Archiv | Dezember, 2008

Bayern-Ticket-Exkursionen – Scheiss-kalt!

26 Dez

Es waren kalte Bayern-Ticket-Exkursionstage im Wintersemester 2008/09. In Bamberg (am 12.12.2008) warteten wir etwa eine Stunde auf der Terrasse des Michelsberger Garten auf unseren „Termin“. Die Füße waren kalt und nass. Nachdem unser Gesprächspartner angekommen war, begaben wir uns in die St. Michaelskirche. Wir bewunderten den Himmelsgarten, spürbar wärmer war es aber nicht.
Nachdem die Exkursion beendet war, wärmte ich mich – über eine Stunde! – in einem Café in der Unteren Sandstraße auf. Dann machte ich einen E.T.H. Hoffmann-Rundgang durch Bamberg. Es wurde dunkel und immer kälter. Eigentlich hätte ich das lassen sollen – denn es folgten noch einige Exkursionen (am 13.12. 19.12, 20.12.) – und es blieb kalt.
Die Witterungsbedingungen hatten auch Einfluss auf die Namensgebung der Arbeitsgruppen. In Coburg (Stadterkundung – Fragen und Aufgaben, am 19.12.2008) nannten sich die Studierenden: „Die Coburger Schmätzchen“, „Touristeninfo-Menschen-Nerver“, „Die 5 Strümpf“, „Die Vesten-Bestürmer“, „Heiße Heide & Feurige Johanna“, „Gurken-Alex“, „Glühwein-Feuerzangenbowle-Lumumba-Offensive WS 08/09“. Man gewinnt den Eindruck, dass es nicht ganz so kalt war, oder dass gewisse Möglichkeiten existierten, zu vermeiden, dass die Kälte gnadenlos bis auf die Knochen in die Körper der ExkursionsteilnehmerInnen eindringt.
Bei den Stadtgeographischen Beobachtungen in Lohr am Main, Karlstadt und Gemünden am 13.12.2008 nannten sich die Gruppen folgendermaßen: „Alpha-Tier“, Jack Silver, Helmuth Schmitt Gedächtnisgruppe aus Columbia“, „Mütze 08“, „Eiszapfen“, „Frostis“, „Handschuh“. So knapp und prägnant, das klingt nach harscher Witterung. Brutal lang draußen an einem Frosttag im Dezember. Wer konnte am besten mit Handschuhen Skizzen und Notizen machen?
Eingefleischte physische Geographen mit ihrem von Kindheitssehnsüchten geprägten Drang nach abenteuerlichen Erfahrungen in arktischen, antarktischen, glazialen und alpinen Landschaften dürfen jetzt lachen. Aber wir mussten wohl einen gewissen Stil wahren und nicht wie eine Gruppe Cyborgs komplett eingemummt in hochwertig-hochpreisiger Outdoorkleidung durch die Städte spazieren.

Frohes Fest

24 Dez

Frohes Fest

SpaceFlaneur wünscht allen Freunden, Bekannten und Besuchern schöne Feiertage.

Ich liebe ‚elektrisches Blau‘, es ist so urban.

19 Dez

Blau ist gar keine kalte Farbe.

Wir haben es uns angewöhnt, Blau als kalt zu empfinden. Das kalte Blau ist eine kulturelle Konstruktion, ein moderner Habitus. Im Winter sind die Tage am kältesten, in denen ein blauer Himmel herrscht, das sind die Tage der Kältehochs über Skandinavien und Russland. Wir haben unzählige Fotos von den Polargebieten gesehen, in denen die blaue Farbe vorherrscht. Die Gletscher-Eis Bonbons stecken in einer blauen Verpackung, und im Sommer suchen wir Abkühlung in Schwimmbecken, deren Becken in blauer Farbe gestrichen sind.

Die Grundfarbe Blau steht in einem engen Verhältnis zu den anderen Grundfarben Rot und Gelb. Selbst wenn Blau eine kalte Farbe sein sollte, ist sie das nur, weil Rot als heiße Farbe empfunden wird. Wegen der Komplementarität zu Gelb erhielte dann aber Blau über Orange und Gelb selbst eine warme Nuance. Diese Form der Argumentation ist hier aber bedeutungslos, wegen der grundsätzlichen Behauptung, Blau ist gar keine kalte Farbe. Und wenn sie keine kalte Farbe ist, muss sie eben warm sein – oder zumindest nicht kalt. Der Kalt-Warm-Kontrast von Farben beruht sowieso nur auf dem menschlichen Empfinden. Eigentlich ist es in Bezug auf die Farbtemperaturen sogar umgekehrt. Die Farbtemperatur ist ein Maß für den Farbeindruck einer Lichtquelle. Sie wird definiert als die Temperatur, auf die man einen Schwarzen Körper (Planck’schen Strahler) aufheizen müsste, damit er Licht einer Farbe abgibt, das (bei gleicher Helligkeit und unter festgelegten Beobachtungsbedingungen) der zu beschreibenden Farbe am ähnlichsten ist. Das Licht einer gemeinhin als warm empfundenen Kerze hat eine Farbtemperatur von 1500 K, die Morgen- bzw. Abendsonne 5000 K, das Licht des bedeckten Himmels 6500-7500 K, aber das Licht eines klaren, blauen Himmels hat eine Farbtemperatur von 15.000 bis 27.000 K. Anders ausgedrückt: Von einer kühlen Oberfläche wird hauptsächlich langwellige Strahlung ausgesandt; die Strahlung einer heißen Oberfläche besteht dagegen hauptsächlich aus kurzen Wellenlängen (sichtbares Licht und Ultraviolett). Es stimmt, dass das im Spektrum der elektromagnetischen Strahlung auf das Rot folgende langwelligere Infarot als Wärmestrahlung gefühlt werden kann, und dass wir mit den noch langwelligeren Mikrowellen Speisen erhitzen können. Aber die dem Blau und Violett benachbarte kurzwelligere Ultraviolette Strahlung verursacht heftigen Sonnenbrand. Wenn die ultraviolette Strahlung also solch eine Power hat, dann können wir behaupten, dass Blau eine kraftvollere, mächtige Farbe als Rot darstellt. Blau ist heißer.

Blau ist die Farbe einer existenziellen Sehnsucht.

„Verloren ins weite Blau blicke ich oft
hinauf in den Äther und hinein ins
heilige Meer, und mir ist, als öffnet
ein verwandter Geist mir die Arme,
als löste der Schmerz der Einsamkeit
sich auf ins Leben der Gottheit“

Friedrich Hölderlin, Hyperion

Der Blaue Himmel zeigt uns die Sonne. Er ist das Produkt des weißen Sonnenlichtes und der Luftmoleküle der Erdatmosphäre. Die kurzen Wellenlängen, also die blauen Anteile des stärker gestreut als die anderen Anteile, weshalb der wolkenlose Himmel Blau erscheint. Der klare nachtblaue Himmel eröffnet uns das sternenerfüllte Weltall. Wir lieben es, wenn das Wasser der Meere, der Flüsse oder von Seen blau erscheint. Dann denken wir, es tummeln sich zahllose farbige und silbrige Lebewesen darin.

Überhaupt, wie gut passt Silber- und Goldglanz zu Blau. Das ist so edel, dass kein roter Blutstropfen das zerstören dürfte. Von Adligen wurde gesagt, sie hätten blaues Blut. Dieser Ausspruch soll daher kommen, weil sie so blass waren, dass die blauen Venen durch die Haut schimmerten. Das Verhältnis von Blau zu der Nicht-Farbe Weiß ist eben von subtiler Kontrasthaftigkeit und Schönheit. Noch immer schreiben wir bevorzugt mit blauer Farbe auf weißem Papier. Wir lieben den Kontrast weißgetünchter Häuser, z.B. auf Ibiza, vor dem tiefen Blau des Mittelmeeres und einem wolkenlosen blauen Himmel. Wir lieben die sog. Schäfchenwolken, so sehr dass wir uns flach hinlegen und aus unserer Phantasie ein ganzes Bestiarium hervorstottern.

Aber im Kontrast zu der Nicht-Farbe Schwarz offenbart sich die ganze Kraft des Blau. Wundersam erscheint dort Blau als ein Produkt, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Umhüllt man einen blauen Kreis mir Schwarz, könnte man meinen, dass das Blau langsam verschluckt werden könnte. Aber wie durch eine innere Kraft leuchtet das Blau immer weiter. Dabei ergänzt es die Nicht-Farbe Schwarz so wunderbar und kontrastiert mit ihr nicht schamlos.

Blauer Kreis

In einem Schaufenster eines Geschäftes in der Berger Straße, Frankfurt/Main

Das Foto vom Bild der Erde aus dem Weltraum – ‚The Blue Marble’, „die blaue Murmel“. Eine Ikone der Lebendigkeit und Vitalität, und gleichzeitig eine Mahnung an die Menschheit. Müsste man eine Anthropologie auf der Grundlage von Farben schreiben, dann wäre das Ergebnis eine Philosophie der Beziehungen von Blau zu Weiß bzw. Schwarz.

Dieses Blau, das vom Schwarz umhüllt wird, ist auch die Farbe der Urbanität. Andere Farbtemperaturen sind lediglich Kulissen für das eigentliche Blau. Das städtische Blau ist eine herrliche Farbe des Übergangs, der Phantasie, der Sehnsucht, der Neugier, des Wissen- und Ausprobierenwollens, und gleichzeitig auch der Nichterfüllung, der Unerreichbarkeit, der Ferne. Das ‚Electric Blue’ von Leuchtstoffröhren und anderer Leuchtmittel ist die metropolitane Farbe schlechthin. Es gibt auch eine Flickr-Gruppe mit diesem Titel und entsprechendem Inhalt. Dieses Blau repräsentiert so klar die nächtliche Seite der Urbanität, die Verführungen und Gefahren. Und die spärlich beleuchtete Nacht hat eine besondere Bedeutung für die Urbanität, wie z.B. Mike Davis feststellt (Die Nacht ist lang“, in Die Zeit Nr. 52 vom 18.12.2202, S. 51 f.):

In der urbanen Nacht liegt der eigentliche Ursprung der Moderne. Der Mensch am Beginn des 20. Jahrhunderts lebte im Rhythmus der dunkeln Stadt: Dichter, Revolutionäre, Maler, Kriminelle, Prostituierte, Taxifahrer, Musiker und Journalisten. Diese Somnambulen bewohnten eine Dunkelheit, die mehr war als die Abwesenheit von Sonnenlicht.

Oft suche ich bei nächtlichen Spaziergängen Orte, an denen dieses Blau leuchtet. Flanieren ist für mich eine Tätigkeit, die mit der Farbe Blau korrespondiert, sowohl mit ihrer Farbtemperatur, als auch mit ihrer Symbolik. Ich gehe also ins Blaue. Hätte der Flaneur eine Uniform, dann wäre sie blau.

Blau steht für Harmonie, Gerechtigkeit, Wohlstand ohne Übermaß, Fortschritt ohne Zerstörung, Wissen, Weisheit, Sympathie, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit. Blau ist ein Versprechen, aber weil Blau nur eine Farbe ist, die zudem auch für Ferne und Sehnsucht steht, kann dieses Versprechen niemals gehalten werden.

Im jahrhundertealten Untergrund der kleinen Stadt Oppenheim am Rhein mit seinen verwinkelten Kellern und Gängen gibt es einen dick ausbetonierten Raum, einen Luftschutzkeller aus dem II. Weltkrieg. Dieser Raum ist mit einem elektrischen Blau ausgeleuchtet. Auch das ist ehrlich; es hätte mich nicht gewundert, wenn sie dort eine Marienstatue aufgestellt hätten.

Luftschutzkeller

Luftschutzkeller im Untergrund der Stadt Oppenheim/Rhein

Wer noch immer nicht glaubt, dass Blau von den Grundfarben die beste ist, sollte sich einmal fragen, ob es rote oder gelbe Jeans gibt. Selbst die Produkte von Lego und Playmobil, die Kindern soviel Freude machen, stecken in einer blauen Verpackung.

Landschaft bei Gemünden/Main

15 Dez

Wer sagt denn, dass eine Landschaft so schön sein muss wie in den Nationalparks der USA oder auf den Seychellen?

landschaft-bei-gemunden500

Landschaft ist ja schließlich Kulturlandschaft und als solche ein Produkt, ein Ergebnis des Transformierens, des Entwickelns, des Bearbeitens, des Zerschneidens und des Überschichtens.
Landschaften sind das Ergebnis von landschaft-en, wobei das Sichtbarmachen zur Arbeit dazugehört..

Dieses Bild entstand von der Ruine der Scherenburg oberhalb der Stadt Gemünden am Main. Wir zählten an diesem Standort nicht weniger als sechs Brücken.

Fürther Rathaus

7 Dez

… ein Wahrzeichen der Stadt Fürth (Bayern). Fertig gestellt wurde das italienisch anmutende Rathaus im Jahre 1850. Der Architekt Friedrich Bürklein nahm für den Turm denjenigen des Palazzo Vecchio in Florenz zum Vorbild.

rathausfurth

Nach Einbruch der Dunkelheit wird das Rathaus von Lichterketten illuminiert – eine geradezu prototypisch-einfache Form der Gebäudeillumination, die sich deutlich von den modernen Stadtilluminationen unterscheidet, wie sie z.B. auf der luminale in Frankfurt zu bestaunen sind. Als das Rathaus im Jahr 1989 renoviert wurde, sollte die Beleuchtung entfernt werden, aber die Mehrzahl der Fürther Bürger wehrte sich dagegen. So strahlt das Rathaus noch heute, und der Effekt ist beachtlich, wenn man die Schwabacher Straße (Fußgängerzone) entlang läuft und plötzlich nach einer Biegung das illuminierte Rathaus sichtbar wird. Derselbe Effekt stellt sich ein, wenn man von der Rudolfstraße in die Schwabacher Straße einbiegt.

Fürther Freiheit

7 Dez

Die Fürther Freiheit ist ein rechteckiger, großer Platz in Fürth (Bayern). In seiner Form geht er auf die Nazis zurück, die 1938 einen Aufmarschplatz haben wollten. Das ist nicht weiter überraschend, war doch das der Stadt Fürth direkt benachbarte viel größere Nürnberg eine Lieblingsstadt Adolf Hitlers. Nürnberg war die Stadt der Reichsparteitage, und dort wurden die Nürnberger Gesetze verabschiedet. In Nürnberg wirkte einer der schlimmsten Nazi-Teufel, der Frankenführer Julius Streicher, ein persönlicher Freund Hitlers.

Noch früher endete auf der Fürther Freiheit die Bayerische Ludwigsbahn. Diese erste deutsche Eisenbahn fuhr seit 1835 unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit vom Plärrer in Nürnberg entlang der Fürther Straße über die heutige Hornschuchpromenade und Königswarterstraße in Fürth bis zum damaligen Bahnhof. Dieser wurde 1938 von den Nazis abgerissen, wodurch der Platz entstand, der heute Fürther Freiheit heißt. Er ist einer der lebendigsten Plätze der Stadt. In den umliegenden Gebäuden sind Kaufhäuser, andere Geschäfte sowie Gastronomie untergebracht.

An diese frühe Epoche der Eisenbahn erinnert kaum noch etwas. Ein Viertel des Platzes ist heute, an einem Freitag im Dezember, von einem Weihnachtsmarkt eingenommen. Die Buden sind so angeordnet, dass der Weg in einer Schlangenlinie zwischen ihnen hindurchführt. Hinter jeder Biegung folgt ein weiterer Bratwurst-Imbiss (die Auswahl ist verführerisch groß), ein weiterer Glühweinstand (die Auswahl ist berauschend) und Stände mit Geschenk- und Dekorationsartikeln, sowie Losbuden. Plötzlich ein Stall mit echten Schafen, und dann die Best-Western-Bahn für die Kinder, die damit ein paar Runden durch eine farbig beleuchtete Weihnachtsdekorations-Kunstlandschaft fahren. Ich muss an die Ludwigsbahn denken mit der Dampflokomotive Adler, die sie gezogen hat.

Dann fällt mir auf, dass für einen Freitagabend ja eigentlich gar nicht so viel los ist auf diesem Weihnachtsmarkt. In Nürnberg findet der weltberühmte Christkindlmarkt statt. Angesichts der Tatsache, dass dort jedes Jahr über zwei Millionen Besucher gezählt werden, bin ich froh hier in Fürth zu sein, geradezu erleichtert und hole mir noch einen Glühwein. Auf einer kleinen Bühne singt der Seemannschor Nürnberg. Ich weiß nicht, was ich als ungereimter bezeichnen soll: ein Seemannschor aus Nürnberg, oder die Tatsache, dass ein Nürnberger Seemannschor auf dem Weihnachtsmarkt auf der Großen – Entschuldigung – Fürther Freiheit in Fürth auftritt.

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