Stuttgart 20 bis 21

19 Mrz

Stuttgart ist eine herausragende Stadt, und für die Spätzle-Metropole hat man viel vor. Sie wird gewappnet, ja für das 21. Jahrhundert infrastrukturell geradezu aufgerüstet, damit sie eine bedeutende Rolle spielen kann auf einer für das zusammenwachsende Europa überaus wichtigen bedeutenden Ost-West-Magistrale zwischen Paris und Budapest (oder war’s Bratislava?). Das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm und damit in Zusammenhang Stuttgart 21: Das riesige Gleisfeld vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof soll in den Untergrund verlegt werden, um ein richtungsweisendes Brownfield Development in Angriff nehmen zu können. Der Führer, hier die Deutsche Bahn und die Stadt Stuttgart, baut dort den Klonen eine Stadt. Im Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs (ein bemerkenswertes Gebäude) wird das alles auf mehreren Etagen der Öffentlichkeit im Rahmen einer das städtebauliche Projekt begleitenden Ausstellung vorgestellt. Die zukünftigen Bewohner des neuen Stadtteils werden dort ihre Vision vom Leben und Arbeiten in einer Metropole des 21. Jahrhunderts verwirklichen können. Ein schnuckliges DITK-Pärchen (Double Income Two Kids) lächelt mir glückselig und (finanziell wie sexuell) zufrieden aus einer Video-Präsentation entgegen. Das Söhnchen (Grundschule fertig, leider nur Empfehlung für Realschule. Das Leben kann trotzdem so schön sein, fantasiere ich, immerhin hat die ältere Tochter gerade ein Auslandssemester an der London School of Economics vor sich); das Söhnchen jedenfalls schaut in der Videopräsentation fasziniert vom Balkon des bunten, mehrstöckigen Solitärbaus auf das begrünte Nicht-Mehr Gleisfeld hinunter. Ein anderer Gutverdiener spielt mit seinem Sohn in der neuen Parkanlage Fußball, während seine Latte im Glas kalt wird.
Der unterirdische Bahnhof wirkt in der Simulation eher wie eine Raumstation, in der die ICE’s einschweben, um dann wieder zu den interstellaren Außenposten zu entgleiten. Tatsächlich wird es dann für die meisten lediglich schneller zum Frankfurter Flughafen, nach Ulm und wohin auch immer gehen. Auch die Tagespendler werden wertvolle Minuten sparen können. Prachtvolles Projektmarketing, mediengestählte Volksdidaktik. Nach der Ausstellung kann man auf der Aussichtsterrasse des Bahnhofsturms unter dem sich drehenden Mercedes-Stern schon mal beim Blick durch den Maschendrahtzaun die metropolitane Zukunft visionieren. Leider war es verdammt kalt, windig und tiefgrau bewölkt gewesen, so dass mir das Utopieantizipieren eher schwer gefallen ist.
Nein, im Ernst, ich freu mich drauf, und der ironische Ton ist auch nicht auf das Projekt an sich, sondern nur auf die Art der Ausstellung gerichtet. Vor mir auf dem Schreibtisch liegt eine dieser Wackelpostkarten, die mir die Transformation eines grauen vergleisten Eisenbahngeländes in ein innerstädtisches durchgegrüntes Arkadien vor Augen führt. — Reiseandenken.

Ich bin begeistert von Stuttgart gewesen. Als ich das letzte Mal dort war, vor ca. 15 Jahren, hat mir die Stadt nicht so gut gefallen. Stuttgart hat einiges zu bieten: Außerhalb der Innenstadt ausgedehnte Gewerbe- und Industriegebiete wahrhaft imposanten Ausmaßes. Auch das ist nicht ironisch gemeint, ich mag Gewerbegebiete, ich gehe dort gerne spazieren.
Und Stuttgart hat auch architektonisch was zu bieten, ja auch in den Gewerbegebieten, z.B. das Porsche-Museum. In der Touristen-Information am Hauptbahnhof kann man eine bunt bebilderte, informative Broschüre, eigentlich fast schon ein kleines Buch kaufen, in dem bedeutende Bauwerke Stuttgarts vom Mittelalter bis in die Gegenwart vorgestellt werden – für nur 2 Euro.
Stuttgart findet auch mehrfach Erwähnung in dem kleinen Buch „Geschichte der Architektur im 20. Jahrhundert“ von Norbert Huse (C.H.Beck Wissen, München 2008). Ab Seite 32 die Weißenhofsiedlung: eigentlich das Ergebnis einer Ausstellung, die der Werkbund 1927 ausrichtete. Fünfzehn Architekten bauten damals Wohnhäuser, die zu einem großen Teil noch heute stehen und bewohnt werden. Es galt damals sich der Aufgabe zu stellen, wie die städtischen Massen mit Wohnraum versorgt werden können. Die von Le Corbusier gebauten Häuser kann man besichtigen. Wohnungen wie ein funktionierendes Haushaltsgerät quadratisch, praktisch, gut –und trotzdem schön (mir hat es jeden falls gut gefallen – bis auf die Feldbetten).

Jakobus Johannes Pieter Oud: 5 Reihenhäuser in der Weissenhofsiedlung

Und ab Seite 90 im Kapitel Postmoderne, James Stirling’s Erweiterung der Stuttgarter Staatsgalerie (1977-1983). An den grünen benoppten Kunststoff-Fußboden konnte ich mich sogar noch erinnern. Es lohnt sich die entsprechenden Ausführungen wiederzugeben (ebd., S. 90 f.):

„Museen waren in der Bundesrepublik damals die architektonisch wichtigste Bauaufgabe. In der Konkurrenz der Städte fanden Künstlerarchitekten wie Hans Hollein, Richard Meier oder Oswald Matthias Ungers die produktive Herausforderung, sowohl der auszustellenden Kunst wie auch der Kunst der Architektur zu neuer Geltung zu verhelfen. Höhepunkt dieser Welle war die Parade der Neubauten am Frankfurter Museumsufer, die meisten Besucher gab es jedoch in Stuttgart, obwohl der Widerstand gegen das neue nirgends so heftig war wie dort. Vor allem die heimischen Architekten gingen auf die Barrikaden, nachdem im Wettbewerb selbst Günter Behnisch mit seinen Verbündeten dem Engländer unterlegen war. Sie hätten Stuttgart einen transparenten, ‚demokratischen’ Bau beschert. In Stirlings Projekt dagegen sah man brutale Monumentalität, die Wiederkehr des Faschismus, das Ende der Moderne, dazu noch Unernst, Hollywood. Stirling habe den Boden unter den Füßen verloren. In den historischen Bezügen seines Entwurfs erkannte man nur das Sakrileg. Etwa in den drei Flügeln, die denen des Altbaus antworten, oder, ganz besonders, in der Rotunde, die unverkennbar einen der Gründungsbauten der Museumsarchitektur, Schinkels Altes Museum in Berlin zitiert, transformiert und auch etwas persifliert. Die Nonchalance, ja Chuzpe, mit der Stirling auf der Klaviatur der Assoziationen und Erinnerungen spielt, musste provozieren, und alle Dämme scheinen zu brechen, wenn aus dem Berliner Allerheiligsten für die Kunst ein offener Hof ohne Pantheonskuppel wird, um den sich dann auch noch eine Fußgängerverbindung zwischen zwei Straßen nach oben windet, die städtischen Alltag mitten ins Museum zieht – und das Museum in die Stadt. Auch die Seitenhiebe auf die Moderne stimmten nicht versöhnlicher, wobei die intellektuelle Qualität der Scherze nicht immer die sublimste ist. Jeder Stuttgarter verstand das vergröbernde Zitat des Corbusier-Hauses in der Weißenhofsiedlung an der Rückseite des Museums. Die Anspielungen auf das Centre Pompidou bei der Entlüftung oder auf den Manierismus bei den herausgebrochenen Steinen an der Außenwand der Garage waren dagegen eher etwas für Fortgeschrittene. Nicht alle diese Einfälle haben ihre Frische bewahren können. Als kraftvoll und robust aber hat sich die städtebauliche Collage an der Eingangsseite erwiesen, die ein Stück Stadtlandschaft entstehen ließ, das auch etwas von der ortsspezifischen Stadtzerstörung durch die Stadtautobahn thematisiert, die das Stuttgarter Museum vom Zentrum abschnürt.“

Neue Staatsgalerie Stuttgart

Das neue Porsche-Museum findet keine Erwähnung in Huses Architektur-Buch, denn es wurde erst am 31.01.2009 eröffnet. Ein zweifellos spektakulärer Bau, sehr technizistische Cyborg-Architektur. Der Entwurf stammt vom Wiener Architektenbüro Delugan Meissl Associated Architects.

Im Innenraum, der in einem Artikel des Kunstmagazins Art (Fast so viel Stahl wie am Eiffelturm) als Gletscherhöhle bezeichnet worden ist, werden Porsche-Autos präsentiert. Nicht viel mehr und nicht weniger. Musuemspädagogisch muss man hier aber ’ne volle Schippe zulegen. Kein einziges Auto, in das man sich hineinsetzen darf, keine Motorengeräusche, keine Simulationskabinen, Interaktivität definitiv unterentwickelt. Tiefsinnigkeiten über die Automobil- oder Rennsportkultur darf man ebenfalls nicht erwarten. Warum auch, es ist ja letztlich nur ein Werksmuseum. Den Porsche-Fans scheint es zu gefallen, ehrfürchtig stehen Sie vor den hochglänzenden Exponaten, die aufgereiht sind wie die Seitenaltäre in einer katholischen Kirche, und sie schießen fleißig Fotos (es ist nicht erlaubt, die verehrten Reliquien zu streicheln). –


Ach nö, das brauch ich nicht noch einmal – aber stolz auf meine Porsche-Plastiktüte aus dem Museums-Shop bin ich trotzdem. Ein passender Behälter für die Flaneursbeute vom Stuttgart-Wochenende.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: