Ein Gang durch den Zoo – Tiergarten Nürnberg

29 Aug

Ein Gastbeitrag von J. Gedon (vielen Dank!)

Vor dem Besuch eines Tiergartens stellt sich die Frage, welche Daseinsgründe sich für ein solchen aussprechen, warum ein Zoo denn sinnvoll ist und vor allem, was ein Besucher von solch einer Anlage denn nun erwartet.
Eine Rechtfertigung dafür, die Wildnis in die Stadt zu holen, lieferte Heini Hediger, ein 1992 verstorbener Schweizer Zoodirektor: Zoos sollen ein Erholungs- und Freizeitraum für Menschen sein. Sie fördern die Bildung in Natur- und Tierkunde. Sie betreiben Natur- und Artenschutz und leisten als wissenschaftlich geleitete Einrichtungen einen Beitrag zur Forschung, vor allem zur Verhaltenskunde.

Beginnen wir mit dem wohl am klarsten auf der Hand liegenden: dem Erholungsraum. Nicht erst seit Knut und Co. – obwohl diese sicherlich zu einer erneuten Popularität der Zoos unumstritten beigetragen haben – strömen jährlich zigtausende Besucher in die deutschen Tiergärten. Präzise geplante Parklandschaften, postmoderne Unterhaltungsstrukturen und die Möglichkeit zur Erholung, nicht nur in Form von Imbissbuden und Eisständen, geben dem modernen Menschen eine Möglichkeit dem Alltag zu entfliehen, sich aus dem Stadtdschungel zurückzuziehen und den »Hunger nach Natur« zu stillen.
Der amerikanische Evolutionsbiologe Edward O. Wilson erklärt dies mit einem instinktiven Hang zur Natur. Noch in der Steinzeit hing das Überleben eines Menschen vom Kenntnisreichtum über seine Umgebung, dem Wissen von Naturgefahren und natürlichen Ressourcen ab. Vor allem die künstlich eingeengten Stadtbewohner, wissen die Gegenwart der Tiere zu schätzen. Ein lebendiges Tier im Zoo mit all seinen Gerüchen und die Möglichkeit, hin und wieder ein Exemplar zu berühren, was weder Buch noch Film schaffen, lockt viele Besucher an. Es geht nicht nur um das Betrachten dieser Arten, sondern auch ganz gezielt um das »Erleben«. Fast jeder Zoobetreiber bietet deshalb heutzutage Streichelzoos an und auch die „Füttern verboten“ Schilder rücken immer mehr in den Hintergrund.

Machen wir uns also nichts vor, ein Tiergarten dient in erster Linie uns selbst, den Menschen. Warum dies nicht gleich mit anderen nützlichen Zielen verbinden: Bildung und Information, eine Art Zoopädagogik, die Bewusstsein schaffen soll für sowohl wildlebende Arten als auch für deren Lebensräume. So ist zu beachten, dass z.B. im Nürnberger Tiergarten nicht nur die Tiere sondern auch die Gestaltung der dazu gehörigen Landschaft – Wasser, Wald, Wüste – beachtet und entsprechend umgesetzt wurde.
Der pädagogische Erfolg hingegen bleibt meistens jedoch nur bescheiden. Zwar gibt es ein so genanntes „Wald Quiz“ im Nürnberger Tiergarten, doch konnte man während unseres Aufenthalts keinen einzigen Besucher entdecken, der dies angenommen hat. Trotz der guten Absicht Schutzwürdigkeit und Bedrohungsstatus den Menschen klar zu machen, verändern sich die Zoos immer mehr zu postmodernen Erlebnislandschaften: Mischräume, die auf zu schützende Biosphärenausschnitte bzw. Lebensräume verweisen, gleichzeitig Erlebniswelten darstellen, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Delphinshows, Fütterungszeiten und Streichelzoos entwickeln sich zu Publikumsmagneten, ohne die die Zoos nicht mehr auskommen würden. Die Gefahr besteht darin, dass die Tiere und das Verständnis für den Tierschutz langsam in den Hintergrund treten und den Erlebniswelten weichen. So zeigt sich dies auch am Beispiel des Freizeitparks Busch Gardens in Tampa, Florida. Zwar gibt es eine thematische Trennung des Parks in Tier- und Freizeitbereich, jedoch ist diese Trennung räumlich nicht vorhanden: Über Elefantengehegen tummeln sich Achterbahngleise und Safariautos sausen an Gnus und Antilopen vorbei, – ohne sie beim Fressen zu stören? Die Lautstärke des Menschengewirrs und dazu die äußerst eindringliche Parkmusik ermüden nicht nur die Besucher sondern beeinträchtigen nachvollziehbar auch die Tierarten erheblich.

Wobei wir nun beim nächsten Punkt wären, dem Arten- und Tierschutz. Viele Zoofürsprecher argumentieren oft mit dem Nutzen des Zoos für die Forschung und Wissenschaft. Sicher spielen auch die Arterhaltung und der Naturschutz eine wichtige Rolle; doch ist dieses Argument auch berechtigt? Oft werden charismatische Tiere in den Zoo aufgenommen, obwohl diese nicht bzw. noch nicht vom Aussterben bedroht sind, um so Parkgäste anzuziehen und die Besucherzahlen steigern zu können – ein Zoo lebt ja nun mal von seinen Gästen, obwohl auch örtliche Betriebe und Firmen, wie z.B. der Nürnberger Spielkartenverlag GmbH, der die Giraffenhaltung unterstützt, beträchtlich zur Erhaltung des Zoos beitragen. Auch eine private Unterstützung des Zoos ist möglich, obwohl die eher seltener ist.
Jedoch muss gesagt werden, dass einige Tiere im Zoo wirklich stark bedroht sind, wie die Informationstafeln dem interessierten Parkbesucher verdeutlichen. Nicht nur wird das frühere und heutige Vorkommen einer bedrohten Art bildlich dargestellt, sondern auch die Logos des Washingtoner Artenschutzabkommens und der EEP (Europäisches Erhaltungszuchtprogramm) sind auf den Schildern wiederzufinden.

Kaum bemerkenswert bleiben auch die Ergebnisse auf dem Feld der Verhaltensforschung. Selbst unter artgerechter Haltung und vermeintlich groß-zügiger und weiträumiger Gehege verhalten sich Zootiere nicht entsprechend der Natur, sondern passen sich vielmehr ihrer künstlichen Umgebung an.

Noch bevor die Rufe nach Tierschutz in den 50er und 60er Jahren all-mählich auf Zustimmung seitens der Zoos stießen, waren Tiergärten lediglich Orte um Tiere auszustellen, ohne artgerechte Haltung zu beachten weniger aus forschendem Interesse, sondern eher um die Sensationsgier der Menschen zu befriedigen. Der Artenreichtum eines Zoos war viel wichtiger als die Qualität seiner Führung. Erst nach und nach setzte sich eine gewisse Zooarchitektur durch, bei der Architekten mit Biologen und Zoologen zusammenarbeiteten um eine möglichst artgerechte Behausung für die Tiere zu schaffen. Dies ist besonders für die Aufzucht wichtig, da sich die Tiere wohl fühlen müssen um sich fortzupflanzen und gesunde Nachkommen zur Welt bringen zu können.

Die Gehege wurden offener, man selektierte und reduzierte die Artenzahl, steigerte damit die Qualität der Haltung und vermied so den Hospitalismus der Zoobewohner. Auch die Kontrollen durch die EU tragen nun zur Verbesserung der Lage der Tiere in Gefangenschaft bei. Richtlinien zur artgerechten Haltung und Zusammentreffen der Zoodirektoren (z.B. Zookunft in Duisburg, 2009) verbesserten nicht nur die Qualität der Zoos, sondern auch ganz gezielt das Image.
Um weiter Besucher anzuziehen setzt man hierbei natürlich besonders auf Tierarten mit besonders hohem Erkennungswert. Nach dem Arche Noah-Prinzip (?) wird hier auch ausgewählt, welche Tiere man bevorzugt züchtet, da aus Platzmangel und dem Streben nach artgerechter Haltung nur eine begrenzte Aufzucht möglich ist. Dass bei dieser Frage ein Zoodirektor oft unentschlossen ist, lässt sich verstehen, wenn man beachtet, dass die Zahl der bedrohten Tierarten jährlich steigt. Fördervereine wie z.B. im Falle des Tiergartens Nürnberg die Lagune2000 sind das Ergebnis einer solchen Entscheidung. Hat man sich hier doch auf die besonders schwere und oft nicht fruchtbare Aufzucht von Delfinen spezialisiert.

Keinesfalls jedoch ist das Projekt artgerechter Zoo abgeschlossen. Die Zoobetreiber sind immer noch am lernen. Ihr Ziel muss lauten, menschliche Interessen und tierisches Wohlbefinden in Einklang zu bringen. Dazu gehört nun aber auch, einzugestehen, dass manche Arten einfach nicht ganz in das Konzept „Artgerecht“ passen. So z.B. die Publikumslieblinge Elefant, Giraffe und Co. deren Leben im Gehege, aufgrund ihrer Größe trotzdem eine Qual bleibt. Ein Leben in Freiheit kann nun mal keine Beschäftigungstherapie und kein goldener Käfig wettmachen.

zoocollage

(aus einer studentischen Portfolioarbeit, SoSe 2009)

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