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Gerolzhofen (Unterfranken) – Feldnotizen, 18.06.2011

20 Jun

Gerolzhofen Unterfranken (SW, 97447, 244 m ü. NN, rund 6500 Einw.), Bereich Mainfränkische Platten/Steigerwald

Schon bei der Einfahrt in die Stadt zeigt sich, was für gestandene Gerolzhofener eine Kränkung sein könnte, aber gleichzeitig (und naheliegenderweise) für das Stadtmarketing benutzt wird: GEO – (kein Hinweis auf geologische oder geographische Besonderheiten, z.B. ein Meteoritenkrater o.ä.), sondern KfZ-Kennzeichen bis 1972. Es gibt die Geomed-Klinik Krankenhaus Gerolzhofen, das Geomaris Badeparadies (Hallen- und Freibad), eine Pizzeria GEO – auf der Speisekarte findet sich der GEO Salat (Grüner Salat, Gurken, Tomaten, Tunfisch, Käse, Schinken, Ei, grüne Peperoni, Oliven, Artischocken), die Pizza GEO (Tomatensoße, Käse, Schinken, Salami, Pilze, Paprika, Artischocken, Oliven), Nudel GEO (mit Fleischsoße, Sahne und Erbsen), Lasagne GEO und Schnitzel GEO (mit Fleischsoße, Sahne und Erbsen, Pommes und Salat), die Geodrom Eventhalle, das Bistro Geo-Treff usw.

Im Zuge der kommunalen Neuordnung Bayerns wurde der Landkreis Gerolzhofen 1972 aufgelöst und die Stadt verlor den Status einer Kreisstadt. Die ehemalige Kreisstadt Gerolzhofen behielt zunächst eine Anzahl überörtlicher Behörden, die aber nach und nach verlegt wurden.

Gerolzhofen ist ein Mittelzentrum, Wirtschafts- und Schulzenrum für die umliegenden Gemeinden („Marktplatz der Region“). Und so sieht die Stadt auch aus – keine pittoreskes Frankenstädtchen, zu weit weg von Weinfranken und, obwohl es sich als „Tor zum Steigerwald“ bezeichnet, ist es auch von diesem noch zu weit entfernt.

Gerolzhofen ist auch im Programm Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ (Städtebauförderungsprogramm „Stadt- und Ortsteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die Soziale Stadt“). Das „Soziale Stadt“-Gebiet umfasst vor allem die Altstadt bis zur äußeren Stadtmauer und dem Alleepark. Auf der Internetseite des Quartiersmanagments steht: „Die Altstadt Gerolzhofens weist im Vergleich zu den umliegenden Wohngebieten Merkmale auf, die für eine Aufnahme in das Programm Sozial Stadt sprechen: Städtebauliche und bauliche Schwächen, Mängel im Wohnumfeld und im öffentlichen Raum, vorhandene Leerstände, Tendenz zu einer einseitigen Bevölkerungsstruktur, Gefährdung der zentralörtlichen Versorgungsfunktion, Kaufkraftverlust durch großflächigen Einzelhandel außerhalb des Stadtkerns.

Aber dennoch oder gerade deshalb ist Gerolzhofen interessant, und ein paar Sehenswürdigkeiten hat es auch zu bieten.

Ferner hinterlässt auch ein kurzer Blick in die Geschichte der Stadt keinen ruhmvollen Eindruck: 1397-1400 wurde die Stadt im Fränkischen Städtekrieg verwüstet. In der Zeit der Hexenverfolgungen und –verbrennungen unter dem Würzburger Fürstbischof Philipp Adolf von Ehrenberg (1583-1631) war Gerolzhofen als Hauptgerichtsplatz ein Zentrum. Der Gegenreformator Philipp Adolf von Ehrenberg betrieb eine harte Rekatholisierungspolitik, er war zudem ein unerbittlicher Hexenverfolger. Die Hexenverfolgung, die zwischen 1626 und 1630 ihren Höhepunkt erreichte, hatte Menschen aller Stände im Visier: neben einfachen Leuten wurden auch Adlige, Ratsherren und Bürgermeister auf den Scheiterhaufen verbrannt. In Gerolzhofen wurden angeblich sogar Verbrennungsöfen, um die rund 200 Menschen pro Jahr verbrennen zu können. Viele starben bereits vor ihrer Verurteilung an den Folgen der Folter im Hexenturm und Centgefängnis. [1]
Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) wurde die Stadt ab 1631 wiederholt geplündert und gebrandschatzt. Hinzu kamen Pest und Hungernöte, welche die Bevölkerung der Stadt um ein Viertel dezimierten.

Stadtspaziergang:

Spitalstraße, Weiße Turm-Straße: Fachwerkhaus Teutsch (von 1566) mit Erkertürmchen und Andreaskreuz-Galerien[2], zuletzt Verlagsgebäude der Heimatzeitung „Der Steigerwald-Bote“. Daneben Teutsch am Turm Buchhandlung. Seitengasse Richtung ehemaliges Oberamtshaus rechts der Fachwerkhof Weißer Hof (Toreinfahrt mit wehrgangähnlicher Überdachung und verzierten Rautengefachen[3], idyllischer, durchgegrünt-verwachsener, schön dekorierter Innenhof. Auf der linken Seite das Echterhof Fachwerkhaus mit nachgotischem Treppengiebel und Sechseck-Hofturm von 1609.
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Stuttgart 20 bis 21

19 Mrz

Stuttgart ist eine herausragende Stadt, und für die Spätzle-Metropole hat man viel vor. Sie wird gewappnet, ja für das 21. Jahrhundert infrastrukturell geradezu aufgerüstet, damit sie eine bedeutende Rolle spielen kann auf einer für das zusammenwachsende Europa überaus wichtigen bedeutenden Ost-West-Magistrale zwischen Paris und Budapest (oder war’s Bratislava?). Das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm und damit in Zusammenhang Stuttgart 21: Das riesige Gleisfeld vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof soll in den Untergrund verlegt werden, um ein richtungsweisendes Brownfield Development in Angriff nehmen zu können. Der Führer, hier die Deutsche Bahn und die Stadt Stuttgart, baut dort den Klonen eine Stadt. Im Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs (ein bemerkenswertes Gebäude) wird das alles auf mehreren Etagen der Öffentlichkeit im Rahmen einer das städtebauliche Projekt begleitenden Ausstellung vorgestellt. Die zukünftigen Bewohner des neuen Stadtteils werden dort ihre Vision vom Leben und Arbeiten in einer Metropole des 21. Jahrhunderts verwirklichen können. Ein schnuckliges DITK-Pärchen (Double Income Two Kids) lächelt mir glückselig und (finanziell wie sexuell) zufrieden aus einer Video-Präsentation entgegen. Das Söhnchen (Grundschule fertig, leider nur Empfehlung für Realschule. Das Leben kann trotzdem so schön sein, fantasiere ich, immerhin hat die ältere Tochter gerade ein Auslandssemester an der London School of Economics vor sich); das Söhnchen jedenfalls schaut in der Videopräsentation fasziniert vom Balkon des bunten, mehrstöckigen Solitärbaus auf das begrünte Nicht-Mehr Gleisfeld hinunter. Ein anderer Gutverdiener spielt mit seinem Sohn in der neuen Parkanlage Fußball, während seine Latte im Glas kalt wird.
Der unterirdische Bahnhof wirkt in der Simulation eher wie eine Raumstation, in der die ICE’s einschweben, um dann wieder zu den interstellaren Außenposten zu entgleiten. Tatsächlich wird es dann für die meisten lediglich schneller zum Frankfurter Flughafen, nach Ulm und wohin auch immer gehen. Auch die Tagespendler werden wertvolle Minuten sparen können. Prachtvolles Projektmarketing, mediengestählte Volksdidaktik. Nach der Ausstellung kann man auf der Aussichtsterrasse des Bahnhofsturms unter dem sich drehenden Mercedes-Stern schon mal beim Blick durch den Maschendrahtzaun die metropolitane Zukunft visionieren. Leider war es verdammt kalt, windig und tiefgrau bewölkt gewesen, so dass mir das Utopieantizipieren eher schwer gefallen ist.
Nein, im Ernst, ich freu mich drauf, und der ironische Ton ist auch nicht auf das Projekt an sich, sondern nur auf die Art der Ausstellung gerichtet. Vor mir auf dem Schreibtisch liegt eine dieser Wackelpostkarten, die mir die Transformation eines grauen vergleisten Eisenbahngeländes in ein innerstädtisches durchgegrüntes Arkadien vor Augen führt. — Reiseandenken.

Ich bin begeistert von Stuttgart gewesen. Als ich das letzte Mal dort war, vor ca. 15 Jahren, hat mir die Stadt nicht so gut gefallen. Stuttgart hat einiges zu bieten: Außerhalb der Innenstadt ausgedehnte Gewerbe- und Industriegebiete wahrhaft imposanten Ausmaßes. Auch das ist nicht ironisch gemeint, ich mag Gewerbegebiete, ich gehe dort gerne spazieren. Weiterlesen

stadt land schaft

18 Jan

Eine Ausstellung im Schloss Oberschwappach, 14.6.-2.8.2009

(… habe ich in meinem Archivkoffer gefunden.)

Fürther Freiheit

7 Dez

Die Fürther Freiheit ist ein rechteckiger, großer Platz in Fürth (Bayern). In seiner Form geht er auf die Nazis zurück, die 1938 einen Aufmarschplatz haben wollten. Das ist nicht weiter überraschend, war doch das der Stadt Fürth direkt benachbarte viel größere Nürnberg eine Lieblingsstadt Adolf Hitlers. Nürnberg war die Stadt der Reichsparteitage, und dort wurden die Nürnberger Gesetze verabschiedet. In Nürnberg wirkte einer der schlimmsten Nazi-Teufel, der Frankenführer Julius Streicher, ein persönlicher Freund Hitlers.

Noch früher endete auf der Fürther Freiheit die Bayerische Ludwigsbahn. Diese erste deutsche Eisenbahn fuhr seit 1835 unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit vom Plärrer in Nürnberg entlang der Fürther Straße über die heutige Hornschuchpromenade und Königswarterstraße in Fürth bis zum damaligen Bahnhof. Dieser wurde 1938 von den Nazis abgerissen, wodurch der Platz entstand, der heute Fürther Freiheit heißt. Er ist einer der lebendigsten Plätze der Stadt. In den umliegenden Gebäuden sind Kaufhäuser, andere Geschäfte sowie Gastronomie untergebracht.

An diese frühe Epoche der Eisenbahn erinnert kaum noch etwas. Ein Viertel des Platzes ist heute, an einem Freitag im Dezember, von einem Weihnachtsmarkt eingenommen. Die Buden sind so angeordnet, dass der Weg in einer Schlangenlinie zwischen ihnen hindurchführt. Hinter jeder Biegung folgt ein weiterer Bratwurst-Imbiss (die Auswahl ist verführerisch groß), ein weiterer Glühweinstand (die Auswahl ist berauschend) und Stände mit Geschenk- und Dekorationsartikeln, sowie Losbuden. Plötzlich ein Stall mit echten Schafen, und dann die Best-Western-Bahn für die Kinder, die damit ein paar Runden durch eine farbig beleuchtete Weihnachtsdekorations-Kunstlandschaft fahren. Ich muss an die Ludwigsbahn denken mit der Dampflokomotive Adler, die sie gezogen hat.

Dann fällt mir auf, dass für einen Freitagabend ja eigentlich gar nicht so viel los ist auf diesem Weihnachtsmarkt. In Nürnberg findet der weltberühmte Christkindlmarkt statt. Angesichts der Tatsache, dass dort jedes Jahr über zwei Millionen Besucher gezählt werden, bin ich froh hier in Fürth zu sein, geradezu erleichtert und hole mir noch einen Glühwein. Auf einer kleinen Bühne singt der Seemannschor Nürnberg. Ich weiß nicht, was ich als ungereimter bezeichnen soll: ein Seemannschor aus Nürnberg, oder die Tatsache, dass ein Nürnberger Seemannschor auf dem Weihnachtsmarkt auf der Großen – Entschuldigung – Fürther Freiheit in Fürth auftritt.

seemannschornurnberg

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Mallorca-„Urlaub“

10 Sep

Von der Baleareninsel Mallorca habe ich mir ein Reiseandenken mitgebracht. Es sieht aus wie eine Papierserviette, würde als solche aber nicht so gut funktionieren. Ich habe es aus einem Restaurant in Can Picafort mitgenommen, in dem sie versuchten mit einem bayerischen Radiosender die Straßengeräusche zu übertönen. Die Speisekarte war mehrsprachig, im Angebot vor allem Pizza, Pasta, Fleisch- und Fischgerichte. Kaffee und Kuchen gab es auch sowie Bier vom Fass. Die mit einer Art Karte von Mallorca bedruckte Papierserviette wurde vom Deutsch sprechenden Kellner, den ich hartnäckig auf Spanisch belaberte, vor mir ausgebreitet bevor er uns das Essen servierte.

Eine "Karte" von Mallorca

Wir, mein 5-jähriger Sohn und ich, wir waren sogar öfters in diesem Restaurant. Ich nannte es „den Betrüger“, denn ich war mir so sicher, dass es viel teurer ist als andere Restaurants dieser Kategorie. Im Laufe des Urlaubs – besser gesagt der Reise, weil Geographen ja grundsätzlich keinen Urlaub machen; sie reisen ja nicht einmal, sondern veranstalten Forschungsaufenthalte – stellte sich heraus, dass man dort doch recht günstig essen konnte. Die anderen Restaurants, v.a. die an der Strandpromenade, waren noch viel teurer. Die Pizza war zudem ganz gut und der Salat wirklich nicht schlecht.

Das Reiseandenken, die Papierserviette, ist mit einer schlechten Karte von Mallorca bedruckt. Es fehlt der Maßstab, ohne Flächenschraffuren, die Berge sind nicht eingezeichnet, lediglich die Küstenlinie, die Straßen, die ein kaum differenziertes Gewirr darstellen, und Ortsnamen. Mit dieser Karte könnte man nur sehr schwer seinen Weg über die Insel finden. Warum auch? Weiterlesen

Heute hat mir Walter Benjamin eine neue Kategorie für mein Blog geschenkt.

16 Feb

In Walter Benjamin’s Buch Einbahnstraße (Suhrkamp Verlag, Frankfurt /Main, 1988, Orig. 1928) findet sich ein Abschnitt Reiseandenken (S. 77 ff.). Ausgehend von einzelnen Orten oder Gebäuden lässt er den Leser an seinen Bewegungen und Beobachtungen, aber wichtiger und eigentlicher an seinen Gedanken teilhaben, die von diesen Orten bzw. Gebäuden abschweifen, jedoch ohne sie zu verlassen.

Hier ein kurzes Beispiel: (S. 78): Marine. – Die Schönheit großer Segelschiffe ist einziger Art. Denn sie sind nicht allein in ihrem Umriß durch Jahrhunderte unverändert geblieben, sondern erscheinen in der unwandelbarsten Landschaft: auf der See gegen den Horizont abgehoben.

Ich freue mich schon auf meine kleine schriftstellerischen Übungen. Ein Andenken habe ich auch bereits mitgebracht, einen Bierdeckel aus einem Brauhaus aus Bamberg. Bamberg – Weltkulturerbe, die Stadt der Rauchbiere.