„Lazyboy“ und seine „plötzlichen Ortswechsel, Translokationen usw. (u.a. nach Würzburg) – Romane von plötzlichen, merkwürdigen, ganz anderen Orten

17 Jan

Lazyboy“ (Roman von Michael Weins, mairisch verlag, 2011) ist freier Journalist (er schreibt für Szenemagazine in Hamburg), und heißt eigentlich Heiner Boie. Seit langem muss er mal wieder zum Arzt, denn ihm widerfahren merkwürdige „Blackouts“. Dabei handelt es sich um plötzliche Ortswechsel (im folgenden pOw) – in einem leibhaftigen Sinne, und ohne Einfluss von Rauschmitteln. Die pOw ähneln auf eine gewisse Weise dem Beamen, bedürfen aber keinerlei Strahlenmedium und technologischen Schnickschnacks. Man könnte auch von Translokation, Teleportation, Transmission, Transmigration usw. sprechen Der erste pOw führte, oder besser katapultierte, Heiner nach dem Aufstehen, mit dem bereiteten Frühstück in der Hand direkt in ein Möbelhaus. Sein zweiter pOw war fast schon hilfreich: vom Eingang des Supermarktes mit der Einkaufstüte direkt nach Hause. Die pOw passieren meist, wenn er im Begriff ist den Raum zu wechseln; sie schienen immer mit dem Durchschreiten einer Tür verbunden zu sein. Lazyboy tritt durch eine Tür, allerdings kommt er nicht wie gewünscht im Nebenraum an, sondern anderswo. Durch einen pOw kann er durchaus eine gewisse Distanz überbrücken (und das nur in Sekundenbruchteilen). Einmal, beim Verlassen des Gebäudes, in dem sich die Arztpraxis befindet, landet er in Würzburg:

„Jetzt aber stehe ich am Ufer eines Flusses, ein großer Fluss, graugrünes Wasser. Genauer gesagt stehe ich am Fuß einer reich verzierten Fußgängerbrücke, Barock, grauer, alter Stein, Statuetten auf den Balustraden. Am gegenüberliegenden Ufer hoch droben thront eine stattliche Burg auf einem Hügel. Auf der Flanke des Hügels stehen Weinstöcke Spalier. Es sieht irgendwie süddeutsch aus. Ich drehe mich um und stelle fest, dass sich zwei Schritte hinter mir die Tür eines Andenkenladens befindet, wie praktisch. […] – Am anderen Ende der Brücke ist ein Restaurant mit einer schönen Holzterrasse oberhalb eines alten Wehrs. Ich suche mir einen Platz in der Sonne. Ich werden von einer mittelalterlichen Frau mit weißer Schürze und einem faltigen, grauen Rock über äußerst stramm aussehenden, abgekämpften, harten Waden und Birkenstocks an den tennisbesockten Füßen bedient. […] „Entschuldigen Sie“, sage ich. „Wo sind wir?“ „Wie meinen Sie das?“, fragt sie ohne Gesichtsausdruck. „Die Stadt“, sage ich, „in der wir uns befinden, wie heißt das alles hier?“ Sie guckt mich an, nichts regt sich in ihrem Gesicht. „Würzburg“, sagt sie. Ein Lächeln geht auf meinem Gesicht auf wie Urlaubssonne, ich kann es warm und deutlich spüren. Ich meine mich zu erinnern, dass Würzburg an einer ICE-Strecke liegt. Ich kann mir also ordentlich Zeit lassen, alles anzugucken. „Toll“, sage ich. „War ich noch nie, in Würzburg. Was isst man denn hier so? Gibt es eine Spezialität?“ „Blaue Zipfel“, sagt die abgezehrte Frau ohne Begeisterung. „Toll“, sage ich, „nehme ich. Wenn ich schon mal da bin.“ Beiläufig muss ich an Schlumpfhausen denken. […] – Etwas später stellt sie die Blauen Zipfel in einem Teller Brühe vor mich hin. Diese stellen sich als in Essig gekochte Würste heraus. Na ja. – Trotzdem sitze ich mit dem zufriedensten Lächeln der Welt auf der Terrasse oberhalb des Flusses, der jetzt im Sonnenlicht tiefbraun und goldbesprenkelt vor sich hin funkelt. Ich äuge zur Burg hoch. Das Sonnenlicht gleißt auf den alten Schindeln. Still für mich formuliere ich einen erhabenen Gedanken. Innerlich fülle ich mit dem goldenen Licht der Zufriedenheit, als ich meinen schönen, gehaltvollen Gedanken denke. Ich denke: Es intensiviert den Aufenthalt an einem Ort, wenn man sich klarmacht, in jedem Augenblick auch woanders sein zu können, durch irgendeine Tür jäh aus dieser Gegenwart in die nächste gerissen zu werden, dass jegliche Anwesenheit schlagartig beendet sein kann. – Für zwei gekochte Blaue Zipfel muss ich 14 Euro bezahlen, das dämpft mein Gefühl von Erhabenheit empfindlich. – Als ich später den Prachtbau der Würzburger Residenz aus dem 18. Jahrhundert  betrete, ein weltbekanntes Fresko von Tintoretto oder so befindet sich darin, halte ich vor der ersten Tür bewusst inne, halte mich am Türrahmen fest und schaue mich noch einmal um…

Freilich bekommt Lazyboy wegen seiner nachlassenden Zuverlässigkeit, bedingt durch die häufigen, nicht planbaren pOw Schwierigkeiten mit seinen Auftraggebern und seiner Freundin Monika. Als „Raumspringer“ oder notorischer „Ortswechsler“, „Translokant“ usw. ist er, was Termine angeht, sozusagen etwas zu sprunghaft für ein geregeltes Arbeits- und Beziehungsleben.
Bei einem weiteren pOw in den ländlichen Raum lernt er ein Mädchen kennen, Daphne; sie kann ihre pOw kontrollieren.
Im weiteren Verlauf der Geschichte führen ihn die pOw nach Beek. Diese geteilte Kleinstadt ist nun aber wirklich eine merkwürdige andere Welt, die es so in der Realität vor der Tür nicht geben sollte. Dort halten sie Lazyboy für den „Mittler“. Am Ende der Geschichte ist dann sowieso alles ganz anders.

Wen das dann an Haruki Murakamis ‚Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt‘ erinnern sollte…. – Michael Weins beginnt sein Roman mit einem Zitat aus Murakamis Buch („Was hast du denn auf einmal?“ fragte der Schatten. „Wie war ich denn früher? Ich selbst – wer ist das?“, sage ich).

Im folgenden noch eine Kartenskizze von Beek aus ‚Lazyboy‘ und die Karte vom ‚Hard-boiled Wonderland‘:

Kartenskizze_Lazyboy-Beek-800px

Kartenskizze_HardboiledWonderland-Murakami-800px

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: