In der Vorhölle – am Strand.

7 Okt

Sonnenbaden am Strand ist eine Grenzerfahrung – ähnlich wie Bergsteigen, Fallschirmspringen, Bungee-Jumping, Rafting und weitere riskante Aktivitäten unserer adrenalinsüchtigen Freizeitgesellschaft.
Wäre der Strandurlaub nur eine andere Form der Sesshaftigkeit, wie das der französische Tourismusforscher Jean-Didier Urbaine in seinem Buch „At the Beach“ (University of Minnesota Press, Minneapolis, London 2003) behauptet (siehe Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 32 vom 12.08.2007, S. 66 – „Kleine Soziologie des Strandurlaubs“, von Boris Holzer), dann könnte man in der Tat auch zu Hause bleiben. Der Verweis auf die Sonne, den Strand, das schöne Wetter, etc. reichen nicht aus, die Attraktivität eines Pauschalurlaubs in den einschlägigen Feriendestinationen erklären zu können. Da aber kulturelle Faktoren, z.B. ein Interesse an fremden Kulturen oder wenigstens eine exotistische Sehnsucht schon gar nicht funktionieren, muss das Sonnenbaden am Strand etwas haben oder bieten, was man sonst nicht haben kann. Eine knackig milchschokoladenbraune Haut? Das geht auch unter dem Solarium. Ich möchte zeigen, dass der Strandurlaub eine mental und körperlich äußerst aktive, will sagen schweißtreibende und lustvoll pseudo-masochistische Form der Passivität darstellt.
Es ist die Quälerei gemäß einem, auf den ersten Blick einfachen, aber durchaus komplexen Programms, bei dem es das einzige Ziel ist, sich von der Sonne quälen zu lassen und dabei trotzdem zu entspannen und zu genießen. Charakteristisch ist das hinreißende Gefühl, mit anderen auf einem Planeten zu existieren, der von seinem Beginn an in der Unendlichkeit des Weltalls um einen gigantischen, unglaublich heißen Feuerball kreist. Der Strand ist dabei  mehr als nur Kulisse, es ist die sonnenlichtdurchflutete Arena in einem Grenzraum, in dem die Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde (hier: Sand) aneinandergrenzen. Doch nicht nur das, man spürt und erahnt auch deren elementares Beziehungsnetz, aus dessen Dynamik heraus die prozessuale Vielfalt erdgeschichtlich-geologischer und geomorphologischer Phänomene entstanden sind, die unseren Planeten zu dem gemacht haben, was er ist. Solch eine impressive Wucht besitzen außer Küstenräumen sonst nur noch Gebirgsräume. Und Strand ist nicht gleich Strand, so wie kein Berg dem anderen gleicht, so wie jedes Fußballstadion seine eigene Atmosphäre hat.

Aus dem Feldtagebuch Mallorca – Sommer 2009, 4. September 2009 – Teilnehmende Beobachtung an der Cala s’Almunia, Südwestküste Mallorca:

CalaSAlmunia

Um 11 Uhr komme ich nicht umhin behaupten zu können, dass die Sonne gnadenlos brennt. Der Schweiß läuft. Bevor ich mich das erste Mal mit Sonnenmilch eincreme, nehme ich ein Bad im Meer zur Abkühlung, und lasse mich dann von der Sonne trocknen. Ich fange an zu lesen, die Temperatur steigt weiter; die Sonne strahlt senkrecht von oben auf mich herab. Der Schweiß auf meiner Haut hüllt mich ein und verschafft mir eine gewisse Sicherheit im eigenen Saft zu stehen und demzufolge nicht zu dehydrieren. Eine Flasche Wasser am Strandtag sollte ja wohl reichen. Ich musste bereits Strandmatten, Handtücher, Luftmatratzen, Schnorchelequipment, den Fotoapparat usw. vom Parkplatz zum Strand mitnehmen. —
12.30: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Sonnencreme mich vor einem Sonnenbrand beschützen könnte… Es wird schon klappen, jetzt bloß nicht aufgeben. Ich lese weiter, obwohl es mir schwer fällt mich zu konzentrieren. Das Weiße des Papiers blendet so hell, dass die Buchstaben kaum zu erkennen sind. Ich fange an zu dösen, meiner Umgebung entrückt; meine Gedanken verquirlen sich mit traumartigen Sequenzen. Ich muss zugeben, das hat etwas Euphorisierendes, – aber was tue ich da eigentlich? Es brennt auf der Haut, etwas stimmt nicht. Wenn ich einen Sonnenbrand bekomme, dann muss ich mich in den nächsten Tragen zurückhalten, das würde mich einschränken. Aber was soll’s, ich bin hier nicht alleine; die anderen sonnen sich ja auch hemmungslos. Der kleine Strand ist inzwischen richtig voll, und immer noch kommen Leute. Ich habe bisher noch nicht beobachtet, dass jemand den Strand wieder verlassen hat. Außerdem bin ich ja sonst auch nicht so ein Weichei, kein Grund zum Zaudern. Vielleicht sollte ich noch mal ins Wasser gehen. Inzwischen bin ich ja sowieso schon wieder ziemlich eingesandet. —
15.30 Uhr: Der Nachmittag ist die reine Quälerei, das gleißende Sonnenlicht ist überall, es gibt nirgendwo Schatten. Das Licht blendet als wäre man von Autos umzingelt, die alle ihr Fernlicht eingeschaltet haben. Ich sitze nur noch da und warte bis es vorbei ist. Wenn ich so die anderen Leute anschaue, ist mir klar, dass Sie mehr Übung haben; sie sind fortgeschritten, geradezu professionell. Meine etwas geduckte Haltung muss doch auffallen: anstatt mich mit meiner ganzen Körperoberfläche zu exponieren, versuche ich fast kauernd die Oberfläche zu minimieren, mir durch mich selbst einigen Schatten zu werfen. —
15:45 Uhr: Wenn ich wenigstens etwas tun könnte, außer auf dem sandigen Handtuch in der Sonne zu schwitzen. Ich bekomme Angstzustände als ich ein paar Fotos machen will. Angst, der Fotoapparat könnte mir aus den Händen in den Sand fallen. Vielleicht verprügeln sie mich, weil sie denken, ich fotografiere nackte Busen oder die kleinen Kinder. Ich muss ja sowieso schon wegen meiner Haltung aufgefallen sein, als einer der nicht wirklich zu Ihnen gehört. Ich muss wieder Souveränität über meine Gedanken erlangen. Da kommt ein sportlicher, kräftiger, gut gebauter Mann mittleren Alters den Pfad zum Strand hinunter. Er ist so braun wie Schokolade, vollkommen gleichmäßig. Er sieht aus wie mit Ebenholz-Lasur bestrichen – das ist der Hohepriester, der Surflehrer, der Ex-Weltmeister, der den fortgeschrittenen Fallschirmspringern immer noch die Grenzen aufzeigen kann. Ein Kind der Sonne, dessen einziger Daseinszweck es ist, seine Pigmentzellen mit Photonen zu versorgen, der Nahrung zu sich nimmt, um Pigmentzellen bilden zu können. Seine Physiologie scheint den vom Sonnenlicht durchfluteten Aleppo-Kiefern, die oben auf der Klippe wachsen, näher als anderen heterotrophen Organismen zu sein– wahrhaftig ein Kind der Sonne. —
17.30 Uhr: Es ist Zeit abzufahren, von der Cala s’Almunia bis Peguera ist es ein relativ weiter Rückweg. An der Tankstelle hole ich uns Getränke: eine Flasche Wasser, Fanta Limón und Cola Zero. Am Hotel angekommen springen wir noch einmal in den Pool. —–

Jetzt habe ich es geschafft: ein ganzer Tag am Strand, wolkenloser Himmel, gefühlte 45° C, kein Schatten, kein Sonnenschirm, nur ein Handtuch – und kein Sonnenbrand. Die Kinder waren eigentlich den ganzen Tag über im Wasser, während ich nur dreimal im Meer badete, und eigentlich nur um zu urinieren. Das ist ein recht gutes Ergebnis, das Pärchen, das neben mir lag, begab sich nur einmal kurz ins Wasser (zweifellos auch nur, um zu pinkeln). An meiner Haltungsnote muss ich noch arbeiten; zeitweise bin ich in der Sonne zu verkrampft. Ich kann mich noch nicht vollständig öffnen, damit störe ich noch etwas die Gesamtkomposition des orchestralen Beieinander, Neben- und Miteinander am Strand. Die Profi-SonnenbaderInnen gehen in der Regel zweimal ins Wasser, das erste Mal nach der Ankunft, um sich Salzkristalle auf die Haut zu bringen. In einem älteren Mallorca-Reiseführer wurde davor gewarnt, weil die Salzkristalle die Sonnenstrahlen wie in einem Brennglas bündeln und deshalb das Risiko eines Sonnenbrandes steigt. Stimmt, aber das ist Methode – beim Fallschirmspringen und Bungee-Jumping genießt man ja auch erst mal den riskanten freien Fall, bevor man abgebremst wird. Wegen diesem Salzeffekt, dem klebrigen Sand, und der physischen Distanz vom Hotelzimmer ist das Sonnenbaden am Strand auch unbedingt dem Aufenthalt am Swimming-Pool vorzuziehen. Das zweite Mal geht der Profi noch einmal am Ende des Strandtages ins Wasser, einfach nur um den Sand abzuspülen – das ist legitim.
Nach dem Duschen fühle ich mich jedenfalls richtig gut: der Grundtonus der Muskulatur ist auf einem hohen Niveau, ich fühle mich als wäre mein piezoelektrisches System vollständig aufgeladen, wie ein Sonnenkollektor, der seinen Daseinszweck erfüllt hat. Es ist, als hätte der Tag an der Sonne meinen Vitaminhaushalt in Schwung gebracht, dazu eine kleine Portion Glückshormone. Ich gehöre jetzt dazu zum Kreis der Sonnenbader, und zur Belohnung kaufe ich mir ein T-Shirt. Beim Abendessen trinke ich ein bisschen mehr Wein als sonst.

Tagelang am Strand zu liegen ist kein Ausdruck vollkommener Faulheit, sondern schweißtreibendes, aktiv-erzwungenes Nichtstun, eine markante Verwirklichung des Bonmots „Weniger ist mehr“. Und die braune Haut ist nicht einfach nur die Realisierung eines Schönheitsideals, sondern es ist eine Rüstung, eine Kriegermontur, das Priestergewand, das sich der Sonnenanbeter schließlich verdient hat.

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