„My Zeil“ und das Sexiness von Shopping!

21 Nov

…die (nicht immer, aber immer öfter) wöchentlich erscheinende Rhein-Main-Kolumne:

Eine Stadt ist so sexy, wie ihre Einkaufszentren, oder? In Frankfurt auf der Zeil können bald, wenn die lüsternen, shopping-geilen Massen aus der B-Ebene der Hauptwache das Etablissement betreten, zur prallsten, erotischsten Drüse der Einkaufscity strömen. Das vom Star-Architekten Massimiliano Fuksas entworfene neue Shopping-Center hat eine Fläche von 80.000 Quadratmeter. Es soll am 26. Februar eröffnet werden. Das wird ein Paradigmenwechsel, eine Zeitenwende. Eine neue Dimension innerstädtischer Shopping-Erotik kündigt sich an, die quasi-sexuelle Befreiung des Konsums.
Die Zeil, jeder kennt sie – und auf eine mysteriöse Weise (vielleicht aus infrastrukturellen Gründen), ist sie unvermeidlich. Planen Sie mal einen Ausflug nach Frankfurt mit der Absicht, nicht auf einen Abschnitt der Zeil, auch nicht in die Nähe (also nicht auf den Opernplatz, in die Fressgass oder auf den Römer) zu kommen. Das ist fast unmöglich. Viele Besucher und auch Freunde Frankfurts kennen von der Stadt sogar nur die Zeil und ihre nähere Umgebung. Dabei ist die Zeil ziemlich kurz. Um in der sexualistischen Argumentation zu bleiben – koitustechnisch zu kurz. Dennoch befriedigt sie die geil-gierigen Einkaufsbummler. Die Zeil ist nämlich eingebettet in eine städtische Umwelt, eine Kulissenarchitektur, die uns von der primitiv-tierischen Konzentration auf die primären Merkmale, also die Schaufensterauslagen und -dekorationen ablenkt. Shopping in Frankfurt ist ein ganzheitliches, hyperurbanes Erlebnis mit einem besonderen Ambiente, einer besonderen Architektur und Atmosphäre, ein Akt, der nicht auf den eigentlichen Einkauf beschränkt bleibt. Es ist wie der Besuch eines futuristischen, metrosexuellen Edel-Bordells, dessen Existenz man im Kino erwarten würde. Der Einkaufsakt wird hier zu einem komplexen, inszenierten Ritual ausgeweitet und hochstilisiert. Es ist, als ob in Frankfurt ein aktuelleres, besseres Betriebssystem installiert ist. Das gibt es nicht in Hamburg und auch nicht in Köln. In Hamburg und Köln ist es ödes Tunnel-Shopping, ein Bummel durch Fußgängerzonen, die aussehen, wie einfache Einkaufspassagen, denen der Wind das Dach weggeweht hat. Vielleicht stimmt es, dass man in Köln oder Hamburg mehr und besser einkaufen kann. Frankfurter gehen dort auch häufig fremd-shoppen. Ach ja, die immer mal wieder auflodernde Lust auf das nostalgische Einkaufserlebnis in den anderen Großstädten, das im wesentlichen noch vom Stil der Wirtschaftswunderzeit des 20 Jahrhunderts geprägt ist. Wenn wir schon mal dort sind, dann können wir dort ja auch was einkaufen. Einkaufs-Cities, die zum europäischen Stadtmodell passen, aber weitgehend ohne lustvoll-kribbelnden atmosphärischen Mehrwert. Das funktioniert, es hat aber keine ausgeprägten Formen. Es hat kein Chi. Es ist veraltet, aber mit Anti-Aging getrimmt, billig aufgeschminkt. Es knistert, ohne zu elektrisieren.
Die Zeil Frankfurt ist im Vergleich dazu ein cyborg-urbanistisches Gesamtkunstwerk – Formen und Funktion. Shopping in Frankfurt ist die kunstvolle Verbindung von Schmuddel, Glanz, Glitter und Glamour, Türme und Hütten, metropolitan und mit einer heimeligen Apfelwein-Atmosphäre sowie den größten, obszönsten, fetttriefendsten Schnitzel-Lappen, die ich je gesehen haben (auf dem Erzeugermarkt auf der Konstablerwache). Wir sollen die Zeil in erster Linie geil finden, aber hinter der Oberfläche unter dem spektakulärem Glasdach lässt sie uns auch Möglichkeiten, sie zu lieben. Karma-Shopping – mit Kamasutra-Lektionen!
Die neue Einkaufszentrum sollte nur der erste Schritt in die neue Ära der Einkaufs-Cities sein. Mein Vorschlag zur weiteren Cyborg-(erotischen)-Urbanisierung der Zeil: verglastes Fußbodenpflaster, darunter fließendes, gefärbtes Wasser, schwebende Showrooms, mehr beleuchtete Werbetafeln an der Haupt- und Konstablerwache, mehr Illuminationen, Musik. Es gibt kein Weg zurück, wir alle haben längst in den verbotenen Apfel gebissen. Shopping ist die Urzeugung der Dienstleistungsgesellschaft. Noch immer gilt: Stadt ist Markt! Und Markt ist der locus amoenus. Wir müssen shoppen! Wenn wir nicht shoppen gehen würden, dann müssten wir Krieg führen. Deshalb keine Steuererlassungen auf Autozulassungen, sondern einfach mehr Netto in der Tasche. Das wäre geil!

Statt die cyborg-urbanistische Entwicklung des Karma-Shopping-Paradieses Zeil voranzutreiben, streiten sie um den Namen des neuen Shopping-Zentrums. „My Zeil“ sei zu denglisch, unpassend, wahnsinnig usw. Als ob das eine Rolle spielen würde. Das ist angesichts der Frivolität, die sich bald auf der Zeil ausbreiten wird, so prüde, spießig und belanglos. Jeder sollte diesem Garten der Lüste den Namen geben, den er will. Wie wäre es mit Goethetempel, Frankenfurt-Palast, Viehmarkt, Ultrazeil, Megabembel, Glücksmaschine, Nirvana, Paradiso, ‚Wer knuspert an mei’m Häuschen?‚, oder einfach nur DETLEF (= Deutsch-Europäische Tempelanlage für lustvolles Einkaufen und Flanieren)? Oder z.B. EEL (sprich Iiiel, = ein erfülltes Leben), XTC, Madam usw.

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Eine Antwort to “„My Zeil“ und das Sexiness von Shopping!”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Shops, Geschäfte bzw. Marken in “MyZeil” (oder “My Zeil”?), Zeil Frankfurt/Main « SpaceFlaneur - Februar 4, 2009

    […] „marken in my zeil“ usw. sind sehr viele Besucher in den letzten Tagen auf den Beitrag “My Zeil und das Sexiness von Shopping” in diesem Weblog gekommen. Dort finden die Besucher aber nicht die Informationen (Geschäfte […]

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