Spaziergänge aus Sicht der Promenadologie

22 Sep

Im Frankfurter Grüngürtel werden naturkundliche, ungewöhnliche, literarische, sportliche Spaziergänge angeboten und solche mit anderen Fortbewegungsmitteln (z.B. mit Flößen auf der Nidda).

Nun, Spaziergänge durch den Frankfurter Grüngürtel sind wohl eher als klassisch zu bezeichnen.
Boris Sieverts leitet das Büro für Städtereisen in Köln. Örtlichkeiten, die auf englische Landschaftsgärten verweisen, scheint er aber nicht im Programm zu haben:

„Das Büro für Städtereisen veranstaltet ein- und mehrtägige Wanderungen und Radtouren zu den wahrhaftigen Orten unserer Ballungsgebiete; in jene Weiten zwischen den zu Corporate Identities schrumpfenden Innenstädten und den etablierten Ausflugslandschaften. Diese Reisen verknüpfen Brachflächen und Siedlungen aller Art, Parkplätze, Abrißszenarien, Baggerseen, Wälder, Wiesen, Gärten, Autobahnen, Schulen, Häfen, Asylantenheime, Gleistrassen, Manöverplätze, Gewerbegebiete, Flughäfen, Tunnel, Sackgassen, Trampelpfade, Flußauen, Deponien und vieles mehr zu wunderschönen bis krassen Raumfolgen. Sie eröffnen neue Landschaften, wo vorher Transitraum war und Welten, wo das Ende der Welt vor der eigenen Haustür beginnt. Ein gelungener Weg führt einen unmerklich aus dem eigenen Kulturkreis hinaus. Das Image der Stadt wird bis zur Unkenntlichkeit relativiert. Die alte Orientierung an Bauwerken und Verkehrswegen löst sich auf.“

Boris Sieverts versuchte in seinem Vortrag (Werkbericht: Google Earth Lecture 9) auf dem Internationalen Kongress „Gut zu Fuß. Die Spaziergangswissenschaft (in Frankfurt/Main am 12. und 13.09.2008) darzustellen, welche Methodik er der Entwicklung seiner Spaziergänge zugrunde legt. Er versuchte die Frage nach den Techniken oder Logarithmen zu beantworten. Wichtig sind zum einen die sog. Recherchewege, die als Grundlage dienen, als Vorarbeit für die endgültigen Touren. Grundlegendes Problem sei, dass das Material entlang der Wege begrenzt ist. Dennoch müssten die Schritte logisch aber auch überraschend zugleich aufeinander folgen. Ziel ist es, die Gegend zum Sprechen oder zum Klingen zu bringen. Hilfreich sind Linien, Windungen und Richtungswechsel. Spaziergänge gliedern ein Territorium in psychogeographische Einheiten; es finden also Eintritte und Austritte statt, und die Einheiten werden während des Spaziergangs miteinander verkettet.
Dass für die Recherchewege, wie auch für die Nachbereitung von Spaziergängen Luftbildern und eben auch Google Earth oder Google Maps überaus hilfreich sind, liegt auf der Hand.

Sieverts Vortrag hat mich sehr inspiriert und ich mache mir Gedanken über mein methodisches Konzept. Arbeite ich auf der Basis eines dualistischen Prinzips mit zwei Formen von Spaziergängen, die jedoch bei Bedarf auch in einer dialektischen Form miteinander verbunden werden können? Erstens (v.a. für geographische Exkursionen) Bescheidenheit, strenge Selbstreflexion und Selbstkritik, disziplinierte umfassende Protokollführung und eine durchdachte Routenplanung auf der Grundlage einer erarbeiteten Wegesystematik, und zweitens (bei den von mir sog. Erkundungen – ohne Karte oder Stadtplan), anmaßende Immersion, Reflexionslosigkeit, interesseloses Wohlgefallen, subjektive Kritikfreudigkeit, keine räumlich-psychogeographische Grundlage, Verirren, Verlaufen und massive Grenzüberschreitungen.

In der Promenadologie sind Spaziergänge Methode und Erkenntnismittel. Während des Kongresses ist von „Wahrnehmungsspaziergängen, Beobachtungsspaziergängen und Spaziergängen als Element teilnehmender Beobachtung“ gesprochen worden. Immer wieder wird die Wahrnehmung, die persönliche Anschauung in den Vordergrund gerückt, es gehe um „Wahrnehmungsspektren“, um das „Erfassen von Orientierungspunkten, Ruhepunkten und Stresspunkten“. Laut dem Spaziergangswissenschaftler Bertram Weisshaar stellt sich die Landschaft erst in unserer Wahrnehmung her, sie gibt es folglich nicht an sich. [1] Der Spaziergangswissenschaftler Martin Schmitz behauptete in seinem Vortrag auf der erwähnten Tagung, dass Landschaftswahrnehmung auf dem kinematographischen Effekt des Spazierengehens beruht.
Die Aufmerksamkeit während eines Spaziergangs ist aber nicht immer gleichmäßig. „Es gibt Szenen, die wecken unsere Aufmerksamkeit in besonderem Maße. Dann wieder lässt sie nach. Wenn der Weg eben wird und die Landschaft langweilig, sucht man das Gespräch mit dem Nachbarn, bis wieder etwas Neues kommt. Die Landschaft, die man durchschritten hat, setzt sich erst in der Erinnerung, also nach einem Spaziergang zu einem abstrahierenden Gesamteindruck zusammen. Welche Szenen nun stärker sind und welche nicht, wie also die Wahrnehmung während eines Spaziergangs funktioniert, ist das zentrale Forschungs- und auch Experimentierfeld der Spaziergangswissenschaft.“ [1]
Schmitz sprach in seinem Vortrag davon, dass Landschaftswahrnehmung der Quotient ist von den Myriaden von Eindrücken und dem, was wir gelernt haben zu sehen. Wahrscheinlich helfen Spaziergänge bei der Berechnung, bei der Verarbeitung der Landschaftswahrnehmung. Die Landschaftsbilder im Kopf, die wir mit uns tragen, müssten durch Spaziergänge analysiert, interpretiert und überprüft werden können. Nach Lucius Burckhardt, dem Begründer der Spaziergangswissenschaft wird diese „Landschaft also eigentlich erst im Laufe von Spaziergängen erkannt.“ [2] Ein Spaziergang ist, so Schmitz, also mehr als Mobilität. Dem Promenadologen bedeuten sie mehr als Fortbewegung zu Fuß, mehr als verlangsamte, entschleunigte Distanzüberwindung im Zeitalter der rasanten Massenmobilität. Spazierengehen als gesundheitliche Prophylaxe ist hier kaum mehr als ein positiver Nebeneffekt.

Spaziergänge in der Spaziergangswissenschaft handeln vom Entdecken und Planen. Dort soll mehr stattfinden als Sehen. Sie sind das Instrument zur Erforschung unserer alltäglichen Lebensumwelt, dienen aber auch zur Vermittlung von Inhalten und Wissen. Immerhin möchte die Promenadologie den Architekten lehren, wie man spaziergehenderweise den Blick für die Ästhetik einer Landschaft schärft. Laut Burckhardt sollen Stadtspaziergänge Erkenntnisse darüber vermitteln, was wir verloren haben. [2]

Der Spaziergang sei als Methode deshalb geeignet, weil er die elementarste Form ist, sich seine Umgebung (eine Landschaft oder eine Stadt) zu erschließen, sich mit ihr bekannt zu machen. [3] Der Spaziergang ist insbesondere geeignet, Raumeindrücke und räumliche Bezüge unmittelbar zu vermitteln, da Raum letztlich nur durch die eigene körperliche Bewegung durch denselben erfahrbar ist und etwa nur durch „rein wissenschaftliche Beschreibung“ nicht erfassbar ist. [4]

Spaziergänge der Promenadologen sind also nicht einfach Stadtrundgänge. Dort begibt man sich entweder mit einem persönlichen oder einem gedruckten Fremdenführer auf die Suche nach den anerkannten Sehenswürdigkeiten. Die Spaziergänge der Promenadologen dagegen widmen sich nicht nur diesen anerkannten Sehenswürdigkeiten, sondern den Würdigkeiten insgesamt. [1] Sie können sich aber auch einem bestimmten Thema widmen. Spaziergänge der Promenadologen lehren uns etwas über Landschaftswandel, über Landschafts- und Stadtbilder und deren Lesbarkeit, über Stadtentwicklungsprozesse am Stadtrand, über Stadtschrumpfungsprozesse usw. Sie lehren uns eine minimalistische Ästhetik der Mikrolandschaften am Stadtrand oder in der Zwischenstadt, also über Texturen, Muster, Farben, Kontraste in einer Umgebung, die wir üblicherweise als monoton und langweilig ansehen. In einer anderen angewandten Form könnten durch Spaziergänge auch „künstlerische Bestandsaufnahmen von Dörfern, Städten und Regionen“ erstellt werden.

Martin Schmitz empfiehlt bekannte Wege anders zu gehen, die gewohnte Autoroute mal mit dem Fahrrad zu fahren oder neue, bisher unbekannte Wege zu gehen. [5]
Burckhardt selbst schlug die Anlage von „Wegen durch die Zeiten vor, durch die eine neue Wahrnehmung von Kulturlandschaften ermöglicht werden sollen. Diese sollten grundsätzlich offen sein, also auch bis in die Gegenwart mit ihren Technologien und technischen Anlagen heranführen [6]. Außerdem sollten Spaziergänge seiner Ansicht nach „einen eindrücklichen Charakter haben und auch ein Erlebnis vermitteln.“

Quellen:
[1] „Man kann es auch anders sehen“, Interview mit Bertram Weisshaar (von Uwe Rada), taz vom 07.04.2003.
[2] Spaziergangswissenschaft. Aus der Praxis der Promenadologie: Wahrnehmung.
[3] „Warum spazieren wir so wenig, Herr Schmitz?“. Gespräch mit Martin Schmitz (von Jürgen Kaube), Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 82 vom 07.04.2007, S. Z6.
[4] Wikipedia: Promenadologie.
[5] „Deutschlands einziger Lehrstuhl für Spazierengehen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 55 vom 06.03.2007, S. 53.
[6] „Wer das schön findet, sieht den Wald vor lauter Windrädern nicht mehr“, (von Hans-Dieter Fronz) Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 24, S. 37.

Siehe auch das Gespräch zwischen Hans Ulrich Obrist und Annemarie & Lucius Burckhardt zum Thema Spaziergangswissenschaften bei kunstaspekte.de.

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