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Der urbane Blick >>> Kunstforum International Band 218 (Okt.-Dez. 2012)

12 Okt

Thema des aktuellen Bandes 218 Kunstforum International (Oktober -Dezember 2012):

Der Urbane Blick.

Impulse für eine neue documental Urbana

Ausschnitt aus dem Inhaltsverzeichnis:

  • > Bianchi, Paolo: Der urbane Blick auf das „Lebenskunstwerk Stadt“ (S. 32-47)
  • > Selle, Klaus & Aerni, Georg (Fotos): Sondierungen zur Urbanität. Zu den Bedeutungsfacetten eines viel gebrauchten Wortes (S. 50-69)
  • > Liessmann, Konrad Paul: Urbanität oder Die Stadt als kulturelles Phänomen (S. 70-83)
  • > Rauterberg, Hanno: Die Psychologie des Urbanen (S. 92-103)
  • >>> Paetzold, Heinz &Aerni, Georg (Fotos): Phänomenologie der Kultur des Fanierens (S. 104-115)
  • >> Hasse, Jürgen: Atmosphären der Stadt – Stadt als Gefühlsraum (s. 132-147)

Weitere Details >>>http://www.kunstforum.de/inhaltsverzeichnis3.asp?band=218&session=

„Eins links, eins rechts“ – ‚Algorithmic Walking‘

24 Jul

Another approach commonly adopted elsewhere was ‘algorithmic walking’ […] The classic version directs walking according to a pattern of turns such as ‘first street right, second street left, first street left and repeat’” (Pinder, D.: Arts of urban explorations. In: cultural geographies 2005/12: 383-411 (p. 397))

socialfiction.org – »dot.walk«

.WALK

».walk« von socialfiction.org erhebt die Reglementierungen zum Kunstwerk, in dem Handlungsanweisungen für einen Spaziergang durch eine Stadt vorgegeben werden. Diese Vorgabe entspricht einem Algorithmus und lässt sich auf ein einfaches Computerprogramm zurückführen:
//Classic.walk
Repeat
[
1 st street left
2 nd street right
2 nd street left
]
Das psychogeografische Projekt »dot.walk« liefert eine Handlungsanweisung (Software) zur Benutzung einer Stadt (Hardware). Grundsätzlich verlangt diese künstlerische Position aber nicht zwingend eine Auseinandersetzung mit programmierter Software, sondern reflektiert Regularien und ihren Einsatz ganz allgemein. Das künstlerische Interesse konzentriert sich dabei auf die Instruktion. »If the city is a database of human culture through the ages than generative psychogeography is the query best suited for weaving unconnected facts into a logical dataset…«“

Quelle: http://www.medienkunstnetz.de/werke/dot-walk/

Zoogänge und der erbauliche Spaziergang als Parodie des bürgerlichen Spaziergangs

22 Jul

Die Zoos (wie auch die Tierparks und die Botanischen Gärten) machen es ambitionierten Spaziergängern und einer Spaziergangswissenschaft (im weiteren Sinne) keineswegs leicht. Der Zoo genießt in dieser Szene ein schlechtes Image: eine kommerzielle Institution, von der man nicht viel erwarten kann. Wenn aber Einkaufszentren „erlaubt“ sind, dann sollte man ja auch in den Zoo gehen können, um dort zu flanieren.
Im folgenden erkläre ich, warum der Zoo für ambitionierte Spaziergänger ein schlechtes Image hat, um dann Chancen und Möglichkeiten zu eröffnen, den Zoo als einen geradezu paradigmatisch-postmodernen Ort für einen ambitionierten Flaneurismus zu präsentieren.

Desert im Burgers‘ Zoo in Arnhem (NL)

So übel kann der Zoo doch gar nicht sein. Selbst Franz Hessel, der Flaneur in Berlin, suchte bei seinen Spaziergängen durch Berlin den Zoo auf: Ähnlich wie bei einem Park nahm er zuerst den Kontrast zur umgebenden Großstadt wahr (der Zoo als Zoologischer Garten): „Aber auch da, wo ihm die Häuser dicht auf den Leib gerückt sind und der Lärm der Hupen, das grelle Licht der Scheinwerfer und Reklamen über seine Mauern dringt – man hat kaum das Portal mit den torhütend lagernden Steinelefanten durchschritten und ist in einer andern Welt.“ In dieser Welt sind die Tiere „Hauptpersonen“. Hessel betont freilich auch den Aspekt der Naherholung, das Spaziergehen entlang des Vierwaldstättersees und die Rolle des Zoos als „herrliches Kinderreich“, in dem Babys spazieren gefahren werden und Jungen auf den Spielplätzen toben. Hessel möchte nicht über die Art und Sitte der Tiere reden, er zieht es vor auf deren „merkwürdige Behausungen“ einzugehen. „Da sie nun einmal zu unserer Lust und Belehrung Gefangenen sind, ist man darauf bedacht gewesen, ihnen ihr Gefängnis möglichst wohnlich einzurichten. Sie sollen das Gefühl haben, in ihre Erdhöhle, ihre Schlicht, ihren Hohlbaum, ihr Nest zu kriechen, wenn sie in das ummauerte Verlies müssen. […] Und doch sind die Felsblöcke wie Kulissen, wie Versatzstücke. Und wie vor dem Puppentheater stehen die Kinder vor den Eisenstäben.

Franz Hessel kann es aber auch kaum kaschieren; – es muss halt sein, dass man auch mal in den Zoo geht. Der Zoo funktioniert in einem metaphorischen Sinne eher als beispielhaft für schlechte Formen des Spaziergangs. Der Zoo als Ort für Spaziergänge, bei denen keine tieferen Absichten zu finden sind, sondern nur der Erbaulichkeit dienen. Von der Weppen (1995, S. 124) spricht von einer „Parodierung des bürgerlichen Spaziergangs“. Solche Spaziergänge sind schales Pflichtprogramm, „bloße Konvention“, „allgemeiner Usus“. Sie führen lediglich zur Erbaulichkeit, und Erbaulichkeit sei eine Form der Empfindung, „die ursprüngliche, echte Empfindung letztlich zerstört“ (ebd., S. 124). Die Parodie besteht darin, dass man nicht spazieren geht, sondern eine Art Spaziergang durchführt, um etwas aufzusuchen, was letztlich vielleicht gar nicht mehr existiert. „Man muss in die Natur hinausspazieren, da es sich so ‚gehört’ naturnah zu sein“ (ebd., S. 124). Ähnlich beim Ausflug in den Zoo: Man geht in den Zoo, um wilde Tiere zu sehen, um ursprüngliche, echte Natur hautnah erleben zu können, und doch ist es so anders – so viel langweiliger, so passiver, so schläfriger – als in den Fernseh-Dokumentationen.
Ganz abgesehen davon, dass im Zoo allzu oft nicht über die Echtheit von Natur reflektiert wird, gerieren sich diese Spaziergänger, diese typischen Zoogänger sogar zu einem moralisierenden Spaziergänger: „Er glaubt ja, das Richtige zu tun, ja er fühlt sich sogar moralisch im Recht, und die Moral ist es ja gerade, die ihn den Blick verstellt: er liebt die Natur nicht, weil er sie liebt, sondern weil er weiß, dass es gut ist, sie zu lieben. So wird der erbauliche Spaziergänger ungewollt zum moralisierenden Spaziergänger, der – selbstgerecht – um die vermeintliche Richtigkeit seines Weges weiß“ (von der Weppen 1995, S. 124). Auch im Fernsehen wird die Natur nicht richtig dargestellt, man konzentriert sich auf die aktiven Phasen, die Action vermitteln; die Geduld, die Wachsamkeit, die Konzentration ist nicht mehr erkennbar. Die Begegnung mit Tieren im Zoo wird so auf eine höhere Stufe gehoben, allein schon deshalb weil es sich um leibhaftige Individuen handelt. Kein Wunder, dass die Kinder im Zoo schnell keine Lust mehr haben auf die wilden Tiere, auf diese echte Natur, und die Zeit stattdessen lieber auf den Spielplätzen verbringen wollen. Der Ausflug in den Zoo wird zu einer Institution, einem pseudo-pädagogischen Pflichtprogramm, dass sich anbietet, ein Sonntagsausflug, ein bildungsbürgerliches Ritual, das man den Kindern als etwas Tolles verkaufen kann, und sich selbst sinnhaft darbietet als Möglichkeit der Naturbegegnung und –bildung.
Darüber hinaus ist der Ausflug in den Zoo aber trotz der Wildheit der Tiere gezähmt und weichgespült. Echte Natur bleibt außen vor, es kommt letztlich weder zu einer Begegnung der Menschen mit Natur, noch zu einer Begegnung mit Menschen, die als störende Außenwelt betrachtet werden können. Im Gegensatz z.B. zu öffentlichen Freibädern wirkt der erheblich höhere Eintrittspreis überaus selektierend.
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129 Arten sich durch die Stadt zu bewegen (nach Bodo Morshäuser 1998)

17 Jun

Flaneurismus und die Übernachfrage von Einrichtungen

24 Mrz

Willkommen bei einer neuen Lehreinheit des Moduls ‚Zeitgemäßer Flaneurismus für Fortgeschrittene’ (31-FLAN-F-1-2). Heute wollen wir uns mit einer Erklärung eines Teilaspektes der hedonistischen Dimension des Flaneurs beschäftigen. Der klassische Flaneur spaziert gerne durch Einkaufspassagen, Innenstädte, Museen usw. – allerdings nur, wenn diese nicht zu voll sind, wenn die Passantendichte sich auf einem einigermaßen erträglichen Niveau befindet. Solche Situationen sind uns vielfach bekannt. Der Flaneur wird durch allzu dichte Menschenmengen in seiner Beobachtungsfähigkeit und –lust eingeschränkt. Das durchschnittliche Schritttempo der Menschenmasse entspricht nicht seiner gängigen Gehtechnik; zudem wird er in seinem Bewegungsspielraum durch die breite Amplitude der Gehgeschwindigkeit zwischen den Individuen der Menschenmasse behindert. Ferner sind die Tische vor und in den Cafés alle voll besetzt. Schließlich werden die Möglichkeiten des Fotografierens eingeschränkt. Der Hedonismus des Flaneurs besteht darin, dass er es sich leisten kann, diese Stoßzeiten für seine Spaziergänge zu meiden.

Wir versuchen nun aber eine verkehrsökonomische Erklärung. Es hilft uns die folgende Literaturquelle: J. Michael Thomson (1978): Grundlagen der Verkehrspolitik – Verlag Paul Haupt, Bern & Stuttgart, S. 40 ff.
Im Mittelpunkt des Problems steht das Phänomen der Überfüllung. Zur Überfüllung kommt es, weil das Fassungsvermögen von Einrichtungen (wie Strände, Ausflugsziele, Innenstädte usw.) begrenzt ist. Zur Überfüllung kommt es, wenn Übernachfrage herrscht. Übernachfrage heißt, dass die betreffende Einrichtung von mehr als der optimalen Zahl von Personen genutzt wird. Bei einer bestimmten Auslastung des Fassungsvermögens kommt ein Punkt, von dem ab das Überfüllungsmoment den durchschnittlichen Nutzen der Einrichtung für die Besucher sinken lässt. Jenseits dieses Punktes können zusätzliche Besucher durchaus noch Nutzen aus der Einrichtung ziehen, weil sie ja auf eine gewissen Weise noch die Möglichkeit haben die Einrichtung zu nutzen. Der Preis dafür ist aber eine Minderung des Nutzens bei den bereits Anwesenden, also eine Minderung des durchschnittlichen Nettonutzen je Besucher. Eine weitere Grenze ist erreicht, wenn der Nutzenzuwachs zusätzlicher Besucher geringer als die damit verbundene Nutzenminderung bereits Anwesender ist.
Betrachten wir dazu die folgende Abbildung:


Abb. 1: Übernachfrage nach Einrichtungen (aus: Thomson 1978, S. 41).

Kurve a = der durch jeden zusätzlichen Besucher hinzukommende Nettonutzen (Grenznutzen)
Kurve b = der durchschnittliche Nettonutzen je Besucher

Bei einer bestimmten Nutzerzahl M ist der durchschnittliche Nettonutzen pro Besucher maximiert. Von Punkt O bis Punkt M erhöht sogar jeder Hinzukommende den durchschnittlichen Nutzen der Anwesenden. Wird aber der Punkt M überschritten, dann vermindern weitere Besucher den Nutzen der andern. Von wirklicher Überfüllung kann man aber erst ab dem Punkt P sprechen. Ab dort wiegt der persönliche Nutzenzuwachs weiterer hinzukommender Besucher nicht mehr den Nutzenschwund bei den bereits Anwesenden auf.

Der Hedonismus des Flaneurs besteht nun darin, dass er es sich leisten kann, sich nach dem Nettonutzen zu orientieren, der für einen zusätzlichen Benutzer einer Einrichtung gilt. Der Bereich der optimalen Nachfrage einer Einrichtung, bei der ein Flaneur den Besuch dieser bevorzugt, liegt demnach noch vor dem Punkt M (siehe die folgende Abbildung, bei dem der für den Flaneur optimale Bereich grün eingefärbt ist):

Abb. 2: Übernachfrage nach Einrichtungen und der Nachfragebereich eines Flaneurs (Grafik aus Thomson 1978, S. 41, verändert).

Kurve a = der durch jeden zusätzlichen Besucher hinzukommende Nettonutzen (Grenznutzen)
Kurve b = der durchschnittliche Nettonutzen je Besucher
grüner Bereich = für den Flaneur optimaler Nutzenbereich

Im Zoo

27 Mrz

Nach Baratay & Hardouin-Fugier (2002: 13) hilft ein „Gang entlang der Tierkäfige eines Zoos, die Gesellschaft zu verstehen, die diese errichtet hat“ [1].

Dieses Bonmot ist zweifellos auch für den Flaneur interessant. Der berühmte Berliner Flaneur Franz Hessel ging in den Zoo. Er tat es weniger um die Tiere zu studieren, als sich über deren eigeneartige Behausungen zu wundern. Der berühmte Fotograf, Garry Winogrand (1928-1984), ein Meister der Street-Photography machte eine Serie von Aufnahmen aus dem Zoo („Animals“). Die Vielleicht kennen Sie weiter die Fotografien von Candida Höfer oder die von Britta Jaschinski, die uns über die ontologische Frage nach den Zootieren zu kritischen Gedanken über unser Verhältnis zu Tieren provozieren.
Ich gehe auch gerne in Zoos. Ich kann dort bevorzugt über die Frage nachdenken, was Zootiere sind (einfach nur eingesperrte Wildtiere, oder Kulturfiguren, Cyborg-Wesen?) und mir Gedanken machen über unser Verhältnis zu Tieren und allgemein zur Natur.

Baratay & & Hardouin-Fugier (2002: 13) zeigen, dass die Geschichte des „Mikrokosmos“ Zoo „parallel verbunden ist mit der Geschichte des Kolonialismus, des Eurozentrismus, des Exotismus und mit Phänomenen von Gewalt einerseits und Moral andererseits, mit Prozessen der Zivilisierung des Menschen, der Entstehung von Kultur- und Gedenkstätten (z.B. Museen) sowie mit der Entwicklung der Freizeitaktivitäten“ (ebd., S. 13).
Zoologische (wie auch Botanische Gärten) bieten demnach ideale Voraussetzungen, verschiedene Aspekte des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur in seiner Komplexität, mit seinen Wechselwirkungen, Widersprüchen und Entwicklungen zu erforschen. Die Ambivalenz zwischen Ausbeutung der Natur und deren Schutz bzw. Erhaltung durch menschliche Gesellschaften kommt gerade auch in den Zoologischen Gärten zum Ausdruck.

In dem Online-Magazin einseitig.info erscheint zur Zeit in mehreren Teilen ein Interview mit mir zum Thema Zoo-Praxen: Teil 1 hier >>, Teil 2 hier >> und Teil 3 kommt in Kürze. Die Ausführungen darin gehen letztlich auf ein Forschungsprojekt zurück, welches ich vor einigen Jahren zur Förderung beantragt hatte, was aber abgelehnt wurde. Das Thema hat mich dennoch nicht mehr losgelassen.

[1] Baratay, E. & E. Hardouin-Fugier (2000): Zoo. Von der Menagerie zum Tierpark. – Wagenbach Verlag, Berlin. Die in England bei Reaktion Books erschienene Ausgabe ist deutlich besser und schöner bebildert: Zoo. A History of Zoological Gardens in the West, London 2002.

So viel Verkehr.

2 Jan

Thomson (1978, S. 17) behauptete, dass sich dem Ökonomen der Verkehr als ein „großartiges Chaosdarstellt. Die Großartigkeit bestehe zum Teil in den technischen Errungenschaften des Verkehrs (z.B. Überschallflugzeuge, Großbrücken, U-Bahnen, Luftkissenfahrzeuge, Passagierschiffe). Freilich fasziniert den Ökonomen auch die „gewaltige wirtschaftliche Bedeutung dieses Sektors“, mit „Ausgaben von einer Größenordnung, die in den meisten anderen Wirtschaftszweigen praktisch unbekannt ist.“

Als Chaos empfindet der Ökonom den Verkehrssektor auf der Ebene der Wirtschaftlichkeit (z.B. angesichts der Verkehrsstaus in den meisten Städten der Welt, „des erschreckenden Blutzolls an Unfalltoten und -verletzten auf den Straßen“ und beim Anblick der Bedingungen im öffentlichen Verkehr. Der Ökonom ist fasziniert von dem Vorkommen von Phänomenen wie Monopole, Gesetze und Verordnungen, dem Mangel an Versuchen, den Marktmechanismus vorteilhaft zu nutzen, und selbstverständlich von Nachfrageschwankungen, Gesamtkosten, lang- und kurzfristigen Kosten, externen Kosten und Effekten, Größenvorteilen, Überkapazitäten und Unterkapazitäten, preispolitischer Maßnahmen.

Auch Geographen fühlen sich vom Verkehr angezogen. Die Geographie erregt es, dass die Erde schrumpft als Effekt technologischer Innovationen im Transportwesen (siehe Nuhn & Hesse 2006, Abb. 1.1.3, S. 12), dass Verkehr einen raumdifferenzierenden Faktor darstellt, dass der Verkehr eine grundlegende Bedeutung spielt, um die Grunddaseinsfunktionen (Arbeiten, Einkaufen, Sich Erholen, Freunde Besuchen usw.) miteinander zu verbinden, und schließlich, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Verkehr eine transdisziplinäre Ausrichtung erfordert und stark anwendungsorientiert ist. Weiterlesen

Ich liebe ‚elektrisches Blau‘, es ist so urban.

19 Dez

Blau ist gar keine kalte Farbe.

Wir haben es uns angewöhnt, Blau als kalt zu empfinden. Das kalte Blau ist eine kulturelle Konstruktion, ein moderner Habitus. Im Winter sind die Tage am kältesten, in denen ein blauer Himmel herrscht, das sind die Tage der Kältehochs über Skandinavien und Russland. Wir haben unzählige Fotos von den Polargebieten gesehen, in denen die blaue Farbe vorherrscht. Die Gletscher-Eis Bonbons stecken in einer blauen Verpackung, und im Sommer suchen wir Abkühlung in Schwimmbecken, deren Becken in blauer Farbe gestrichen sind.

Die Grundfarbe Blau steht in einem engen Verhältnis zu den anderen Grundfarben Rot und Gelb. Selbst wenn Blau eine kalte Farbe sein sollte, ist sie das nur, weil Rot als heiße Farbe empfunden wird. Wegen der Komplementarität zu Gelb erhielte dann aber Blau über Orange und Gelb selbst eine warme Nuance. Diese Form der Argumentation ist hier aber bedeutungslos, wegen der grundsätzlichen Behauptung, Blau ist gar keine kalte Farbe. Und wenn sie keine kalte Farbe ist, muss sie eben warm sein – oder zumindest nicht kalt. Der Kalt-Warm-Kontrast von Farben beruht sowieso nur auf dem menschlichen Empfinden. Eigentlich ist es in Bezug auf die Farbtemperaturen sogar umgekehrt. Die Farbtemperatur ist ein Maß für den Farbeindruck einer Lichtquelle. Sie wird definiert als die Temperatur, auf die man einen Schwarzen Körper (Planck’schen Strahler) aufheizen müsste, damit er Licht einer Farbe abgibt, das (bei gleicher Helligkeit und unter festgelegten Beobachtungsbedingungen) der zu beschreibenden Farbe am ähnlichsten ist. Das Licht einer gemeinhin als warm empfundenen Kerze hat eine Farbtemperatur von 1500 K, die Morgen- bzw. Abendsonne 5000 K, das Licht des bedeckten Himmels 6500-7500 K, aber das Licht eines klaren, blauen Himmels hat eine Farbtemperatur von 15.000 bis 27.000 K. Anders ausgedrückt: Von einer kühlen Oberfläche wird hauptsächlich langwellige Strahlung ausgesandt; die Strahlung einer heißen Oberfläche besteht dagegen hauptsächlich aus kurzen Wellenlängen (sichtbares Licht und Ultraviolett). Es stimmt, dass das im Spektrum der elektromagnetischen Strahlung auf das Rot folgende langwelligere Infarot als Wärmestrahlung gefühlt werden kann, und dass wir mit den noch langwelligeren Mikrowellen Speisen erhitzen können. Aber die dem Blau und Violett benachbarte kurzwelligere Ultraviolette Strahlung verursacht heftigen Sonnenbrand. Wenn die ultraviolette Strahlung also solch eine Power hat, dann können wir behaupten, dass Blau eine kraftvollere, mächtige Farbe als Rot darstellt. Blau ist heißer.

Blau ist die Farbe einer existenziellen Sehnsucht.

„Verloren ins weite Blau blicke ich oft
hinauf in den Äther und hinein ins
heilige Meer, und mir ist, als öffnet
ein verwandter Geist mir die Arme,
als löste der Schmerz der Einsamkeit
sich auf ins Leben der Gottheit“

Friedrich Hölderlin, Hyperion

Der Blaue Himmel zeigt uns die Sonne. Er ist das Produkt des weißen Sonnenlichtes und der Luftmoleküle der Erdatmosphäre. Die kurzen Wellenlängen, also die blauen Anteile des stärker gestreut als die anderen Anteile, weshalb der wolkenlose Himmel Blau erscheint. Der klare nachtblaue Himmel eröffnet uns das sternenerfüllte Weltall. Wir lieben es, wenn das Wasser der Meere, der Flüsse oder von Seen blau erscheint. Dann denken wir, es tummeln sich zahllose farbige und silbrige Lebewesen darin.

Überhaupt, wie gut passt Silber- und Goldglanz zu Blau. Das ist so edel, dass kein roter Blutstropfen das zerstören dürfte. Von Adligen wurde gesagt, sie hätten blaues Blut. Dieser Ausspruch soll daher kommen, weil sie so blass waren, dass die blauen Venen durch die Haut schimmerten. Das Verhältnis von Blau zu der Nicht-Farbe Weiß ist eben von subtiler Kontrasthaftigkeit und Schönheit. Noch immer schreiben wir bevorzugt mit blauer Farbe auf weißem Papier. Wir lieben den Kontrast weißgetünchter Häuser, z.B. auf Ibiza, vor dem tiefen Blau des Mittelmeeres und einem wolkenlosen blauen Himmel. Wir lieben die sog. Schäfchenwolken, so sehr dass wir uns flach hinlegen und aus unserer Phantasie ein ganzes Bestiarium hervorstottern.

Aber im Kontrast zu der Nicht-Farbe Schwarz offenbart sich die ganze Kraft des Blau. Wundersam erscheint dort Blau als ein Produkt, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Umhüllt man einen blauen Kreis mir Schwarz, könnte man meinen, dass das Blau langsam verschluckt werden könnte. Aber wie durch eine innere Kraft leuchtet das Blau immer weiter. Dabei ergänzt es die Nicht-Farbe Schwarz so wunderbar und kontrastiert mit ihr nicht schamlos.

Blauer Kreis

In einem Schaufenster eines Geschäftes in der Berger Straße, Frankfurt/Main

Das Foto vom Bild der Erde aus dem Weltraum – ‚The Blue Marble’, „die blaue Murmel“. Eine Ikone der Lebendigkeit und Vitalität, und gleichzeitig eine Mahnung an die Menschheit. Müsste man eine Anthropologie auf der Grundlage von Farben schreiben, dann wäre das Ergebnis eine Philosophie der Beziehungen von Blau zu Weiß bzw. Schwarz.

Dieses Blau, das vom Schwarz umhüllt wird, ist auch die Farbe der Urbanität. Andere Farbtemperaturen sind lediglich Kulissen für das eigentliche Blau. Das städtische Blau ist eine herrliche Farbe des Übergangs, der Phantasie, der Sehnsucht, der Neugier, des Wissen- und Ausprobierenwollens, und gleichzeitig auch der Nichterfüllung, der Unerreichbarkeit, der Ferne. Das ‚Electric Blue’ von Leuchtstoffröhren und anderer Leuchtmittel ist die metropolitane Farbe schlechthin. Es gibt auch eine Flickr-Gruppe mit diesem Titel und entsprechendem Inhalt. Dieses Blau repräsentiert so klar die nächtliche Seite der Urbanität, die Verführungen und Gefahren. Und die spärlich beleuchtete Nacht hat eine besondere Bedeutung für die Urbanität, wie z.B. Mike Davis feststellt (Die Nacht ist lang“, in Die Zeit Nr. 52 vom 18.12.2202, S. 51 f.):

In der urbanen Nacht liegt der eigentliche Ursprung der Moderne. Der Mensch am Beginn des 20. Jahrhunderts lebte im Rhythmus der dunkeln Stadt: Dichter, Revolutionäre, Maler, Kriminelle, Prostituierte, Taxifahrer, Musiker und Journalisten. Diese Somnambulen bewohnten eine Dunkelheit, die mehr war als die Abwesenheit von Sonnenlicht.

Oft suche ich bei nächtlichen Spaziergängen Orte, an denen dieses Blau leuchtet. Flanieren ist für mich eine Tätigkeit, die mit der Farbe Blau korrespondiert, sowohl mit ihrer Farbtemperatur, als auch mit ihrer Symbolik. Ich gehe also ins Blaue. Hätte der Flaneur eine Uniform, dann wäre sie blau.

Blau steht für Harmonie, Gerechtigkeit, Wohlstand ohne Übermaß, Fortschritt ohne Zerstörung, Wissen, Weisheit, Sympathie, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit. Blau ist ein Versprechen, aber weil Blau nur eine Farbe ist, die zudem auch für Ferne und Sehnsucht steht, kann dieses Versprechen niemals gehalten werden.

Im jahrhundertealten Untergrund der kleinen Stadt Oppenheim am Rhein mit seinen verwinkelten Kellern und Gängen gibt es einen dick ausbetonierten Raum, einen Luftschutzkeller aus dem II. Weltkrieg. Dieser Raum ist mit einem elektrischen Blau ausgeleuchtet. Auch das ist ehrlich; es hätte mich nicht gewundert, wenn sie dort eine Marienstatue aufgestellt hätten.

Luftschutzkeller

Luftschutzkeller im Untergrund der Stadt Oppenheim/Rhein

Wer noch immer nicht glaubt, dass Blau von den Grundfarben die beste ist, sollte sich einmal fragen, ob es rote oder gelbe Jeans gibt. Selbst die Produkte von Lego und Playmobil, die Kindern soviel Freude machen, stecken in einer blauen Verpackung.

Stadterkundungen – The Dark Side: Urban Explorations

27 Nov

Urban Exploration könnte man einfach mit Stadterkundung übersetzen. Aber inzwischen meint man damit die gezielte Erkundung von bestimmten Einrichtungen des städtischen Raumes, die eigentlich weniger zugänglich sind und gemeinhin nicht die Sehnsuchtsorte eines gewöhnlichen Spaziergängers oder Exkursionisten darstellen.

Im Mousonturm

Im Mousonturm in Frankfurt, Mitte der 1980er Jahre (drei weitere Fotos vom Mousonturm am Ende dieses Beitrags).

Urban Explorer erkunden alte Industrieruinen, verlassene Häuser, Kanalisationen, Tunnel, Katakomben, Schächte, Dächer usw.! Warum machen die so etwas, das ist doch in der Regel sogar illegal? Ja, das ist es wohl, und man sollte nicht erwarten, dass man leicht Sondergenehmigungen bekommt, um solche Orte aufsuchen zu dürfen. Urban Explorers ignorieren die Verbotsschilder, suchen einen Eingang oder Durchgang. Wenn es nötig ist, schaffen sie sich Zugang.

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„Vom Wandern“

5 Nov

Ich habe bereits mit meiner Version der Frankfurter Grüngürtelwanderung begonnen. Vier Stempel prangen bis jetzt in meinem Wanderpass: W1, W2, W3, N1.

Flugzeug über dem Frankfurter Stadtwald

Die notwendige basistheoretische Lektüre werde ich noch erwerben:

Grober, Ulrich (2006): Vom Wandern. Neue Wege zu einer alten Kunst. – Zweitausendeins. Frankfurt/Main.

Was ist der Sinn des Wanderns im 21. Jahrhundert? Was tue ich da eigentlich, wenn ich durch den Frankfurter Stadtwald wandere und, eines nach dem anderen, dröhnen die Flugzeuge im Landeanflug über mir, vollbepackt mit Passagieren, die ganz woanders ihre Zeit verbracht haben.
Ulrich Grober sei ein „Landschaftsflaneur„. Im gehe es darum, zu Fuß „eine neue Balance zwischen schnell und langsam, zwischen besehbaren und begehbaren Räumen“ zu finden. Das Buch sei „solide, gründliche Arbeit ohne Effekthascherei – Schwarzbrot für Wandergehirn. Da wird es für den Leser aber auch mal steinig und mühsam, es verlangt ihm Zeit und Geduld ab, weist gelegentlich Längen auf – wie eine richtige Wanderung eben. Und wie eine solche war es am Ende jede Anstrengung wert“ (Rezension in der Frankfurter Rundschau, Nr. 59 vom 10.03.2007, S. 39).

Auf der Suche nach dem Landschaftsbegriff in der Spaziergangswissenschaft (unter dem Eindruck der Lektüre eines Aufsatzes von Gerhard Hard)

26 Sep

In der Spaziergangswissenschaft (Promenadologie) ist die Rede von den den Landschaftsbildern im Kopf, gehäuft im Umfeld und während des Kongresses „Gut zu Fuß. Die Spaziergangswissenschaft (12. und 13.09.2008 in Frankfurt/Main), so z.B. Bertram Weisshaar: Landschaft sei ein Konstrukt im Kopf, das der Mensch zusammenbaut aus Bildern und Vorstellungen aus Literatur, Reiseprospekten, Fernsehen („Landschaftsplanung per pedes“, Presseinformation der Stadt Frankfurt vom 26.08.2008 zum Kongress „Gut zu Fuß“, von Sandra Busch → hier). Das hat er freilich schon von Lucius Burckhardt, dem Begründer der Promenadologie, gelernt (Quelle für dieses Zitat ist das Programm zur erwähnten Tagung):

Die Grundregel also lautet: ‚Die Landschaft ist ein Konstrukt’. Und mit diesem schrecklichen Wort soll nichts anderes gesagt sein, als dass die Landschaft nicht in den Erscheinungen der Umwelt zu suchen ist, sondern in den Köpfen der Betrachter.

Auch wenn ich gar nicht genau weiß, was mit der Bezeichnung ‚Landschaft‚ in der Spaziergangswissenschaft gemeint ist, nehme ich an, dass sie mit der Landschaftsplanung einen komplexen, schillernden und kaum eindeutig fassbaren und definierbaren Begriff von Landschaft teilt.

Als Geograph hat man auch eine gewisse Erfahrung mit dem Landschaftsbegriff. Diese kann aber nicht so ausgedrückt werden, als wisse man genau, um was es sich handelt, wenn von Landschaft die Rede ist. Viel eher reagiert man auf die Verwendung des Begriffes Landschaft zuerst mit einem starken Stirnrunzeln, denn die Erfahrungen mit ‚Landschaft’ sind eher gekennzeichnet durch eine intensive intellektuelle Verunsicherung. An dieser Verunsicherung haben die Veröffentlichungen des Geographen Gerhard Hard großen Anteil. Im Folgenden konzentriere ich mich auf: Hard, G. (2008): Der Spatial Turn, von der Geographie her beobachtet. In: Döring, J. & T. Thielmann (Hrsg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. transcript Verlag, Bielefeld, S. 263-315. Zu empfehlen ist aber auch: Hard, G. (2002): Landschaft und Raum. Aufsätze zur Theorie der Geographie Band 1. Universitätsverlag Rasch, Osnabrück (= Osnabrücker Studien zur Geographie 22). Ich möchte auch erwähnen, dass ich Hard’s Ausführungen nicht so leicht paraphrasieren kann und allzu häufig geneigt bin, ihn wörtlich zu zitieren. Es ist eben Hard-Ware.

Für Hard steht das Konzept Landschaft in unmittelbarem Zusammenhang mit einem klassischen Ritter’schen „altgeographischen Raum“ (siehe ebd., S. 268). Es ist eine „Zuspitzung des weitläufigen Mensch-Raum- bzw. Mensch-Natur-Paradigmas zur ‚Morphogenese der Kulturlandschaft’ (aus der Naturlandschaft heraus)„, und gleichzeitig eine „sehr viel durchgreifendere Weltkomplexitätsreduktionsidee“. Eine Idee, die vor allem im deutschen Sprachraum große „Durchschlagskraft und Zählebigkeit“ gehabt hat (S. 279). Der Hauptgrund für diese Attraktivität sind die Konnotationen des Begriffes Landschaft:

Aufgrund seiner bildungssprachlichen Konnotationen von Anschaulichkeit, Struktur, Ordnung, Synthese, Harmonie, Ganzheit und Totalität, Kultur und Geschichtlichkeit konnte Landschaft geradezu als eine prägnante Visualisierung, ja eine Ikone der klassischen Geographie gelesen werden: als die anschaulich gewordene Totalität und Synthese von Natur und Kultur, Geschichte und Gegenwart“ (S. 279).

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Literaturliste zur Spaziergangswissenschaft

24 Sep

Hier eine Literaturliste zur Spaziergangswissenschaft (Promenadologie), vom Kongress Gut zu Fuss. Die Spaziergangswissenschaft (12. und 13.09.2008, Frankfurt/Main)

Zuallererst sind Bücher von Lucius Burckhardt zu nennen , dem Begründer der Spaziergangswissenschaft:

Siehe auch das Gespräch zwischen Hans Ulrich Obrist und Annemarie & Lucius Burckhardt zum Thema Spaziergangswissenschaften bei kunstaspekte.de.

Im Programm der Tagung finden sich darüber hinaus folgenden Literaturhinweise: Weiterlesen

Stalking und die Promenadologie

22 Sep

Das englische Wort ‚to stalk‚ bedeutet ursprünglich „jagen, hetzen, steif gehen, stolzieren“ (aus dem Gälischen „stalc“ oder dem Substantiv „stalcaire“ = Jäger, Falkner). Im Englischen bedeutet to stalk: 1. heranpirschen, jagen; daraus: 2. verfolgen; 3. steif dahergehen, staken; weiterhin: 4. umgehen (Krankheiten, Geister). „Stalking“ bedeutet in der deutschen Sprache „Nachstellen, Verfolgen“. Gemeint ist das willentliche und wiederholte (beharrliche) Verfolgen oder Belästigen einer Person verstanden, deren physische oder psychische Unversehrtheit dadurch unmittelbar, mittelbar oder langfristig bedroht und geschädigt werden kann. Wie ein „guter“ Jäger sammelt ein Stalker alle Informationen über sein Opfer, um es zu jeder Zeit stellen zu können. (Quelle: Wikipedia).

Lorenzo Romito ist ein sogenannter Stalker, Gründungsmitglied und Präsident der kulturellen Verbindung „Stalker – laboratory of urban art and researches in territory“ (seit 1995). Seit 2001 ist er Koordinator des internationalen Netzwerks ON/Osservatorio Nomade und des ON-Projekts ‚Egnatia – A path of displaced memories’. Seine Forschungen sind angesiedelt zwischen Kunst, Architektur, urbanen, sozialen und Umweltstudien. Wahrnehmungsebenen und die Herstellung menschlicher Beziehungen scheinen eine große Rolle in seiner Arbeit zu spielen.
Was ist ein Stalker (aus der Sicht der Spaziergangswissenschaft)? Informationen darüber finden wir im Manifesto des Stalkerlab:

“STALKER – Is a collective subject that engages research and actions within the landscape with particular attention to the areas around the city’s margins and forgotten urban space, and abandoned areas or regions under transformation. These investigations are conducted across several levels, around notions of practicality, representations and interventions on these spaces that are referred to here as ‘Actual Territories’. Stalker is together custodian, guide and artist for these ‘Actual Territories’ […]”

[das Manifesto weiterlesen →→→]

Spaziergänge aus Sicht der Promenadologie

22 Sep

Im Frankfurter Grüngürtel werden naturkundliche, ungewöhnliche, literarische, sportliche Spaziergänge angeboten und solche mit anderen Fortbewegungsmitteln (z.B. mit Flößen auf der Nidda).

Nun, Spaziergänge durch den Frankfurter Grüngürtel sind wohl eher als klassisch zu bezeichnen.
Boris Sieverts leitet das Büro für Städtereisen in Köln. Örtlichkeiten, die auf englische Landschaftsgärten verweisen, scheint er aber nicht im Programm zu haben:

„Das Büro für Städtereisen veranstaltet ein- und mehrtägige Wanderungen und Radtouren zu den wahrhaftigen Orten unserer Ballungsgebiete; in jene Weiten zwischen den zu Corporate Identities schrumpfenden Innenstädten und den etablierten Ausflugslandschaften. Diese Reisen verknüpfen Brachflächen und Siedlungen aller Art, Parkplätze, Abrißszenarien, Baggerseen, Wälder, Wiesen, Gärten, Autobahnen, Schulen, Häfen, Asylantenheime, Gleistrassen, Manöverplätze, Gewerbegebiete, Flughäfen, Tunnel, Sackgassen, Trampelpfade, Flußauen, Deponien und vieles mehr zu wunderschönen bis krassen Raumfolgen. Sie eröffnen neue Landschaften, wo vorher Transitraum war und Welten, wo das Ende der Welt vor der eigenen Haustür beginnt. Ein gelungener Weg führt einen unmerklich aus dem eigenen Kulturkreis hinaus. Das Image der Stadt wird bis zur Unkenntlichkeit relativiert. Die alte Orientierung an Bauwerken und Verkehrswegen löst sich auf.“

Boris Sieverts versuchte in seinem Vortrag (Werkbericht: Google Earth Lecture 9) auf dem Internationalen Kongress „Gut zu Fuß. Die Spaziergangswissenschaft (in Frankfurt/Main am 12. und 13.09.2008) darzustellen, welche Methodik er der Entwicklung seiner Spaziergänge zugrunde legt. Er versuchte die Frage nach den Techniken oder Logarithmen zu beantworten. Wichtig sind zum einen die sog. Recherchewege, die als Grundlage dienen, als Vorarbeit für die endgültigen Touren. Grundlegendes Problem sei, dass das Material entlang der Wege begrenzt ist. Dennoch müssten die Schritte logisch aber auch überraschend zugleich aufeinander folgen. Ziel ist es, die Gegend zum Sprechen oder zum Klingen zu bringen. Hilfreich sind Linien, Windungen und Richtungswechsel. Spaziergänge gliedern ein Territorium in psychogeographische Einheiten; es finden also Eintritte und Austritte statt, und die Einheiten werden während des Spaziergangs miteinander verkettet.
Dass für die Recherchewege, wie auch für die Nachbereitung von Spaziergängen Luftbildern und eben auch Google Earth oder Google Maps überaus hilfreich sind, liegt auf der Hand.
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Die Spaziergangswissenschaft – Promenadologie (engl.: strollology)

17 Sep

Spaziergangswissenschaft? Für Außenstehende klingt das vielleicht niedlich, possierlich, anachronistisch, grotesk, bekloppt, nach szientistischem Wahnsinn, – zumindest nach einem sog. Orchideenfach. Das mag zutreffen, aber Außenwahrnehmungen sind – bei aller kritischen Distanz – immer auch durch eine Portion Ignoranz ausgezeichnet. Leider wird die Spaziergangswissenschaft oder Promenadologie (engl. „strollology“), wie sie auch genannt wird, als Fach in Deutschland akademisch nicht mehr gelehrt. Ein Abschluss der Promenadologie ist sowieso nicht möglich gewesen. In Frankfurt/Main hat am 12. und 13. September 2008 nun der internationale Kongress zur Spaziergangswissenschaft „Gut zu Fuß.“ stattgefunden. Veranstaltet wurde der Kongress vom Umweltamt der Stadt im Casinogebäude des Poelzig-Baus (weitere Informationen zum Kongress bei http://www.promenadologie.de). Es gibt also aktive Promenadologen. Und Spaziergangswissenschaftler schaffen es auch immer wieder in der Tagespresse und Magazinen wahrgenommen zu werden (z.B. auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, s.u.).

Lucius Burckhardt – Begründer der Spaziergangswissenschaft

Der Schweizer Soziologe, Urbanist und Planungstheoretiker Lucius Burckhardt (1925-2003) entwickelte in den 1980er Jahren während seiner Tätigkeit an der Gesamthochschule Kassel zusammen mit seiner Frau Annemarie Burckhardt die Spaziergangswissenschaft zu einer Planungs- und Gestaltungswissenschaft (siehe: z.B. http://www.lucius-burckhardt.org/, die Informationen des Martin Schmitz Verlages oder das Gespräch zwischen Hans Ulrich Obrist und Annemarie & Lucius Burckhardt zum Thema Spaziergangswissenschaften bei kunstaspekte.de). Weiterlesen

Internationale Tagung zur Spaziergangswissenschaft in Frankfurt

11 Sep

Gut zu Fuß – die Spaziergangswissenschaft“ – Das Umweltamt Frankfurt am Main veranstaltet diese Tagung, aber verantwortlich ist der Verleger Martin Schmitz. Schmitz lernte bei Lucius Burchkhardt, dem an der Universität Kassel tätigen Gründungsvater des deutschen Zweiges der Spaziergangswissenschaft, der Promenadologie.
Angeblich haben sich bereits mehr als 180 Teilnehmer angemeldet. Nähere Informationen in einem Artikel der taz (hier) oder bei http://www.frankfurt.de (hier).

Anlässlich des Kongresses hat der Referent Bertram Weisshaar das Weblog „Spaziergangswissenschaft“ eingerichtet (dort findet sich auch das Programm der Tagung): http://spaziergangswissenschaft.de/blog/.

Die Welt als Zoo

27 Aug

Vielleicht sollten wir die Handlungstheorie wesentlich strukturalistischer fassen? – Individuen leben in einem Möglichkeitsfeld, in dem die Intentionen von Handlungen nur eine Dimension darstellen. Ansonsten wirken Einschränkungen, Beschränkungen und Hindernisse die dieses Feld möglicher Handlungen aufspannen. Diese Einschränkungen sind auch nicht nur kulturell, sozial, subjektiv oder materiell bedingt, sondern sie sind v.a. handfest ökonomisch und politisch. In der Möglichkeit von Handlungen schwingt also die Unmöglichkeit von Handlungen mit. Es mag sein, dass es eine Gestaltungsoption des Möglichkeitsfeldes gibt, dass es auf eine gewisse Weise selbstbestimmt, selbstgewählt und selbstgestaltet sein kann. Vielleicht sollten wir durch die Hintertür auf irgendeine Weise Determinismen in die Theorie zurückholen. Wegen der potenziellen Unmöglichkeit von Unmöglichkeiten und Möglichkeit von Möglichem sollten wir Systeme von Handlungen zumindest deutlich strategischer und kriegerischer auffassen als bisher. Dies gilt sowohl für die Individuen innerhalb ihrer Möglichkeitsfelder, als auch die Akteure, die beteiligt sind an Bedingungen, Notwendigkeiten, Diskursen usw. ‚Intentionen’ klingt so sinnhaft, subjektzentriert, aufgeklärt und unökonomisch.

Die Faszination des Reisens schließlich gründet auf dem ephemeren Ausdruck einer geometrisch-territorialen Ausweitung des Möglichkeitsfeldes (durchaus im Sinne von Jagdgründen). Reisen verführt durch die Illusion von Freiheit. Die Faszination des Urlaubs basiert auf der räumlichen Entrückung vom heimisch-alltäglichen (Un-)Möglichkeitsfeld. Man erholt sich durch zeitweise Abstraktion bestimmter Beschränkungen und Hindernisse.

Im übrigen erinnert mich das ganze an einen Zoo – und das ist überaus faszinierend. Wir leben also länger, weil wir nicht so frei sein können, wie wir es uns vielleicht wünschen.

Anthro-Simians – The Scalar Politics and Power-Geometries

6 Aug

Are we screwed tightly in a topology of power-geometries centred around a construed hierarchical scale? Scale is a representational practice deployed by participants in struggles, a practice situated within a community of producers and readers who actively negotiate and construct it (Jones 1998, p. 27. cited in Marston et al. 2005, p. 420 f). Well then, we should beware (less in a defensive but in a offensive manner) of imposed seating arrangement, and answer back the linked attributions. Marston et al (2005) attempt to weave a relational understanding of the two scales ‘global’ and ‘local’. And this requires a re-imagination of their oppositional associates. They present a list of conflated binaries (see p. 421, see also Ley 2004):

Local Global
Place Space
Difference Sameness
Concrete Abstract
Experential Causal
Agency Structure
Bordered Stretched
Static Dynamic
Sectarian Cosmopolitan
Defensive Open
Authentic Produced
Nostalgic Developmental

Culture Economy
Embodied Anonymous
Here There
Transformed Penetrating
Responsible Detached
Determination Orderliness
Contingency Complexity
Empirical Theoretical

For various reasons Marston et al. wants to “expurgate scale from the geographic vocabulary” (p. 422)!

If there’s no such thing as the local or the global, we don’t want to be the local content determined by global form. We don’t want to be naturalized or objectified Anthro-Simians, fitted, inserted or interwoven in events or processes pre-sorted by the scalar apparatus at hand.

Cast the skin → ECDYSIS

Free yourself as a SpaceFlaneur – a flowster, a scalar-transgressive monster, a glocal cyborg!


Literature:

Jones, K. (1998): Scale as epistemology. In: Political Geography 17, 25-28.

Ley, D. (2004): Transnational spaces and everyday lives. In: Transactions Institute British Geographers NS 29, 161-164.

Marston, S. A.; J. P. Jones III & K. Woodward (2005): Human geography without scale. In: Transactions Institute British Geographers NS 30, 416-432.

Ist der Spatial Turn wichtig? Egal, wir schreiben was dazu.

28 Jun

Geschichte spielt nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum.“ So beginnt Karl Schlögel sein Buch „Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik (erschienen im Carl Hanser Verlag, München & Wien 2003). Dann skizziert er, um was es ihm geht, nämlich um die „Wiederkehr des Raumes“ (S. 11), die „Räumlichkeit aller menschlichen Geschichte“ (S. 9), ja mehr noch: „die menschliche Geschichte als ein Kampf gegen den horror vacui, als unentwegte Anstrengung zur Bewältigung des Raumes, seiner Beherrschung und schließlich seiner Aneignung“ (S. 9).Also nicht nur Sein und Zeit, sondern die „Einheit von Ort, Zeit und Handlung“ (S. 10). Was geschieht, wenn Geschichte und Ort zusammengedacht werden, im Sinne eines „Spacing History“ (S. 10). Schlögel bezieht sich auch auf den Geographen Edward Soja; dessen Ziel ist die „spatialization of the historical narrarative“, die „Vergewisserung einer kritischen räumlichen Perspektive in der zeitgenössischen Gesellschaftstheorie und Analyse“ (S. 37). In der Tat ist Soja sogar der Erfinder des Labels „Spatial Turn“ (siehe Döring & Thielmann 2008, S. 7). In Soja’s Buch „Postmodern Geographies“ (Verso, London & New York 1989) findet sich auf S. 39 die Überschrift „Uncovering Western Marxism’s spatial turn“. Schlögel folgt Soja’s Versuch, „das rigid historische Narrativ zu dekonstruieren […], um Raum zu schaffen für Einsichten einer verstehenden Human-Geographie, einer spatialen Hermeneutik“ (S. 37 f.) Dringlich sei eine „Verräumlichung von geschichtlicher Erzählung und Entwicklung einer Hermeneutik des Räumlichen“ (S. 50).

Karl Schlögel ist ein Historiker und bereits in der Einleitung wird klar, dass er als Repräsentant des spatial turn in den Geistes- bzw. Sozialwissenschaften angesehen werden kann. Es ist hier nicht der Platz, zu untersuchen, ob dieser spatial turn geographische Theorien umfassend genug rezipiert, ob er die aktuelle Geographie in der Tat ernst nimmt. Zu diesem Zweck sei auf das von Jörg Döring & Tristan Thielmann herausgegebene Buch „Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Sozial- und Kulturwissenschaften“ verwiesen (transcript Verlag, Bielefeld 2008). In der Tat gibt es einige Kritik an der Art und Weise, wie Schlögel den spatial turn popularisiert (vgl. die Beiträge von Gerhard Hard, Marc Redepenning, Ronald Lippuner und Benno Werlen in dem Band von Döring & Thielmann, sowie Crang & Thrift 2000; Lippuner & Lossau 2004; Lossau & Lippuner 2004, Dix 2005; Miggelbrink 2005; Schlottmann 2005 & Lossau 2007).

Weil Schlögel in diesem Buch einiges über die Figur des Flaneurs zu sagen hat, weil er „nicht so sehr das Lesen von Texten, sondern das Hinausgehen in die Welt und die Bewegung in der Welt“ als „primäre und paradigmatische Form der Erkundung und Erschließung“ propagiert (S. 10), stelle ich vor eine Betrachtung seiner Ausführungen über den Flaneur, einen Teil seiner Ansichten über den Raum, den spatial turn bzw. die Geographie. Weiterlesen

What’s it all about – the ‚Space’?

27 Jun

For now, just a quote by Doreen Massey, a contemporary British social scientist and geographer:

But the real result of this argument is that time needs space to get itself going; time and space are born together, along with the relations that produce them both. Time and space must be thought together, therefore, for they are inextricably intermixed. A first implication, then of this impetus to envisage temporality/history as genuinely open is that spatiality must be integrated as an essential part of the process of the ‘continuous creation of novelty’. Such an effectively creative spatiality cannot, however, be just any kind of (way of thinking of) space. This cannot be ‘space’ as a static cross-section through time, for […] this disables history itself. Nor can it be ‘space’ as representation conceived of as stasis, for this precisely immobilizes things. Nor can it be ‘space’ as a closed equilibrium system, for this would be a spatiality that goes nowhere, that always returns to the same. This cannot be ‘space’ either, as any kind of comforting closure (the closures of bounded, ‘authentic’ places), for these would also run down into inertia. Nor can it be space convened as temporal sequence, for here space is in fact occluded and the future is closed. None of these ways of imagining space are conformable with the desire to hold time open. Rather, for time genuinely to be held open, space could be imagined as the sphere of the existence of multiplicity, of the possibility of the existence of difference. Such a space is the sphere in which distinct stories coexist, meet up, affect each other, come into conflict or cooperate. This space is not static, not a cross-section through time; it is disrupted, active and generative. It is not a closed system; it is constantly, as space-time, being made.

Source:
Massey, D. (1999): Space-time, ’science‘ and the relationship between physical geography and human geography. In: Transactions Institute British Geographers NS 24, 261-276 (p. 274).