Stadterkundungen – The Dark Side: Urban Explorations

27 Nov

Urban Exploration könnte man einfach mit Stadterkundung übersetzen. Aber inzwischen meint man damit die gezielte Erkundung von bestimmten Einrichtungen des städtischen Raumes, die eigentlich weniger zugänglich sind und gemeinhin nicht die Sehnsuchtsorte eines gewöhnlichen Spaziergängers oder Exkursionisten darstellen.

Im Mousonturm

Im Mousonturm in Frankfurt, Mitte der 1980er Jahre (drei weitere Fotos vom Mousonturm am Ende dieses Beitrags).

Urban Explorer erkunden alte Industrieruinen, verlassene Häuser, Kanalisationen, Tunnel, Katakomben, Schächte, Dächer usw.! Warum machen die so etwas, das ist doch in der Regel sogar illegal? Ja, das ist es wohl, und man sollte nicht erwarten, dass man leicht Sondergenehmigungen bekommt, um solche Orte aufsuchen zu dürfen. Urban Explorers ignorieren die Verbotsschilder, suchen einen Eingang oder Durchgang. Wenn es nötig ist, schaffen sie sich Zugang.

Urban Explorer haben eine Ader für die Ästhetik und Romantik solcher Orte. Sie suchen das Erlebnis der Entdeckung und Erforschung verlassener, heruntergekommener, wenig beachteter Orte. Sie genießen den Zustand der Verwilderung und des Verfalls und den Kontrast zur sonstigen städtebaulichen oder landschaftlichen Ordnung und Sauberkeit. Sie bewundern die Pflanzen und Tiere, die sich dort Habitate schaffen. Sie sind fasziniert von den sich verändernden Oberflächen, von den spezifischen Texturen, die sich herausbilden, wenn Orte verlassen werden. Die zerbrochenen, und mit einem Schmutzfilm überzogenen Fensterscheiben, der zerschratete und vernarbte Beton, rostige Rohre, verwitterte und vergammelte Reste einer ehemaligen Aktivitäten. Das Geräusch der eigenen Schritte auf Glasscherben, Steinen, Schutt, die in großen, leeren Räumen widerhallen. Und schließlich die Gerüche, eine Komposition des Verfalls und der Verlassenheit, also ob die Substanzen und Strukturen, die es dort gibt oder gegeben hat ihre eigene Atmosphäre schaffen.

Oft sind Urban Explorer nicht die ersten an einem solchen Ort; Graffiti-Künstler haben ihre eindrucksvollen Werke hinterlassen, häufig finden sich auch Spuren oder Reste von Schlafstätten oder Partys. Viele Orte sind in der Vergangenheit von früheren Besuchern mit Absicht demoliert worden. Urban Explorer wollen weder demolieren, noch suchen sie nach brauchbaren Überresten, sie sie mitgehen lassen können. Sie bewegen sich wie in einem Museum. Urban Explorers arbeiten unauffällig. Sie genießen für sich ihr ästhetisches Bedürfnis nach verfallenen und unzugänglichen Orten. Sie versuchen an diesem Ort möglichst wenig Spuren zu hinterlassen. Viel eher dokumentieren sie diese Orte und die sich darbietenden Blickachsen, Mikrolandschaften und Details, die häufig in einer faszinierenden Vielfalt vorkommen. Andere suchen auch die eher sportliche Herausforderung, beim Erkunden sehr schwer zugänglicher Orte und Anlagen. Urban Explorations können gefährlich sein, es ist über aus wichtig vorsichtig und aufmerksam zu sein, man darf keine Struktur überschätzen, nicht voreilig sein.

Urban Explorations ist keinesfalls eine aktuelles oder besonders junges Phänomen. Die modernen Medien machen es natürlich möglich, dass man sich über seine Heimatregion hinaus miteinander vernetzen kann, so dass eine gewisse Szene entsteht, die dann als solche von den Medien wiederum mit gesteigerter Aufmerksamkeit bedacht wird.

Auch das SpaceFlaneur-Team sucht solche Orte, wobei wir uns in vielen Fällen mit den Eingängen begnügen. Interessant für uns sind – natürlich – verlassene Industriebauten, Häuser, aber auch Freibäder, Bergwerksstollen, Steinbrüche usw. Wir suchen auch solche Orte auf, die es wohl in Kürze nicht mehr geben wird, z.B. verwilderte Gärten, veraltete öffentliche Toilettenanlagen u.ä.

Die erste Urban Exploration, die ich (damals mit einigen Freunden) bewusst als solche durchgeführt habe, war eine Bunkeranlage im Volkspark in Mainz (in der Nähe der Jugendherberge). Unvergesslich auch die Erkundung des Mouson-Turms in Frankfurt (Waldschmidtstraße) Mitte der 1980er Jahre. Es roch noch nach Seife, dort wurde ja die Creme Mouson hergestellt, die Creme mit der Tiefenwirkung. Das war, glaube ich, auch das erste Mal, das ich mit einer Spiegelreflexkamera (eine Minolta X 700 mit 50 mm-Objektiv, die meinem Vater gehört hat) nicht nur geknipst habe. Die Abzüge und Negative der zwei Schwarz-Weiß-Filme habe ich noch. Zur Geschichte der Frankfurter Seifen- und Parfümfabrik J. G. Mouson & Co. gibt es einen Aufsatz des Instituts für Stadtgeschichte Frankfurt (→→ hier)

Im Mousonturm

Im Mousunturm in Frankfurt/Main, Mitte der 1980er Jahre

Im Mousonturm

Mousonturm

Der Mousonturm ist schon lange restauriert und modernisiert; dort befindet sich seit Ende 1988 das Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt, eine Spiel-, Produktions- und Kommunikationsstätte für internationale Künstler vieler Disziplinen mit den Schwerpunkten zeitgenössischer Tanz, Theater, Musik, Performance und Bildende Kunst sowie Neue Medien, Literatur, Film, Hörspiel und Clubart.

In der letzten Zeit war aus fotografischer Sicht ein verlassenes Autohaus in Wiesbaden in der Mainzer Straße sehr ergiebig.

Verlassenes Autohaus

Sehr viel Spaß gemacht hat die Erkundung eines geschlossenen Freibades bei Kaub im oberen Mittelrheintal im Mai 2008).

Verlassenes Freibad

Die Zentrale im Internet für Urban Explorer scheint Infiltration (‚the zine about going places you’re not supposed to go‚ zu sein. Herausragend ist auch vimudeap – The Virtual Museum of Dead Places

Bei Flickr gibt es viele Foto-Pools bzw. Gruppen mit Fotos von Urban Explorations z.B.:

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Eine Antwort to “Stadterkundungen – The Dark Side: Urban Explorations

  1. desertedplacesde November 20, 2014 um 6:50 am #

    Ein wundervoller Post… :)
    Ich würde mich freuen, wenn du mal auf meiner urbex Website vorbeischaust… http://desertedplaces.de

    Gruß,
    Niclas

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