Archiv | Oktober, 2009

Ausstellung ‚Landschaften 2.0‘ in Dörscheid (Mittelrheintal)

28 Okt

Einladung zur Vernissage von „Landschaften 2.0“ am Samstag, den 31.10.2009, 19.30 Uhr
– Oberstraße 34, 56348 Dörscheid
landschaften_09

Ausstellung in Dörscheid im Weltkulturerbe „Oberes Mittelrheintal“, welche – in mehrdimensionaler Form – anhand von Bildhauerarbeiten, Dia-Visuals und Photos Ansichten der Zerstörung und des Wieder- bzw. Neuaufbaus von Architektur, Kultur und Natur in Raum und Zeit thematisiert

Im November geöffnet am So., 21.11. und So., 29.11. von 15-18 Uhr bzw. nach Vereinbarung.

Es freuen sich über reges Interesse E.H., M. W. und das SpaceFlaneur-Team

Neue Landschaften und ‚Traditionelle Kulturlandschaft 2.0‘

9 Okt

Wenn wir über Landschaft sprechen, haben wir immer bestimmte Bilder im Kopf – allzu häufig Bilder von vorindustriellen Landschaften, die uns durch die Landschaftsmalerei und eine bestimmte, herkömmliche fast klassisch-schön zu nennende Form der Landschaftsfotografie in unsere Köpfe projiziert worden sind und sich dort festgesetzt haben. Wenn wir über Landschaften reden, dann schwingen sehr oft die passend erscheinenden Konnotationen mit: Natur, Schönheit, Harmonie, Frieden, Ausgeglichenheit usw. Landschaft ist immer noch ein idealisierendes, beschönigendes und reinigendes Konzept. Da es nun nicht möglich ist, solche traditionellen Landschaften in der Stadt, in den Stadtrandbezirken, im suburbanen Raum und in den intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten zu planen, ohne als Landschaftsfetischist, Ökologist oder allgemein als fortschrittsfeindlich bezeichnet zu werden, musste der Landschaftsbegriff aus planerischer Sicht erweitert werden. Auf diese Weise bekamen die Landschaftsplaner Zugriff auf Städte und verstädterte Gebiete. Wahrscheinlich schwingt aber immer noch eine gewisse Großstadtfeindlichkeit durch. Städte müssen allein schon aus ökosystemarer Sicht als gestörte Landschaften gelten. So etwas wie die ökologische Stadt ist bisher kaum mehr als ein das Gewissen der Planer beruhigendes Leitbild, eine Vision. Und nebenbei: Die Großstadtfauna und die urbane Biodiversität sind auch nicht Indiz für ein natürlich-ökosystemares Potenzial der Städte, sondern Zeugnis für die Anpassungsfähigkeit bestimmter Tier und Pflanzenarten. Wildnis in der Stadt besteht aus Asylanten, deren Habitate anderswo zerstört worden sind. Das Vorkommen einer Rote-Liste-Art in einer industriellen Brache ist das Ergebnis von Zufallsprozessen und nicht das Ergebnis der Bereitstellung Ihres Biotops.
Als Großstadtfeind (ein Makel, den man sich auf keinen Fall anheften lassen möchte), lässt sich aber kaum Landschafts- oder Freiraumplanung in der Stadt betreiben. Deshalb befindet sich die Landschaftsplanung seit einiger Zeit im Rahmen einer umfassenden Landschaftsforschung in einem interdisziplinären Lernprozess. Dabei geht es nicht um subversive Guerilla-Taktiken (z.B. der Großstadtfeind getarnt als metropolitaner Flaneur), sondern längst haben die Landschaftsplaner gelernt, wie schön Modellhaus-Siedlungen, Tankstellen, Autobahnbrücken, Industrieruinen, Kanäle, Gewerbegebiete und Großwohnsiedlungen sein können. Die zeitgenössische Kunst hat zu diesem ästhetischen Lernprozess erheblich beigetragen.
Vielfalt, Eigenart und Schönheit sind keine problematischen Begriffe gewesen, so lange wir diese auf das Angebot der als Nationalparke, Biosphärenreservate, Naturparke usw. abgegrenzten Territorien bezogen haben. Weiterlesen

Autoerotik in der Vorhölle – am Strand.

8 Okt

Sol y Playa’ – das ist und bleibt das herrschende Paradigma des Massentourismus. Wenn wir eine autoerotische Dimension des Sonnenbadens bedenken, dann wird schnell klar, warum das Mitanpacken bei der Olivenernte niemals die Attraktivität des ausgedehnten Sonnenbadens am Strand verdrängen kann. Zunächst einmal die Sonne, die pure Sonne und der regungslose Körper (nicht die Sonne über der Ölbaumplantage, die auf die Landarbeiter hinabscheint) auf einem Handtuch an einem Sandstrand (mit dem Meer in unmittelbarer Nähe). Diese Sonne am Strand repräsentiert die erste, die elementare Qual. Aus dem Schutz der Gebärmutter wird der Neugeborene in das gleißende Licht verstoßen. Es beginnt die Lust und die Qual des Daseins. Sich einen ganzen Tag lang und mehrere Tage hintereinander passiv an einem Strand in der Sonne aufzuhalten ist eigentlich eine Quälerei, die von denen, die es immer wieder praktizieren, als eine wohltuende Lust empfunden wird, die masochistische Elemente hat. Die Autoerotik des Sonnenbadens hat aber auch eine seduktiv-sadistische Dimension: „Wenn ich bzw. wir das machen, den ganzen Tag einfach so in der prallen Sonne liegen, dann kannst du das auch. Komm zieh dich aus und leg dich hin; versuch nicht an die Hitze und die UV-Strahlung zu denken; am Abend wirst du dich gut fühlen – und nach dem Urlaub wird jeder deine braungebrannte Haut bewundern.“ SonnenbaderInnen freuen sich auch daran, oder fühlen sich zumindest in ihrem Tun bestätigt, wenn andere in der Sonne offensichtlich mehr leiden, als man selbst, oder gar einen kräftigen Sonnenbrand abbekommen haben. „Der macht was falsch, aber ich mach alles richtig.“ Eine exhibitionistische Komponente spielt, genauso wenig wie in der Sauna, keine Rolle (vielleicht an FKK-Stränden). Wenn es so wäre, müssten sich die meisten Sonnenanbeter schämen – wegen ihrer Figur, ihrer Statur, ihrer Fettleibigkeit, wegen ihrer schlechten Tätowierungen usw.. Man stellt sich aber nicht im Kollektiv zur Schau, sondern man teilt in der Masse seine autoerotischen Lustgefühle im quälenden Sonnenbad. Der Unterschied zur Sauna ist, dass niemand eine zwei Wochen langen Sauna-Pauschalurlaub buchen würde, ja nicht einmal einen ganzen Tag für Saunagänge veranschlagen würde.
Damit sind wir wieder bei der Sonne, die auf den Strand hinabbrennt – Helios, das Zentralgestirn unseres Sonnensystems, eine Oberflächentemperatur von 5.778 K (Spektralklasse G2, Leuchtkraftklasse V), von ihm stammen fast 100% des gesamten Energiebeitrags zum Erdklima. Ein Gelber Zwerg, der eigentlich nur aus Wasserstoff und Helium beseht, aber eine Korona hat, sog. Sonnenwinde entweichen lässt, Protuberanzen bilden kann, rotiert und sogar pulsiert. Schauen sie sich das astronomische Zeichen der Sonne an, und Sie werden verstehen können:

120px-Sun_symbol.svg

In der Vorhölle – am Strand.

7 Okt

Sonnenbaden am Strand ist eine Grenzerfahrung – ähnlich wie Bergsteigen, Fallschirmspringen, Bungee-Jumping, Rafting und weitere riskante Aktivitäten unserer adrenalinsüchtigen Freizeitgesellschaft.
Wäre der Strandurlaub nur eine andere Form der Sesshaftigkeit, wie das der französische Tourismusforscher Jean-Didier Urbaine in seinem Buch „At the Beach“ (University of Minnesota Press, Minneapolis, London 2003) behauptet (siehe Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 32 vom 12.08.2007, S. 66 – „Kleine Soziologie des Strandurlaubs“, von Boris Holzer), dann könnte man in der Tat auch zu Hause bleiben. Der Verweis auf die Sonne, den Strand, das schöne Wetter, etc. reichen nicht aus, die Attraktivität eines Pauschalurlaubs in den einschlägigen Feriendestinationen erklären zu können. Da aber kulturelle Faktoren, z.B. ein Interesse an fremden Kulturen oder wenigstens eine exotistische Sehnsucht schon gar nicht funktionieren, muss das Sonnenbaden am Strand etwas haben oder bieten, was man sonst nicht haben kann. Eine knackig milchschokoladenbraune Haut? Das geht auch unter dem Solarium. Ich möchte zeigen, dass der Strandurlaub eine mental und körperlich äußerst aktive, will sagen schweißtreibende und lustvoll pseudo-masochistische Form der Passivität darstellt.
Es ist die Quälerei gemäß einem, auf den ersten Blick einfachen, aber durchaus komplexen Programms, bei dem es das einzige Ziel ist, sich von der Sonne quälen zu lassen und dabei trotzdem zu entspannen und zu genießen. Charakteristisch ist das hinreißende Gefühl, mit anderen auf einem Planeten zu existieren, der von seinem Beginn an in der Unendlichkeit des Weltalls um einen gigantischen, unglaublich heißen Feuerball kreist. Der Strand ist dabei  mehr als nur Kulisse, es ist die sonnenlichtdurchflutete Arena in einem Grenzraum, in dem die Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde (hier: Sand) aneinandergrenzen. Doch nicht nur das, man spürt und erahnt auch deren elementares Beziehungsnetz, aus dessen Dynamik heraus die prozessuale Vielfalt erdgeschichtlich-geologischer und geomorphologischer Phänomene entstanden sind, die unseren Planeten zu dem gemacht haben, was er ist. Solch eine impressive Wucht besitzen außer Küstenräumen sonst nur noch Gebirgsräume. Und Strand ist nicht gleich Strand, so wie kein Berg dem anderen gleicht, so wie jedes Fußballstadion seine eigene Atmosphäre hat.

Aus dem Feldtagebuch Mallorca – Sommer 2009, 4. September 2009 – Teilnehmende Beobachtung an der Cala s’Almunia, Südwestküste Mallorca:

CalaSAlmunia

Um 11 Uhr komme ich nicht umhin behaupten zu können, dass die Sonne gnadenlos brennt. Weiterlesen

Frankfurt am Main – eine „Wohlfühlstadt“

5 Okt

Auf dem Weg zur Wohlfühlstadt“ – mit dieser Schlagzeile lieferte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 18. Juni 2009 einen Artikel aus (von Tobias Rössmann, Nr. 138, S. 40): 65% der Frankfurter glauben, dass man in dieser Stadt gut leben kann. (Ja, das glaub ich auch – seit vielen Jahren schon.) Die Zufriedenheit mit Frankfurt ist demnach in den vergangenen Jahren stark gestiegen von 44% (Anteil der befragten Frankfurter) im Jahr 1993 auf 64 % im Jahr 2008. 52% der Befragten halten Frankfurt für eine Stadt mit vielen Parks und Grünanlagen. (Man kann im Frankfurter Grüngürtel sogar um die Stadt herum wandern – und immerhin hat die Stadt über 600.000 Einwohner, diese Wanderung schafft man folglich nicht an einem Tag.) 70% halten Frankfurt für eine Stadt der Museen, 80% sehen Frankfurt als „Handelsplatz, Bankenstadt, Börse“, 76% als „Verkehrsknotenpunkt. 46% der Befragten halten diese Stadt für eine „Stadt der Gegensätze“ und 23% halten sie für schmutzig. (Die sollten mal nach Wiesbaden gehen, das ist ein rechtes Dreckloch, – aber hübsch historistisch.)
Nur noch 14% der Frankfurter halten die Kriminalität für ein Problem der Stadt; im Jahr 1993 waren es noch 47%. Das überrascht, weil Frankfurt/Main angeblich immer noch (vor Hannover und Bremen) die deutsche Kriminalstatistik bei den Städten ab 200.000 Einwohner anführt. 2008 gab es in Frankfurt 15.976 Straftaten je 100.000 Einwohner. Jetzt könnte man spekulieren: „Weniger Diebstahl, mehr Betrug“, – so jedenfalls die Schlagzeile des betreffenden Zeitungsartikels in den Fränkischen Nachrichten vom 26. Juni 2009.

Das Frankfurter Niveau ist jedenfalls in Bewegung geraten – überaus dynamisch und vielseitig.
Und auch im internationalen Vergleich hält sich Frankfurt nicht mehr nur wacker (so die Frankfurter Rundschau vom 10. Juli 2003, Nr. 157, S. 29 – „Woanders ist nicht alles besser“). Lydia Heard (- schauen Sie doch mal in Ihren hervorragenden citywalker-Weblog -) hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es Frankfurt (mit München und Düsseldorf) in die Top Ten der World’s Most Livable Cities geschafft hat (The Independent vom 29. April 2009 by John Lichfield – ).
Mit diesen Städte-Rankings ist das freilich so eine Sache – ähnlich wie bei Miss-Mallorca-Wahlen.