritischen Gedanken über unser Verhältnis zu Tieren provozieren.
Ich gehe auch gerne in Zoos. Ich kann dort bevorzugt über die Frage nachdenken, was Zootiere sind (einfach nur eingesperrte Wildtiere, oder Kulturfiguren, Cyborg-Wesen?) und mir Gedanken machen über unser Verhältnis zu Tieren und allgemein zur Natur.

Baratay & & Hardouin-Fugier (2002: 13) zeigen, dass die Geschichte des „Mikrokosmos“ Zoo „parallel verbunden ist mit der Geschichte des Kolonialismus, des Eurozentrismus, des Exotismus und mit Phänomenen von Gewalt einerseits und Moral andererseits, mit Prozessen der Zivilisierung des Menschen, der Entstehung von Kultur- und Gedenkstätten (z.B. Museen) sowie mit der Entwicklung der Freizeitaktivitäten“ (ebd., S. 13).
Zoologische (wie auch Botanische Gärten) bieten demnach ideale Voraussetzungen, verschiedene Aspekte des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur in seiner Komplexität, mit seinen Wechselwirkungen, Widersprüchen und Entwicklungen zu erforschen. Die Ambivalenz zwischen Ausbeutung der Natur und deren Schutz bzw. Erhaltung durch menschliche Gesellschaften kommt gerade auch in den Zoologischen Gärten zum Ausdruck.

In dem Online-Magazin einseitig.info erscheint zur Zeit in mehreren Teilen ein Interview mit mir zum Thema Zoo-Praxen: Teil 1 hier >>, Teil 2 hier >> und Teil 3 kommt in Kürze. Die Ausführungen darin gehen letztlich auf ein Forschungsprojekt zurück, welches ich vor einigen Jahren zur Förderung beantragt hatte, was aber abgelehnt wurde. Das Thema hat mich dennoch nicht mehr losgelassen.

[1] Baratay, E. & E. Hardouin-Fugier (2000): Zoo. Von der Menagerie zum Tierpark. – Wagenbach Verlag, Berlin. Die in England bei Reaktion Books erschienene Ausgabe ist deutlich besser und schöner bebildert: Zoo. A History of Zoological Gardens in the West, London 2002.