So viel Verkehr.

2 Jan

Thomson (1978, S. 17) behauptete, dass sich dem Ökonomen der Verkehr als ein „großartiges Chaosdarstellt. Die Großartigkeit bestehe zum Teil in den technischen Errungenschaften des Verkehrs (z.B. Überschallflugzeuge, Großbrücken, U-Bahnen, Luftkissenfahrzeuge, Passagierschiffe). Freilich fasziniert den Ökonomen auch die „gewaltige wirtschaftliche Bedeutung dieses Sektors“, mit „Ausgaben von einer Größenordnung, die in den meisten anderen Wirtschaftszweigen praktisch unbekannt ist.“

Als Chaos empfindet der Ökonom den Verkehrssektor auf der Ebene der Wirtschaftlichkeit (z.B. angesichts der Verkehrsstaus in den meisten Städten der Welt, „des erschreckenden Blutzolls an Unfalltoten und -verletzten auf den Straßen“ und beim Anblick der Bedingungen im öffentlichen Verkehr. Der Ökonom ist fasziniert von dem Vorkommen von Phänomenen wie Monopole, Gesetze und Verordnungen, dem Mangel an Versuchen, den Marktmechanismus vorteilhaft zu nutzen, und selbstverständlich von Nachfrageschwankungen, Gesamtkosten, lang- und kurzfristigen Kosten, externen Kosten und Effekten, Größenvorteilen, Überkapazitäten und Unterkapazitäten, preispolitischer Maßnahmen.

Auch Geographen fühlen sich vom Verkehr angezogen. Die Geographie erregt es, dass die Erde schrumpft als Effekt technologischer Innovationen im Transportwesen (siehe Nuhn & Hesse 2006, Abb. 1.1.3, S. 12), dass Verkehr einen raumdifferenzierenden Faktor darstellt, dass der Verkehr eine grundlegende Bedeutung spielt, um die Grunddaseinsfunktionen (Arbeiten, Einkaufen, Sich Erholen, Freunde Besuchen usw.) miteinander zu verbinden, und schließlich, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Verkehr eine transdisziplinäre Ausrichtung erfordert und stark anwendungsorientiert ist.

Quantitativ arbeitenden Geographen finden im Verkehr zahlreiche Betätigungs- und Analysemöglichkeiten, z.B. netztheoretische Analysen und Modellbildungen, Simulationen und Optimierung von Verkehrswegen und Verkehrsträgern. Die angewandt arbeitenden Geographen analysieren die „Veränderungen der Siedlungsstrukturen im Spannungsfeld von motorisiertem Individualverkehr (MIV)und öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV) in seinen Konsequenzen für Raumordnung und Planung“. Sie analysieren „Verkehrsprobleme in peripheren ländlichen Räumen und entwickeln neue Formen des Paratransits“. Sie untersuchen „Umweltauswirkungen des Verkehrs und Konsequenzen für die Raumplanung“. Und sie möchten durch eine nachhaltige Verkehrsgestaltung einen Beitrag leisten zur Aufrechterhaltung der räumlichen Mobilität (siehe Nuhn & Hesse 2006, Kasten 1.1.1, S. 15).

Verkehr ist äußerst landschaftsprägend; er kann bestimmte Territorien gnadenlos dominieren. Der Verkehr zerschneidet Landschaften auf unterschiedlichsten Maßstabsebenen, er legt sich wie ein faseriges Netz auf die Erdoberfläche. Obwohl der Verkehr die Landschaft verinselt, werden durch sein Geflecht Orte miteinander verbunden. Durch die Teilnahme am Verkehr entlang der Verkehrswege sind Menschen unterwegs, und es werden Waren transportiert. Es ist diese Dialektik von Trennen und Verbinden, von Distanz und Nähe, die den Geographen am Verkehr anzieht. Verkehr in Verbindung mit dem Topos des Reisen bzw. des Unterwegs-Seins erzeugt auch beim Geographen ein Gefühl von Aufregung, Romantik und Sentimentalität.

Wir fahr’n fahr’n fahr’n auf der Autobahn
Vor uns liegt ein weites Tal
Die Sonne scheint mit Glitzerstrahl
Die Fahrbahn ist ein graues Band
Weisse Streifen, grüner Rand
Jetzt schalten wir das Radio an
Aus dem Lautsprecher klingt es dann:
Wir fahr’n auf der Autobahn…

Kraftwerk: Autobahn (1974)

Literatur

Heineberg, H. (2004): Einführung in die Anthropogeographie/Humangeographie. Ferdinand Schöningh, Paderborn u.a. (Kapitel 4. Einführung in die Verkehrsgeographie, S. 205-250).

Kagermeier, A. (2007): Kapitel 21. Verkehrsgeographie, in: Gebhardt, H.; R. Glaser; U. Radtke & P. Reuber (Hrsg.): Geographie. Physische Geographie und Humangeographie. Elsevier Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, S. 734-749.

Nuhn, H. & M. Hesse (2006): Verkehrsgeographie. Ferdinand Schöningh, Paderborn u.a.

Thomson, J. M. (1978): Grundlagen der Verkehrspolitik. – Haupt, Bern & Stuttgart (Orig.: „Modern Transport Economics“, Penguin Books Ltd., 1974).

Internet:

Jean-Paul Rodrigue, Claude Comtois and Brian Slack (2006): Teh Geography of Transport Systems. New York: Routledge. – http://people.hofstra.edu/geotrans/index.html.

Johannes Klühspies: verkehr – stadt – raum. – http://www.verkehrsgeografie.de/.

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