Ich liebe ‚elektrisches Blau‘, es ist so urban.

19 Dez

Blau ist gar keine kalte Farbe.

Wir haben es uns angewöhnt, Blau als kalt zu empfinden. Das kalte Blau ist eine kulturelle Konstruktion, ein moderner Habitus. Im Winter sind die Tage am kältesten, in denen ein blauer Himmel herrscht, das sind die Tage der Kältehochs über Skandinavien und Russland. Wir haben unzählige Fotos von den Polargebieten gesehen, in denen die blaue Farbe vorherrscht. Die Gletscher-Eis Bonbons stecken in einer blauen Verpackung, und im Sommer suchen wir Abkühlung in Schwimmbecken, deren Becken in blauer Farbe gestrichen sind.

Die Grundfarbe Blau steht in einem engen Verhältnis zu den anderen Grundfarben Rot und Gelb. Selbst wenn Blau eine kalte Farbe sein sollte, ist sie das nur, weil Rot als heiße Farbe empfunden wird. Wegen der Komplementarität zu Gelb erhielte dann aber Blau über Orange und Gelb selbst eine warme Nuance. Diese Form der Argumentation ist hier aber bedeutungslos, wegen der grundsätzlichen Behauptung, Blau ist gar keine kalte Farbe. Und wenn sie keine kalte Farbe ist, muss sie eben warm sein – oder zumindest nicht kalt. Der Kalt-Warm-Kontrast von Farben beruht sowieso nur auf dem menschlichen Empfinden. Eigentlich ist es in Bezug auf die Farbtemperaturen sogar umgekehrt. Die Farbtemperatur ist ein Maß für den Farbeindruck einer Lichtquelle. Sie wird definiert als die Temperatur, auf die man einen Schwarzen Körper (Planck’schen Strahler) aufheizen müsste, damit er Licht einer Farbe abgibt, das (bei gleicher Helligkeit und unter festgelegten Beobachtungsbedingungen) der zu beschreibenden Farbe am ähnlichsten ist. Das Licht einer gemeinhin als warm empfundenen Kerze hat eine Farbtemperatur von 1500 K, die Morgen- bzw. Abendsonne 5000 K, das Licht des bedeckten Himmels 6500-7500 K, aber das Licht eines klaren, blauen Himmels hat eine Farbtemperatur von 15.000 bis 27.000 K. Anders ausgedrückt: Von einer kühlen Oberfläche wird hauptsächlich langwellige Strahlung ausgesandt; die Strahlung einer heißen Oberfläche besteht dagegen hauptsächlich aus kurzen Wellenlängen (sichtbares Licht und Ultraviolett). Es stimmt, dass das im Spektrum der elektromagnetischen Strahlung auf das Rot folgende langwelligere Infarot als Wärmestrahlung gefühlt werden kann, und dass wir mit den noch langwelligeren Mikrowellen Speisen erhitzen können. Aber die dem Blau und Violett benachbarte kurzwelligere Ultraviolette Strahlung verursacht heftigen Sonnenbrand. Wenn die ultraviolette Strahlung also solch eine Power hat, dann können wir behaupten, dass Blau eine kraftvollere, mächtige Farbe als Rot darstellt. Blau ist heißer.

Blau ist die Farbe einer existenziellen Sehnsucht.

„Verloren ins weite Blau blicke ich oft
hinauf in den Äther und hinein ins
heilige Meer, und mir ist, als öffnet
ein verwandter Geist mir die Arme,
als löste der Schmerz der Einsamkeit
sich auf ins Leben der Gottheit“

Friedrich Hölderlin, Hyperion

Der Blaue Himmel zeigt uns die Sonne. Er ist das Produkt des weißen Sonnenlichtes und der Luftmoleküle der Erdatmosphäre. Die kurzen Wellenlängen, also die blauen Anteile des stärker gestreut als die anderen Anteile, weshalb der wolkenlose Himmel Blau erscheint. Der klare nachtblaue Himmel eröffnet uns das sternenerfüllte Weltall. Wir lieben es, wenn das Wasser der Meere, der Flüsse oder von Seen blau erscheint. Dann denken wir, es tummeln sich zahllose farbige und silbrige Lebewesen darin.

Überhaupt, wie gut passt Silber- und Goldglanz zu Blau. Das ist so edel, dass kein roter Blutstropfen das zerstören dürfte. Von Adligen wurde gesagt, sie hätten blaues Blut. Dieser Ausspruch soll daher kommen, weil sie so blass waren, dass die blauen Venen durch die Haut schimmerten. Das Verhältnis von Blau zu der Nicht-Farbe Weiß ist eben von subtiler Kontrasthaftigkeit und Schönheit. Noch immer schreiben wir bevorzugt mit blauer Farbe auf weißem Papier. Wir lieben den Kontrast weißgetünchter Häuser, z.B. auf Ibiza, vor dem tiefen Blau des Mittelmeeres und einem wolkenlosen blauen Himmel. Wir lieben die sog. Schäfchenwolken, so sehr dass wir uns flach hinlegen und aus unserer Phantasie ein ganzes Bestiarium hervorstottern.

Aber im Kontrast zu der Nicht-Farbe Schwarz offenbart sich die ganze Kraft des Blau. Wundersam erscheint dort Blau als ein Produkt, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Umhüllt man einen blauen Kreis mir Schwarz, könnte man meinen, dass das Blau langsam verschluckt werden könnte. Aber wie durch eine innere Kraft leuchtet das Blau immer weiter. Dabei ergänzt es die Nicht-Farbe Schwarz so wunderbar und kontrastiert mit ihr nicht schamlos.

Blauer Kreis

In einem Schaufenster eines Geschäftes in der Berger Straße, Frankfurt/Main

Das Foto vom Bild der Erde aus dem Weltraum – ‚The Blue Marble’, „die blaue Murmel“. Eine Ikone der Lebendigkeit und Vitalität, und gleichzeitig eine Mahnung an die Menschheit. Müsste man eine Anthropologie auf der Grundlage von Farben schreiben, dann wäre das Ergebnis eine Philosophie der Beziehungen von Blau zu Weiß bzw. Schwarz.

Dieses Blau, das vom Schwarz umhüllt wird, ist auch die Farbe der Urbanität. Andere Farbtemperaturen sind lediglich Kulissen für das eigentliche Blau. Das städtische Blau ist eine herrliche Farbe des Übergangs, der Phantasie, der Sehnsucht, der Neugier, des Wissen- und Ausprobierenwollens, und gleichzeitig auch der Nichterfüllung, der Unerreichbarkeit, der Ferne. Das ‚Electric Blue’ von Leuchtstoffröhren und anderer Leuchtmittel ist die metropolitane Farbe schlechthin. Es gibt auch eine Flickr-Gruppe mit diesem Titel und entsprechendem Inhalt. Dieses Blau repräsentiert so klar die nächtliche Seite der Urbanität, die Verführungen und Gefahren. Und die spärlich beleuchtete Nacht hat eine besondere Bedeutung für die Urbanität, wie z.B. Mike Davis feststellt (Die Nacht ist lang“, in Die Zeit Nr. 52 vom 18.12.2202, S. 51 f.):

In der urbanen Nacht liegt der eigentliche Ursprung der Moderne. Der Mensch am Beginn des 20. Jahrhunderts lebte im Rhythmus der dunkeln Stadt: Dichter, Revolutionäre, Maler, Kriminelle, Prostituierte, Taxifahrer, Musiker und Journalisten. Diese Somnambulen bewohnten eine Dunkelheit, die mehr war als die Abwesenheit von Sonnenlicht.

Oft suche ich bei nächtlichen Spaziergängen Orte, an denen dieses Blau leuchtet. Flanieren ist für mich eine Tätigkeit, die mit der Farbe Blau korrespondiert, sowohl mit ihrer Farbtemperatur, als auch mit ihrer Symbolik. Ich gehe also ins Blaue. Hätte der Flaneur eine Uniform, dann wäre sie blau.

Blau steht für Harmonie, Gerechtigkeit, Wohlstand ohne Übermaß, Fortschritt ohne Zerstörung, Wissen, Weisheit, Sympathie, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit. Blau ist ein Versprechen, aber weil Blau nur eine Farbe ist, die zudem auch für Ferne und Sehnsucht steht, kann dieses Versprechen niemals gehalten werden.

Im jahrhundertealten Untergrund der kleinen Stadt Oppenheim am Rhein mit seinen verwinkelten Kellern und Gängen gibt es einen dick ausbetonierten Raum, einen Luftschutzkeller aus dem II. Weltkrieg. Dieser Raum ist mit einem elektrischen Blau ausgeleuchtet. Auch das ist ehrlich; es hätte mich nicht gewundert, wenn sie dort eine Marienstatue aufgestellt hätten.

Luftschutzkeller

Luftschutzkeller im Untergrund der Stadt Oppenheim/Rhein

Wer noch immer nicht glaubt, dass Blau von den Grundfarben die beste ist, sollte sich einmal fragen, ob es rote oder gelbe Jeans gibt. Selbst die Produkte von Lego und Playmobil, die Kindern soviel Freude machen, stecken in einer blauen Verpackung.

2 Antworten to “Ich liebe ‚elektrisches Blau‘, es ist so urban.”

  1. Erwin Oktober 27, 2009 um 4:45 pm #

    Der im Artikel erwähnte ausbetonierte Raum in Oppenheim ist kein Luftschutzbunker. Bevor dieser Raum renoviert wurde und mit dieser Illumination versehen wurde, konnte man die Wasserränder auf verschiedenen Höhen an den Seitenwänden erkennen.
    Da die Altstadt weit oberhalb des Rheins liegt, war es schwierig Löschwasser in die Höhe zu befördern. Deshalb baute man dieses Löschwasserbecken, um im Brandfalle Wasser direkt vor Ort zu haben. Es wurde unterirdisch angelegt, damit das Wasser im Winter nicht zufror.
    Gruss
    Erwin

  2. mawerner Oktober 28, 2009 um 7:03 am #

    Super, Erwin – vielen Dank für den Hinweis. Ein weiteres Warnsignal, wie schnell im Internet Falschheiten verbreitet werden können. Ich bin mir wohl ziemlich sicher, dass der Führer damals gesagt hat, dieser Raum ist als Luftschutzbunker benutzt worden. Vielleicht zeitweise? Deine Ausführungen klingen aber überzeugend. Ein weiterer Verweis auf die Attraktivität und die Rätselhäftigkeit des Oppenheimer Untergrundes, der immer wieder Überraschungen zu Tage fördern kann. Wer in der Gegend wohnt oder dort vorbeikommt, sollte unbedingt mal eine Führung mitmachen, oder?

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