Neue Landschaften und ‚Traditionelle Kulturlandschaft 2.0‘

9 Okt

Wenn wir über Landschaft sprechen, haben wir immer bestimmte Bilder im Kopf – allzu häufig Bilder von vorindustriellen Landschaften, die uns durch die Landschaftsmalerei und eine bestimmte, herkömmliche fast klassisch-schön zu nennende Form der Landschaftsfotografie in unsere Köpfe projiziert worden sind und sich dort festgesetzt haben. Wenn wir über Landschaften reden, dann schwingen sehr oft die passend erscheinenden Konnotationen mit: Natur, Schönheit, Harmonie, Frieden, Ausgeglichenheit usw. Landschaft ist immer noch ein idealisierendes, beschönigendes und reinigendes Konzept. Da es nun nicht möglich ist, solche traditionellen Landschaften in der Stadt, in den Stadtrandbezirken, im suburbanen Raum und in den intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten zu planen, ohne als Landschaftsfetischist, Ökologist oder allgemein als fortschrittsfeindlich bezeichnet zu werden, musste der Landschaftsbegriff aus planerischer Sicht erweitert werden. Auf diese Weise bekamen die Landschaftsplaner Zugriff auf Städte und verstädterte Gebiete. Wahrscheinlich schwingt aber immer noch eine gewisse Großstadtfeindlichkeit durch. Städte müssen allein schon aus ökosystemarer Sicht als gestörte Landschaften gelten. So etwas wie die ökologische Stadt ist bisher kaum mehr als ein das Gewissen der Planer beruhigendes Leitbild, eine Vision. Und nebenbei: Die Großstadtfauna und die urbane Biodiversität sind auch nicht Indiz für ein natürlich-ökosystemares Potenzial der Städte, sondern Zeugnis für die Anpassungsfähigkeit bestimmter Tier und Pflanzenarten. Wildnis in der Stadt besteht aus Asylanten, deren Habitate anderswo zerstört worden sind. Das Vorkommen einer Rote-Liste-Art in einer industriellen Brache ist das Ergebnis von Zufallsprozessen und nicht das Ergebnis der Bereitstellung Ihres Biotops.
Als Großstadtfeind (ein Makel, den man sich auf keinen Fall anheften lassen möchte), lässt sich aber kaum Landschafts- oder Freiraumplanung in der Stadt betreiben. Deshalb befindet sich die Landschaftsplanung seit einiger Zeit im Rahmen einer umfassenden Landschaftsforschung in einem interdisziplinären Lernprozess. Dabei geht es nicht um subversive Guerilla-Taktiken (z.B. der Großstadtfeind getarnt als metropolitaner Flaneur), sondern längst haben die Landschaftsplaner gelernt, wie schön Modellhaus-Siedlungen, Tankstellen, Autobahnbrücken, Industrieruinen, Kanäle, Gewerbegebiete und Großwohnsiedlungen sein können. Die zeitgenössische Kunst hat zu diesem ästhetischen Lernprozess erheblich beigetragen.
Vielfalt, Eigenart und Schönheit sind keine problematischen Begriffe gewesen, so lange wir diese auf das Angebot der als Nationalparke, Biosphärenreservate, Naturparke usw. abgegrenzten Territorien bezogen haben. In diesem Zusammenhang können wir auch bestimmte Bilderbuch-Stadtlandschaften nennen, z.B. Rothenburg ob der Tauber, die Innenstadt von Bamberg, die historische Altstadt von Dresden usw. Die Landschaften am Rand bzw. dazwischen mögen bis zu einem gewissen Zeitpunkt nicht schön, eigenartig und vielseitig sein – oder aber: sie sind es eben doch. Das Problem ist gerade, dass Landschaftsplaner und viele andere auch zunehmend die traditionellen Kulturlandschaften, die hergerichteten, verhübschten Innenstädte eben nicht mehr als eigenartig, schön oder vielfältig empfinden, sondern als langweilig, monoton und künstlich. Spannend sind nun diese neuen Landschaften, die zuvor gerade als nicht-schöne Zersiedlungsphänomene und damit als Nicht- oder Un-Landschaften bezeichnet wurden. Nein, die Arbeit des Landschaftsplaners wird nicht weniger: Das sich nun überall Landschaft befindet, müssen auch für die neuen Landschaften passende Aufgaben gefunden werden. Die neuen Landschaften müssen wie die traditionellen Kulturlandschaften konzipiert, gestaltet, verändert, entwickelt, transformiert, mit andere Worten zugerichtet werden. Wenn wir dann die Bilder dieser gelungenen neuen Landschaften im Kopf haben und diese eine gewisse Standardisierung erfahren haben, dann müssen wir uns unter diesem Einfluss die traditionellen Landschaften wieder vornehmen. Dieser Prozess (man könnte ihn ‚Traditionelle Kulturlandschaft 2.0’ nennen) ist eigentlich schon voll im Gange, wenn wir uns z.B. bestimmte architektonische Bauwerke vor Augen führen, mit denen Nationalparke für den Konkurrenzkampf um Besucherströme aufgerüstet werden.
Es ist bereits ziemlich offen geworden, was Vielfalt, Eigenart und Schönheit der Landschaft für uns und für andere bedeuten kann; gleichzeitig aber ist es notwendig in dieser Hinsicht eine gemeinsame Sprache zu finden, um diese Begriffe sinnvoll verwenden zu können. Ohne diese Begriffe bricht ein wichtiger diskursiver Rahmen des Landschaftskonzeptes zusammen, ohne den wir hemmungslos funktional, energieeffizient, und effektiv gestalten könnten. Das wäre aber keine Antwort auf die Frage: ‚Wie soll die Welt aussehen, in der wir leben wollen?’, sondern die Antwort auf die Frage: ‚Wie muss die Welt aussehen, so dass sie möglichst gut funktioniert und wir dort effizient arbeiten können und in unserer Freizeit möglichst viel Spaß haben?

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