Mittelrheintal – UNESCO-Welterbe

21 Aug

Seit 2002 ist das Obere Mittelrheintal in der UNESCO-Welterbeliste. Die UNESCO würdigte diesen Abschnitt des Rheines als eine Kulturlandschaft von großer Vielfalt und Schönheit. Hervorgehoben wurde auch der außergewöhnliche Reichtum der Landschaft an kulturellen Zeugnissen und Assoziationen sowohl historischer wie auch künstlerischer Art. Seine besondere Erscheinung verdankt die Welterbestätte einerseits der natürlichen Ausformung der Flusslandschaft, andererseits der Gestaltung durch den Menschen. Darüber hinaus wurde auch die Bedeutung des Rheins gewürdigt, der seit zwei Jahrtausenden einen der wichtigsten Verkehrswege für den kulturellen Austausch zwischen der Mittelmeerregion und dem Norden Europas darstellt. Da das Obere Mittelrheintal der prominenteste Abschnitt des Stromverlaufs ist, wurde es stellvertretend für den ganzen Rhein in die Liste des Welterbes aufgenommen (Quelle: Welterbe Oberes Mittelrheintal >>).

Im Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt, der sog. Welterbekonvention von 1972 (siehe: Deutsche UNESCO-Kommission e.V.) ist aber gar nicht explizit von Kulturlandschaften die Rede. Jedoch gab es bereits 1962 eine UNESCO-Empfehlung zum „Schutz der Schönheit und des Charakters von Landschaften“.

In einem Vortrag „Die Kulturlandschaft von morgen ist nicht die von gestern/Über die Zukunft einer UNESCO-Kulturlandschaft“ auf der 7. Mittelrhein-Konferenz (Koblenz, 2002, als pdf-Datei zum Download hier >>>) beschäftigte sich Robert de Jong mit den Besonderheiten, Herausforderungen und Problemen einer Kulturlandschaft als Welterbe. Mechthild Rössler berichtet im Welterbe Manual. Handbuch zur Umsetzung der Welterbekonvention in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz (Hrsg. von den UNESCO-Kommissionen Deutschlands, Luxemburgs, Österreichs und der Schweiz, Deutsche UNESCO-Kommission, Bonn 2009. (zum Download hier >>>) über „Kulturlandschaften im Rahmen der UNESCO-Welterbekonvention“.

Als Kulturerbe (Artikel 1 der Welterbekonvention) gelten Denkmäler, Ensembles und Stätten. Stätten werden definiert als „Werke von Menschenhand oder gemeinsame Werke von Natur und Mensch sowie Gebiete einschließlich archäologischer Stätten, die aus geschichtlichen, ästhetischen, ethnologischen oder anthropologischen Gründen von außergewöhnlichem Wert sind.

Auch die Begriffsdefinition Naturerbe erwähnt nicht explizit die Landschaft. Zum Naturerbe gehören Naturgebilde, geologische und physiographische Erscheinungsformen und Naturstätten. Landschaften, insbesondere oder eben ausschließlich die sog. Naturlandschaften werden implizit als Naturgebilde bezeichnet und sind dadurch in der Welterbekonvention berücksichtigt. „Naturgebilde, die aus physikalischen und biologischen Erscheinungsformen oder –gruppen bestehen, welche aus ästhetischen oder wissenschaftlichen Gründen von außergewöhnlichem universellen Wert sind“.

De Jong (2002, S. 2) macht wegen der ästhetischen Gründen als Kriterium auf die kulturelle Dimension der Begriffsbestimmung von Naturgebilden aufmerksam. „An sich ist das ein seit der Antike in der westlichen Kultur vorhandener topos. Dabei handelt es sich um die Sehnsucht, das Verlangen nach dem Paradies, nach einem lieblichen Ort, nach dem locus amoenus.
Und weiter:“ Wo im Übereinkommen vom ‚Naturerbe’ die Rede ist, müsste eigentlich vom ‚Kulturerbe’ die Rede sein, da es sich um die ästhetischen Qualitäten der Natur handelt.

Wegen der Unschärfe bzw. der dualistischen Konzeption der Begriffsbestimmungen (Kultur- und Naturerbe) diskutierte das Welterbekomitee über 15 Jahre lang darüber, wie Kulturlandschaften in die Liste des Welterbes einbezogen werden könnten. Bis 1993 (Ernennung des Tongariro National Park in Neuseeland, eine der heiligsten Stätten der Maori, als Welterbe) konnten keine Kulturlandschaften vorgeschlagen werden. Vorschlag und Eintragung erfolgten bis dahin unter anderem Namen (auch wenn es sich letztzlich um eine Kulturlandschaft handelte; in dieser Eigenschaft waren sie aber nicht Teil der Liste). Im Jahr 1992 überzeugte ein Bericht eines Expertenteams das Welterbekomitee und die Aufnahme von Kulturlandschaften wurde möglich (vgl. Rössler ebd., S. 113 f.).

Ausgangspunkt ist die Begriffsbestimmung von Stätten in Artikel 1 („Werke von Menschenhand oder gemeinsame Werke von Natur und Mensch“). Das Expertenteam unterschied drei Kategorien von Kulturlandschaften (Rössler, S. 114):

  1. von Menschen künstlerisch gestaltete Landschaften (Parks und Gärten), in Deutschland z.B. das Gartenreich von Dessau-Wörlitz
  2. Landschaften, die ihren unverwechselbaren Charakter der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur verdanken, in Deutschland z.B. das Obere Mittelrheintal
  3. Landschaften, deren Wert in religiösen, spirituellen, künstlerischen und geschichtlichen Assoziationen liegt, die die Bewohner mit ihnen verbinden, in Deutschland z.B. die Klosterinsel Reichenau

In diesem Zusammenhang wurde auch konzeptionelle Fragen neu diskutiert, unter anderem die Begriffe ‚Authentizität‘ und ‚Integrität‘ und die Entwicklung von Kulturlandschaften als Welterbestätten, die ja dynamische Systeme darstellen und gerade nicht statisch sind.
Gerade die ‚kontinuierlich organische Kulturlandschaften‚ sind für die Konvention am intensivsten diskutiert worden und hatten laut Rössler (ebd., S. 115) weitreichende Konsequenzen. Es geht hier um „die Erhaltung sich ständig verändernder, sich entwickelnder dynamischer Systeme“. Darin steckt freilich ein Widerspruch, der nicht wenigen vertraut sein dürfte, die sich z.B. mit der Landschaft der Lüneburger Heide oder der Hohen Rhön beschäftigt haben.
Laut Rössler (ebd., S. 115 f.) sind solche Kulturlandschaften „durch den täglichen Umgang des Menschen mit der Natur entstanden und haben gezeigt, dass die Bevölkerung selbst zum Erhalt der natürlichen Umwelt und ökologischen Systeme beiträgt – nicht nur bei speziellen Produktionsmethoden und Methoden des Ackerbaus, sondern auch bei traditionellen Formen der Landnutzung, die auf das überlieferte Wissen einer Kulturgemeinschaft zurückgehen„.

Letztlich klingt das durchaus plausibel, aber auf eine Landschaft wie das Mittelrheintal kaum anwendbar. Wir können hier nicht von „traditionellen Formen der Landnutzung“ sprechen und auch nicht von einem „überlieferten Wissen einer Kulturgemeinschaft“!

Auf die dynamische Dimension macht auch de Jong im Fall des Mittelrheintals wiederholt aufmerksam (ebd., S. 3): „Der Begriff lautet ‚Kulturlandschaft’, nicht ‚historische Kulturlandschaft’. Der Begriff ‚historische Kulturlandschaft’ widerspricht einer lebendigen, sich organisch entwickelnden Landschaft […]. Das Mittelrheintal wird als ‚organically evolved landscape’ betrachet.

An anderer Stelle schreibt er, dass „die Verwaltung einer ‚continuing landscape’ eher eine gute Raumordnung als die Hantierung starr werdender Schutzmaßnahmen beinhaltet.“ Starre Schutzmaßnahmen könnten zur Änderung in eine ‚relict landscape’ führen, was sich durch die Auswirkungen der sogenannten ‚heritage industry’, die Sucht nach Musealisierung und das Bedürfnis an Ästhetisierung in großen Teilen der westlichen und sich verwestlichenden Welt verstärken und beschleunigen lässt (ebd., S. 11). Und er betont, dass es aus gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht weder wünschenswert noch möglich ist, aus unseren historischen Denkmälern ausschließlich Museen zu machen. Das gilt insbesondere auch für Kulturlandschaften

Für de Jong hat eine Kulturlandschaft ihre eigene Biographie. Und wenn eine Landschaft zum Kulturerbe ernannt wird, hat dies eben Folgen für ihre Biographie der Landschaft. Anstatt zu einem Bruch zu führen, kann die Biographie aber sinnvoll und schlüssig fortgesetzt werden. Dabei ist zu berücksichtigen, „dass die Reaktionen des Einwohners, Eigentümers, Benutzers auf die Vergangenheit einer (Kultur-)Landschaft das Maß bestimmen, in dem sich die (Kultur-)Landschaft ändert oder ändern wird“ (ebd., S. 9). „Die historische Kulturlandschaft kann als Fundament künftiger Entwicklungen verwendet werden“ (ebd., S. 11), oder wie auch im Titel seines Vortrags programmatisch ausgedrückt wird: „Die Kulturlandschaft von morgen kann nicht länger die von gestern sein“ (ebd., S. 14).

Ein solcher Umgang mit Kulturlandschaften spiegelt auch paradigmatische Änderungen der Denkmalpflege wieder. Dort war in der Vergangenheit immer die Rede von der ‚integrated conservation‚, nun spricht man verstärkt über ‚integrated development‚. Die Denkmalpflege bewege sich seit den achtziger Jahren von der Exklusivität der Historie und Vergangenheit zu dem, was sie für die visuelle, materielle und psychologische Qualität des Raumes von heute und morgen bedeuten kann (ebd., S. 12). „Sie interpretiert, erhält und kreiert gleichzeitig, wodurch sie die Vergangenheit neu schöpft“ (ebd., S. 13).

De Jong versucht in seinem Vortrag diese Komplexität zu fassen: Er geht davon aus, dass das Verhältnis des Menschen zur Natur, nicht nur von dem überlieferten Wissen einer Kulturgemeinschaft geprägt wird, sondern (v.a. in der westlichen Welt) zunehmenderweise auch ein wirtschaftliches, intellektuelles und geistiges Verhältnis darstellt, das durch technologische Entwicklungen und die Reaktionen darauf, durch die bildende Kunst und durch die Bilder von Film und Fernsehen bestimmt wird (ebd., S. 5). Kulturlandschaften sind multidimensional und polyvalent: „In der historischen Gliederung der Landschaft sind zusätzlich zu den geologischen, naturwissenschaftlichen, biotischen und ökologischen Werte viele andere enthalten“. Die Landschaft ist demnach „nicht nur natürlich“, sie ist im Moment der Aneignung durch den Menschen auch „ein visuelles, textuelles oder semantisches Symbol“ und auch „das direkte Spiegelbild von Macht, von Machtverhältnissen, von sozialen Identitäten“ und von ihrer (Aus-)Nutzungsgeschichte (ebd., S. 8). Eine Kulturlandschaft enthält in sich mehrere Landschaften; „sie hat mehrere Bedeutungen inne und ruft verschiedene Interpretationen wach“ (ebd., S. 9). De Jong spricht von der ‚mentalen Landschaft’, die den Einwohnern am nächsten ist, von der ‚kognitiven Landschaft’, die im Rahmen einer multidisziplinären wissenschaftlichen Untersuchung hervorgebracht wird, von einer ‚behördlichen Landschaft’, die in den politischen Entwürfen der Regierung beschrieben wird, von einer ‚konzeptuellen Landschaft’, wie sie sich ein Designer, Planer oder Projektentwickler vorstellt. Die Wahrnehmung und Bewertung einer Landschaft ist verkoppelt mit dem dialektischen Verhältnis der Realität und Illusion hinsichtlich der Landschaft (ebd., S. 9).

Nicht nur eine bestimmte Kulturlandschaft hat eine Geschichte, sondern auch das Konzept Landschaft.
Auch das berücksichtigt de Jong: Er spricht von der Landschaft, der in der Neuzeit das Rauhe und das Geheimnisvolle genommen wurden, wodurch sie demokratisiert, zugänglich, zu öffentlichen Gemeingut gemacht wurde (ebd., S. 5 f.). Im 20 Jahrhundert wurde die Landschaft nach Funktionen gegliedert und rationalisiert (die „technokratische Landschaft“, in ihrer monofunktonalen Form die „Produktionslandschaften mit Monokulturen, die sich mit der auf dem Zeichentisch entworfenen Wildnis von Nationalparks und Naturparks abwechseln“) (ebd., S. 8). Landschaft wurde zu einem Wirtschaftsgut. In diesem Zusammenhang ist auch das Erlebnis der Landschaft zunehmend kommerzialisiert worden, so dass im 20. Jahrhundert Landschaft totalisiert wurde. Landschaft wurde zunehmenderweise in eine stetig wachsende und immer mehr miteinander konfliktierende Struktur aus Abkommen, Charten und jurristischen Regelungen eingebettet (ebd., S. 8).

Laut Rössler (ebd., S. 117 f.) hat die im Zuge der Diskussion um Kulturlandschaften erfolgte Neuinterpretation des Begriffs Welterbe dazu geführt, dass „Naturstätten nun in ihrer kulturellen Dimension wahrgenommen und Kulturstätten im Zusammenhang mit ihrer natürlichen Umwelt betrachtet werden. […] Die Erhaltung des Kultur- und Naturerbes konnte dadurch in einem neuen Zusammenhang gesehen werden. Die kulturelle Identität vieler Völker entstand auch in ständiger Auseinandersetzung und Beziehung zu ihrer natürlichen Umwelt. Gleichzeitig sind fast alle Naturregionen durch den Menschen beeinflusst und zu Kulturlandschaften geworden, insbesondere in Europa.
Insbesondere die Kategorie der ‚Assoziativen Kulturlandschaften’ hat neue Möglichkeiten für den Schutz von Stätten indigener Kulturen geschaffen, die auf der Welterbeliste bis dahin kaum zu finden waren, wie das Beispiel von Uluru Kata Tjuta in Australien zeigt (siehe Rössler ebd., S. 116).

Inzwischen sind 60 Kulturlandschaften aus allen Teilen der Erde in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen worden. Laut Rössler (ebd., S. 115) war die Welterbekonvention nach 1993 das erste internationale Instrument, das Kulturlandschaften anerkennt und unters Schutz stellt. Das hatte Einfluss auf andere Rechtsinstrumente und Programme, z.B. das Europäische Landschaftsübereinkommen (European Landscape Convention, 20. Oktober 2000 in Florenz) des Europarats, das die Mitgliedsstaaten auffordert zum Schutz, zur Pflege und Planung aller Landschaften in Europa einen Beitrag zu leisten.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: