Flaneurismus und die Übernachfrage von Einrichtungen

24 Mrz

Willkommen bei einer neuen Lehreinheit des Moduls ‚Zeitgemäßer Flaneurismus für Fortgeschrittene’ (31-FLAN-F-1-2). Heute wollen wir uns mit einer Erklärung eines Teilaspektes der hedonistischen Dimension des Flaneurs beschäftigen. Der klassische Flaneur spaziert gerne durch Einkaufspassagen, Innenstädte, Museen usw. – allerdings nur, wenn diese nicht zu voll sind, wenn die Passantendichte sich auf einem einigermaßen erträglichen Niveau befindet. Solche Situationen sind uns vielfach bekannt. Der Flaneur wird durch allzu dichte Menschenmengen in seiner Beobachtungsfähigkeit und –lust eingeschränkt. Das durchschnittliche Schritttempo der Menschenmasse entspricht nicht seiner gängigen Gehtechnik; zudem wird er in seinem Bewegungsspielraum durch die breite Amplitude der Gehgeschwindigkeit zwischen den Individuen der Menschenmasse behindert. Ferner sind die Tische vor und in den Cafés alle voll besetzt. Schließlich werden die Möglichkeiten des Fotografierens eingeschränkt. Der Hedonismus des Flaneurs besteht darin, dass er es sich leisten kann, diese Stoßzeiten für seine Spaziergänge zu meiden.

Wir versuchen nun aber eine verkehrsökonomische Erklärung. Es hilft uns die folgende Literaturquelle: J. Michael Thomson (1978): Grundlagen der Verkehrspolitik – Verlag Paul Haupt, Bern & Stuttgart, S. 40 ff.
Im Mittelpunkt des Problems steht das Phänomen der Überfüllung. Zur Überfüllung kommt es, weil das Fassungsvermögen von Einrichtungen (wie Strände, Ausflugsziele, Innenstädte usw.) begrenzt ist. Zur Überfüllung kommt es, wenn Übernachfrage herrscht. Übernachfrage heißt, dass die betreffende Einrichtung von mehr als der optimalen Zahl von Personen genutzt wird. Bei einer bestimmten Auslastung des Fassungsvermögens kommt ein Punkt, von dem ab das Überfüllungsmoment den durchschnittlichen Nutzen der Einrichtung für die Besucher sinken lässt. Jenseits dieses Punktes können zusätzliche Besucher durchaus noch Nutzen aus der Einrichtung ziehen, weil sie ja auf eine gewissen Weise noch die Möglichkeit haben die Einrichtung zu nutzen. Der Preis dafür ist aber eine Minderung des Nutzens bei den bereits Anwesenden, also eine Minderung des durchschnittlichen Nettonutzen je Besucher. Eine weitere Grenze ist erreicht, wenn der Nutzenzuwachs zusätzlicher Besucher geringer als die damit verbundene Nutzenminderung bereits Anwesender ist.
Betrachten wir dazu die folgende Abbildung:


Abb. 1: Übernachfrage nach Einrichtungen (aus: Thomson 1978, S. 41).

Kurve a = der durch jeden zusätzlichen Besucher hinzukommende Nettonutzen (Grenznutzen)
Kurve b = der durchschnittliche Nettonutzen je Besucher

Bei einer bestimmten Nutzerzahl M ist der durchschnittliche Nettonutzen pro Besucher maximiert. Von Punkt O bis Punkt M erhöht sogar jeder Hinzukommende den durchschnittlichen Nutzen der Anwesenden. Wird aber der Punkt M überschritten, dann vermindern weitere Besucher den Nutzen der andern. Von wirklicher Überfüllung kann man aber erst ab dem Punkt P sprechen. Ab dort wiegt der persönliche Nutzenzuwachs weiterer hinzukommender Besucher nicht mehr den Nutzenschwund bei den bereits Anwesenden auf.

Der Hedonismus des Flaneurs besteht nun darin, dass er es sich leisten kann, sich nach dem Nettonutzen zu orientieren, der für einen zusätzlichen Benutzer einer Einrichtung gilt. Der Bereich der optimalen Nachfrage einer Einrichtung, bei der ein Flaneur den Besuch dieser bevorzugt, liegt demnach noch vor dem Punkt M (siehe die folgende Abbildung, bei dem der für den Flaneur optimale Bereich grün eingefärbt ist):

Abb. 2: Übernachfrage nach Einrichtungen und der Nachfragebereich eines Flaneurs (Grafik aus Thomson 1978, S. 41, verändert).

Kurve a = der durch jeden zusätzlichen Besucher hinzukommende Nettonutzen (Grenznutzen)
Kurve b = der durchschnittliche Nettonutzen je Besucher
grüner Bereich = für den Flaneur optimaler Nutzenbereich

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Eine Antwort to “Flaneurismus und die Übernachfrage von Einrichtungen”

  1. Uwe März 25, 2011 um 5:15 pm #

    Deine Satire(!?) mag für den Flaneur gelten, obgleich auch dieser sich gerne einmal treiben lässt im Massenstrom. Aber für den Frotteur ist es genau anders herum, der nämlich kommt erst im engen Bei-, Hinter- und Nebeneinander voll auf seine Kosten: Während der Flaneur also die Distanzen (wert-)schätzt, versucht der Frotteur gerade diese aufzuheben. Beide wollen den Raum besetzen: der Flaneur als unbeteiligter Jemand jenseits der Masse, der Frotteur als teilnehmender Niemand in der Masse.
    LG aus HaHa, Uwe

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