Durch die schöne, neue Welt des Zoos

19 Aug

Können wir uns vorstellen, wie es ist ein Krokodil im Zoo zu sein?

Mein Name ist Hugo, ich bin ein Neuguinea-Krokodil (glaube ich zumindest). – Gut, sehr gut geht es mir hier. Das Gehege bietet mir alles, was ich benötige: ausreichende Luftfeuchtigkeit, ein Wasserbassin mit schmuddlig-trübem Wasser. Dessen Temperatur und die der Umgebungsluft sind äußerst angenehm. Keine meteorologischen Störungen, keine Wasserverschmutzung. Subtropische Pflanzen lassen ihre Zweige über die Wasseroberfläche hängen. Der Beton fühlt sich an wie natürliches Gestein. Ich liege dort herum, ab und zu wird Nahrung gereicht. Wenn mich irgendwelche Vögel nerven, kann ich auch mal wild werden. Monoton ist es nicht, für Abwechslung wird gesorgt. Prinzipiell genieße ich die Ruhe. Man gibt mir sogar die Möglichkeit zur Fortpflanzung, und mein Animal Welfare-Index ist im Vergleich zu meinen Verwandten in der freien Wildbahn hoch. Die Sonne vermisse ich nicht, das künstliche Licht ist ein vollkommener Ersatz. Die Sterne am Himmel kümmern mich nicht. Ich muss auch keine Feinde fürchten, ich werde nicht verfolgt, nicht angegriffen und nicht erlegt. Vielleicht bin ich ein transgenes Krokodil oder durch Inzucht degeneriert, – aber mir geht es gut. Es muss hier keiner vor mir Angst haben (außer ein paar lästige Singvögel)

Wer würde angesichts solcher Zustände an das Ende seiner Natur denken? Wer denkt an Datenbanken, Gentechnologie, DNS-Sammlungen, Gen-Patente, PID, PCR, Künstliche Befruchtung, Embryonentransfer, transgene Tiere, Stammzellen, Klone, Gen-Pharming, an das Human Genome Project, Xenotransplantationen, Keimbahnveränderungen, Fortpflanzungsprogramme usw.?

Warum ich beim Zoo daran erinnert werden, dass uns eventuelle das Ende des Menschen bzw. des Menschlichen bevorsteht, dass ich an die Fortschritte der Bio- und Gentechnologie denken muss, hat auch einen technikphilosophischen Hintergrund.

Wenn wir bei Technik primär an die Umwandlung und Umgestaltung anorganischer Ressourcen denken, erscheint uns das relativ harmlos. Wir bearbeiten Steine, betreiben Bergbau usw. Hammer, Bohrmaschine, Bagger, Lastwagen, Dampfmaschine, Fabriken, Industriegebieten – harmlose Begriffe, weitgehend unspannend. Inzwischen auch alles weitgehend sauber, kaum noch schmutziger Rauch; Fabriken, die aussehen wie große Lagerhallen. Harmlos und gleichzeitig so nützlich: Stoffwandlungstechnik (z.B. Verfahrenstechnik, Fertigungstechnik, Produktionstechnik), Stofftransporttechnik (z.B. Fördertechnik, Verkehrstechnik), Stoffspeichertechnik (z.B. Lagertechnik, z. T. Bautechnik), Energiewandlungstechnik, Energieübertragungstechnik, Energiespeichertechnik, Informationsverarbeitungstechnik (einschließlich Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik), Informationsübertragungstechnik (beispielsweise Nachrichtentechnik), Informationsspeichertechnik (einschließlich Drucktechnik, Tontechnik, Fototechnik, Filmtechnik). Schöne Technikwelt – seit jeher. Aber kein Pop (abgesehen von der Informationsspeichertechnik). Technik oder Technologie, da gibt es ja wohl einen Unterschied?

Auch der Ackerbau erscheint uns harmlos; wir hegen doch kollektiv geradezu romantische Bilderwelten von harmonisch-friedlich anmutenden Landschaften, die geprägt werden durch den primären Sektor. Das ist nun wirklich kein Pop – könnte es aber vielleicht sogar sein: Neue Ländlichkeit – ganz ohne Romantik?

Anders wird es, wenn wir an sektorenübergreifende Industrialisierung denken. Wenn wir Landwirtschaft industrialisieren, entstehen Monokulturen, wir arbeiten mit ungeheuren Mengen von Düngemitteln, Pestiziden usw. Vielleicht kommen sogar gentechnische veränderte Organismen zum Einsatz: verschiedene Gv-Maissorten, Gen-Baumwolle, transgene Sojabohne, Raps, Tabaks, Anti-Matsch-Tomaten usw.

Technikfolgen drohen, die wir abschätzen müssen. Und abschätzen impliziert immer eine gewisse Unsicherheit.

Bei der Produktion von tierischen Nahrungsmitteln wird es noch eindringlicher, wenn auch weniger sichtbar: Landlose Tierproduktion, Intensiv- oder Massentierhaltung. Legehennenbatterien, Schlachthöfe (der Inbegriff einer industrialisierten, menschenfeindlichen Nahrungsmittelindustrie). Salmonellen, BSE, Hybride, Hochleistungsrassen, und auch hier GVO’s: Mega-Milch-Kühe, Super-Pracht-Schweine, Turbolachse, BSE-resistente Rinder – oder wie wäre es mit GloFish’schen im Aquarium usw.

Wir dehnen den technisch-industriellen Zugriff auch auf anderen Lebewesen aus; Technik ist eine Art und Weise der Bemächtigung der Welt durch den Menschen.

Aber auch: Wir atmen, und verwenden dabei Atemtechniken, weiter Entspannungstechniken, Lerntechniken; das Lernen von Fertigkeiten, Geschicklichkeiten etc.

Durch den Menschen kam die Technik in die Welt, wir sind Technik. Modernisierung ist Technisierung. Wir schaffen um uns herum Technik-Umwelten im kleinen wie im großen Maßstab, wir schaffen Technik-Landschaften. Kultur-Landschaft, auch die vom primären Sektor geprägte, ist eine Technik-Landschaft.

Und den Rest an Natur organisieren wir in Schutzgebieten – auch diese ein Produkt von Aushandlungsprozessen, die das Ergebnis sind von Techniken (Politik, Rhetorik, Wissenschaft Information.) Biosphärenreservate sind keine Wildnisschutzgebiete, sondern Gegenden, in denen wir Techniken nachhaltiger Landnutzung und Daseinsformen pflegen und entwickeln. Es sind Freilandlaboratorien, in denen wir unter wissenschaftlicher Aufsicht Kulturlandschaften weiterentwickeln. Extensive Wirtschaft (Öko-Landbau) beruht auf Techniken.

Und wir bauen Zoos. Der Zoo will uns daran erinnern, dass wir unsere Techniken so umgestalten bzw. einsetzen müssen, dass wir nicht immer mehr Tier- und Pflanzenarten und natürliche und naturnahe Ökosysteme an den Rand ihrer Existenz bringen. Weiter auch, dass wir unsere Technik umweltverträglicher und auch sozialverträglicher gestalten müssen.

Wir müssen unsere Techniken ändern. Wir müssen also auch uns selbst ändern. Wir müssen besser handeln und besser werden.

Das was Konrad Paul Liessmann (2009)im Anschluss an die Lektüre von Peter Sloterdijk und an Günther Anders’ These vom prometheischen Gefälle darlegt, mag manchen durchaus als tiefe Verunsicherung erscheinen. Diese Verunsicherung basiert auf dem zunehmend „löchrigen Zaun, der den Menschenpark vom Tierpark der Natur und vom Maschinenpark der Ingenieure trennt“, und einem akut werdenden Bild des Menschen, in dem das Menschliche zugunsten des Transhumanen zurücktritt, ein Menschenbild, das ein Hybridwesen entwirft, das „entweder durch transhumane Gene verbessert oder an hochkomplexe Prozessoren und kybernetische Maschinen angeschlossen ist“ (ebd., S. 442).

Was angesichts von Zoologischen Gärten hieraus folgt, ist eine aus der Übertragung der Künstlichkeit und der Gestaltungspotenzialität von Natur gefolgerte Analogie der Zoos mit menschlichen Gesellschaften, wie sie dann auch im Begriff „Menschenpark“ zum Ausdruck kommt, und in der Annahme einer Vorwegnahme bestimmter Techniken des Engineering bei Tieren und bei der Natur als künftige Anthropotechniken. Denn wir können und sollen uns verbessern – diese Botschaft will uns auch der Zoo vermitteln. Der Zoo erinnert uns also nicht nur an unsere Fehler und Mängel, sondern er erinnert uns auch an „therapeutische Korrektive zu auftretenden Defekten oder Abweichungen“, und an „Entwurfs- und Verbesserungstechniken“ (Liessmann 2009, S. 436), eben Anthropotechniken. Es sind nicht nur die Techniken gemeint, „wo der Mensch sich tatsächlich einer avancierten Technologie unterwirft“ (z.B. der Gentechnik), sondern „alle Verfahren zur Gestaltung, Bildung, Erziehung, Sozialisation und Zivilisierung des Menschen“ (Liessmann ebd., S. 432).

Sloterdijk selbst beförderte diese Analogiebildung durch die Titel der Aufsätze „Das Menschentreibhaus“ (2001) und „Regeln für den Menschenpark“ (1999).

 Literatur:

Anders, G.: Die Antiquiertheit des Menschen. 2 Bde. Bd. 1: Über die Seele im Zeitalter der Industriellen Revolution. – C.H. Beck, München 1956. Bd. 2: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der Dritten Industriellen Revolution – C.H. Beck, München 1980.

Liessmann, K. P. (2009): Der Riss im Zaun. Neues aus dem Menschenpark, S. 431-443. In: Jongen, M.; S. van Tuinen & K. Hemelsoet (Hrsg,): Die Vermessung des Ungeheuren. Philosophie nach Peter Sloterdijk. – Wilhelm Fink Verlag, München.

Sloterdijk, P. (1999): Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus. – Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main. (auch im Internet: http://menschenpark.tripod.com/).

Sloterdijk, P. (2001): Das Menschentreibhaus. Stichworte zur historischen und prophetischen Anthropologie. – Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, Weimar.

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