Zoogänge und der erbauliche Spaziergang als Parodie des bürgerlichen Spaziergangs

22 Jul

Die Zoos (wie auch die Tierparks und die Botanischen Gärten) machen es ambitionierten Spaziergängern und einer Spaziergangswissenschaft (im weiteren Sinne) keineswegs leicht. Der Zoo genießt in dieser Szene ein schlechtes Image: eine kommerzielle Institution, von der man nicht viel erwarten kann. Wenn aber Einkaufszentren „erlaubt“ sind, dann sollte man ja auch in den Zoo gehen können, um dort zu flanieren.
Im folgenden erkläre ich, warum der Zoo für ambitionierte Spaziergänger ein schlechtes Image hat, um dann Chancen und Möglichkeiten zu eröffnen, den Zoo als einen geradezu paradigmatisch-postmodernen Ort für einen ambitionierten Flaneurismus zu präsentieren.

Desert im Burgers‘ Zoo in Arnhem (NL)

So übel kann der Zoo doch gar nicht sein. Selbst Franz Hessel, der Flaneur in Berlin, suchte bei seinen Spaziergängen durch Berlin den Zoo auf: Ähnlich wie bei einem Park nahm er zuerst den Kontrast zur umgebenden Großstadt wahr (der Zoo als Zoologischer Garten): „Aber auch da, wo ihm die Häuser dicht auf den Leib gerückt sind und der Lärm der Hupen, das grelle Licht der Scheinwerfer und Reklamen über seine Mauern dringt – man hat kaum das Portal mit den torhütend lagernden Steinelefanten durchschritten und ist in einer andern Welt.“ In dieser Welt sind die Tiere „Hauptpersonen“. Hessel betont freilich auch den Aspekt der Naherholung, das Spaziergehen entlang des Vierwaldstättersees und die Rolle des Zoos als „herrliches Kinderreich“, in dem Babys spazieren gefahren werden und Jungen auf den Spielplätzen toben. Hessel möchte nicht über die Art und Sitte der Tiere reden, er zieht es vor auf deren „merkwürdige Behausungen“ einzugehen. „Da sie nun einmal zu unserer Lust und Belehrung Gefangenen sind, ist man darauf bedacht gewesen, ihnen ihr Gefängnis möglichst wohnlich einzurichten. Sie sollen das Gefühl haben, in ihre Erdhöhle, ihre Schlicht, ihren Hohlbaum, ihr Nest zu kriechen, wenn sie in das ummauerte Verlies müssen. […] Und doch sind die Felsblöcke wie Kulissen, wie Versatzstücke. Und wie vor dem Puppentheater stehen die Kinder vor den Eisenstäben.

Franz Hessel kann es aber auch kaum kaschieren; – es muss halt sein, dass man auch mal in den Zoo geht. Der Zoo funktioniert in einem metaphorischen Sinne eher als beispielhaft für schlechte Formen des Spaziergangs. Der Zoo als Ort für Spaziergänge, bei denen keine tieferen Absichten zu finden sind, sondern nur der Erbaulichkeit dienen. Von der Weppen (1995, S. 124) spricht von einer „Parodierung des bürgerlichen Spaziergangs“. Solche Spaziergänge sind schales Pflichtprogramm, „bloße Konvention“, „allgemeiner Usus“. Sie führen lediglich zur Erbaulichkeit, und Erbaulichkeit sei eine Form der Empfindung, „die ursprüngliche, echte Empfindung letztlich zerstört“ (ebd., S. 124). Die Parodie besteht darin, dass man nicht spazieren geht, sondern eine Art Spaziergang durchführt, um etwas aufzusuchen, was letztlich vielleicht gar nicht mehr existiert. „Man muss in die Natur hinausspazieren, da es sich so ‚gehört’ naturnah zu sein“ (ebd., S. 124). Ähnlich beim Ausflug in den Zoo: Man geht in den Zoo, um wilde Tiere zu sehen, um ursprüngliche, echte Natur hautnah erleben zu können, und doch ist es so anders – so viel langweiliger, so passiver, so schläfriger – als in den Fernseh-Dokumentationen.
Ganz abgesehen davon, dass im Zoo allzu oft nicht über die Echtheit von Natur reflektiert wird, gerieren sich diese Spaziergänger, diese typischen Zoogänger sogar zu einem moralisierenden Spaziergänger: „Er glaubt ja, das Richtige zu tun, ja er fühlt sich sogar moralisch im Recht, und die Moral ist es ja gerade, die ihn den Blick verstellt: er liebt die Natur nicht, weil er sie liebt, sondern weil er weiß, dass es gut ist, sie zu lieben. So wird der erbauliche Spaziergänger ungewollt zum moralisierenden Spaziergänger, der – selbstgerecht – um die vermeintliche Richtigkeit seines Weges weiß“ (von der Weppen 1995, S. 124). Auch im Fernsehen wird die Natur nicht richtig dargestellt, man konzentriert sich auf die aktiven Phasen, die Action vermitteln; die Geduld, die Wachsamkeit, die Konzentration ist nicht mehr erkennbar. Die Begegnung mit Tieren im Zoo wird so auf eine höhere Stufe gehoben, allein schon deshalb weil es sich um leibhaftige Individuen handelt. Kein Wunder, dass die Kinder im Zoo schnell keine Lust mehr haben auf die wilden Tiere, auf diese echte Natur, und die Zeit stattdessen lieber auf den Spielplätzen verbringen wollen. Der Ausflug in den Zoo wird zu einer Institution, einem pseudo-pädagogischen Pflichtprogramm, dass sich anbietet, ein Sonntagsausflug, ein bildungsbürgerliches Ritual, das man den Kindern als etwas Tolles verkaufen kann, und sich selbst sinnhaft darbietet als Möglichkeit der Naturbegegnung und –bildung.
Darüber hinaus ist der Ausflug in den Zoo aber trotz der Wildheit der Tiere gezähmt und weichgespült. Echte Natur bleibt außen vor, es kommt letztlich weder zu einer Begegnung der Menschen mit Natur, noch zu einer Begegnung mit Menschen, die als störende Außenwelt betrachtet werden können. Im Gegensatz z.B. zu öffentlichen Freibädern wirkt der erheblich höhere Eintrittspreis überaus selektierend.

In einem zweiten Schritt können wir dann die räumliche Organisation des Zoos als sinnbildlich dafür ansehen, wie allgemein freie und vielschichtige Räume immer mehr schwinden. „Bei genauerer Betrachtung aber zeigt sich […], dass die Räume des Flaneurs, des Spaziergängers, des Wanderers mehr und mehr im Schwinden begriffen sind, beziehungsweise durch eine allumfassende Reglementierung des Raums für die Massen ersetzt wird: durch einen geregelten Fußgänger-Parcours, durch eine Fußgeher-Naturlehrpfad in ‚gehegter’ Landschaft, durch ‚abgezäunte’ umweltbewusste Wanderwege ebenso wie durch eigene Trassen für Mountainbiker, denen Natur ohnehin nur als Staffage dienen muss“ (von der Weppen 1995, S. 134).

Dann folgt der Satz: Der Spaziergänger gerät in den Zoo.
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Da haben wir es: Der Zoo als Sinnbild, als Parade-Paradigma für eine durchgestaltete, genormte Welt, in der eigentlich kein Platz ist für Freigeister, Romantiker, Eigenbrötler, Querdenker und Querulanten. Der Zoo als naturpädagogisches Erlebniszentrum, als Übungsanstalt, als in die Freizeit verlängerter Arm der Schule, als gesellschaftlich anerkannter Ort familiärer und sinnvoller Freizeitgestaltung. Aber eigentlich ein Nicht-Ort, eine Kunst-Ort, eine Kulissenlandschaft für nicht-authentische Begegnungen mit der Natur, in dem zu allem Überfluss noch Tiere gefangen gehalten werden (auch wenn es häufig nicht mehr so aussieht). Dann gehen wir doch lieber ins Einkaufszentrum flanieren.
Hinzu kommt noch, dass wir den Zoo als Ort auffassen könnten, indem sich angesichts der Versprechungen der Gen-Technologie auch eine nicht-natürliche, nicht-mehr biologische Zukunft des Menschen anbahnt: Biotechnologie, DNA-Sammlungen, Gen-Datenbanken, Gen-Patente, künstliche Befruchtung, Prä-Implantationsdiagnostik, Klonierungsverfahren, Keimbahnveränderungen usw. Oh ja, es reicht nicht mehr den Menschen erziehend zu verändern, er muss gezähmt werden, er muss weitergezüchtet werden. Der Mensch muss seine biologische Evolution kontrollieren und selbst in die Hand nehmen. Der Zoo als Sinnbild für Peter Sloterdijk’s ‚Menschenpark’. Das müssen wir uns dann wirklich nicht geben, ersparen wir uns die Auseinandersetzung mit moderner Biologie, indem wir einfach mal, so wie wir nun gegen den Zoo auch gegen die Gentechnologie sind.

Um dem Zoo aber als Ort für den ambitionierten Spaziergänger oder den Flaneurismus wieder in Wert zu setzen, haben wir nun zwei Möglichkeiten:
Erstens können wir den bis dahin so dystopisch konstruierten Zoo als Aufladestation für unsere kritischen Ambitionen nutzen. Denn in jeder Dystopie ist auch ein Gegenspieler vorgesehen: der Rebell, der Individualist, der mehr oder weniger bewusst versucht eine Gegenrevolution anzuheizen. Es ist so leicht den Zoo mit seinen gefangenen Tieren als naturfremd zu verurteilen, als Vorzeichen eines bevorstehenden Endes der Natur. Folglich provoziert er es geradezu, als Gegenpol die Vorstellung einer ursprünglichen, in Ruhe gelassenen Natur heraufzubeschwören. Dem ambitionierten Spaziergänger mag diese Beschwörung sehr leicht fallen, können wir ihm doch (ohne das hier weiter untermauern zu müssen) eine transzendentalistische Neigung unterstellen, die auch einem radikal konstruktivistischen Naturverständnis entgegenläuft. Auch dieser kritische Impetus hat aber wiederum etwas Erbauliches und Konstruiertes. Es ist und bleibt ja so leicht gegen den Zoo zu wettern, und Natur als Natur zu beschwören.

Die zweite, von mir favorisierte Möglichkeit ist es, den Zoo als postmodernen Erlebnis- und Bildungsort ernstzunehmen bzw. hinzunehmen, um so seine Vielschichtigkeit und Komplexität anzuerkennen. Zuerst einmal müssen wir feststellen, dass der Zoo sich verändert hat und immer noch verändert: Er sieht nicht mehr so aus wie zu Franz Hessel’s Zeiten. Wir finden im Zoo inzwischen Ökosysteme, zumindest nachgebaute, bzw. simulierte verschlankte Versionen davon, in die wir eintauchen sollen und können. Ich will damit nicht sagen, dass nun die Begegnung mit der Natur möglich wird, aber das Erlebnis der Begegnung in ihrer reproduzierten Form als Natur-/Kultur wird authentischer und damit erfahrbarer. Und ich möchte das auch nicht vorschnell als Pseudo-Erlebnis disqualifizieren. Der Zoo bekommt so das Potenzial wirksamer über die Echtheit von Natur nachzudenken, als es bei einem Waldspaziergang der Fall ist. Wir übersehen im Wald doch allzu schnell, dass wir uns in einer durchforsteten Kulturlandschaft oder einer stadtnahen Erholungslandschaft befinden, und uns damit innerhalb eines Diskursfeldes bewegen, welches von einem postmodern-konstruktivistisch geprägten Naturverständnis aufgespannt wird. Im postmodernen Zoo werden wir aber ständig und massiv damit konfrontiert, und das ist es, was ihn ausmacht.
Hinzu kommt die verfeinerte Technik im modernen Zoo. Wir erleben Technik in ihrer Auseinandersetzung mit der Natur, Technik, die hier geradezu symbiotisch genutzt wird, um uns Natur nahe zu bringen. Es sind Absurditäten, die den modernen Zoo so attraktiv machen, seine Ambivalenzen, seine Paradoxien. Attraktiv ist auch nicht die Auseinandersetzung mit dem leiblichen Wildtier, sondern die Begegnung mit den repräsentierenden Seinsformen, die das Zootier verkörpert, als vom Menschen eingesetzte Stellvertreter und Botschafter der wilden Artgenossen. Spielte der klassisch-moderne Zoo noch lediglich mit der Grenze Natur – Kultur, so lässt uns der postmoderne Zoo geradezu erschaudern angesichts der Verflüssigung so zahlreicher Grenzen, dieser Unmenge an Differenzen und Unterschieden, an Vermischungen, Kombinationen und Hybridisierungen. Der Zoo als Ort des Naturschutzes, als Ort der Naturbildung, als Ort des Spektakels. Das Zootier, ein gezähmtes Wildtier, ein gefangenes Wildtier oder ein Wildtier in einem kleinen aber genügend großen Territorium, welches kaum noch als Gehege erkennbar ist. Der Mensch im Zoo, der Mensch als Teil eine Menschenparks usw. Echte Tiere, echte Pflanzen in scheinbar echten Biotopen – Techno-Biotope. Lichter, Lämpchen, künstlich geregelte Temperatur und Luftfeuchtigkeit, Leuchttafeln, optische Effekte, Hintergrundmusik. Ja, lasst uns eintauchen in diesen postmodernen Erlebnisraum. Der Zoo ist ein wunderbarer Ort, um über unser Verhältnis zur Natur und zu den Tieren nachzudenken, ein toller Ort, um uns ein radikal-konstruktivistisches Naturverständnis zu vergegenwärtigen. Es soll nicht darum gehen, im Zoo Natur zu erleben, dann ist er nur erbaulich. Wir sollten ihn aufsuchen, um mit unseren Konzeptionen von Natur konfrontiert zu werden und diese kritisch zu reflektieren. Dann sind auch die anderen Besucher nicht mehr ordinäre Sonntagsausflügler, nicht mehr parodisierende Spaziergänger, sondern das der postmodernen Institution Zoo angemessene Publikum. Und es lohnt sich mit ihnen in Kontakt zu treten, sich mit ihnen über Tiere und die Natur zu unterhalten. Das unterdrückt doch auch keine kritischen Ambitionen. Und lassen wir die Kinder doch ruhig auf den Spielplätzen spielen. Am Ende des Tages gehen wir dann doch wenigstens noch einmal in den Streichel-Zoo, die Ziegen streicheln, um dann leckere Bratwurst mit Pommes zu essen.

Literatur:

Hessel, F.: Spazieren in Berlin. In: Werke 3: Städte und Porträts, hrsg. von B. Echte; Sämtliche Werke in fünf Bänden hrsg. von H. Vollmer & B. Witte. – Igel Verlag Oldenburg, 1999 (Orig.1929).

Von der Weppen, W. (1995): Der Spaziergänger. Eine Gestalt, in der Welt sich vielfältig bricht. – Attempto Verlag, Tübingen (= Tübinger phänomenologische Bibliothek).

Sloterdijk, P. (1999): Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus. – Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main. (auch im Internet: http://menschenpark.tripod.com/)

2 Antworten to “Zoogänge und der erbauliche Spaziergang als Parodie des bürgerlichen Spaziergangs”

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