GrünGürtel Frankfurt/Main und der Verlust des promenadologischen Kontextes

19 Sep

Der Spaziergangswissenschaftler Martin Schmitz erwähnt in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung („Warum spazieren wir so wenig, Herr Schmitz?„, Nr. 82, vom 07.04.2007, S. Z 6), dass es Städte gibt, die ihren „promenadologischen Kontext“ noch nicht verloren haben, z.B. Wien, Münster, Nürnberg, München. Solche Städte sind natürlich jene, wo Wohnungen in der Innenstadt noch nicht von Versicherungen, Bankentürmen und Einzelhandelsfilialen verdrängt worden sind.

Frankfurt hat also keinen promenadologischen Kontext – könnte man meinen. Frankfurt erscheint aber geradezu als Hochburg der Promenadologie. Klaus Hoppe vom Umweltamt der Stadt Frankfurt am Main ist Leiter der Projektgruppe GrünGürtel und wie Schmitz ein Schüler von Lucius Burckhardt, dem an der Universität Kassel tätigen Begründers der Spaziergangswissenschaft (Promenadologie). Die ämterübergreifende Projektgruppe gibt es seit 1997, und dort wird also mit promenadologischen Grundsätzen und Erkenntnissen gearbeitet.
Der ca. 80 Quadratkilometer große Grüngürtel ist Frankfurts wichtigstes Naherholungsgebiet (Informationen zum GrünGürtel bei FRANKFURT.de). Erste Konzepte zur Erhaltung der Nidda mit Umgebung als grüner Freiraum stammen bereits aus den 1920 Jahren von dem Baustadtrat Ernst May und Gartenbaudirektor Max Bromme. Im Frankfurter Grüngürtel finden sich Wald, Auen- und Hügellandschaften, Gärten, Parks, Obstwiesen, Dünen, Äcker, Bäche und Weiher und dementsprechend eine artenreiche Flora und Fauna. Seit 1994 ist der Grüngürtel Landschaftsschutzgebiet. Die Vereinten Nationen zeichneten ihn 1996 als gutes Beispiel für nachhaltige Stadtentwicklung aus.
Die Projektgruppe entwickelt die Gestaltungslinien für den GrünGürtel nach dem Prinzip der kleinen Eingriffe und sorgt für deren Umsetzung. Beispiele sind die Einführung der GrünGürtel-MerkMale (Stele, Bank, Baumgruppe und Baumhain), das Entwickeln und Umsetzen von Projekten wie z.B. dem Bohlenweg in der Schwanheimer Düne, der Finlaysäule an der Goetheruh, der Neugestaltung des Alten Jüdischen Friedhofs in Bergen, der Entsiegelung und Umgestaltung des Alten Flugplatzes bei Bonames/Kalbach. Sie definierte die „Besonderen Orte“ (75 Orte, die entweder eine historische oder kulturelle Bedeutung haben, Informationen vermitteln, Naturschutzgebiete oder Parks – in jedem Fall als Ausflugsziele geeignet sind) und besorgen die Landschaftsplanung zu charakteristischen Landschaften (Streuobst, Wiesen, Wald, Ackerland u.a.) im GrünGürtel, die in der Zukunft zu „GrünGürtel-Parks entwickelt werden können, sowie die Öffentlichkeitsarbeit (GrünGürtel-Spaziergänge, GrünGürtel-Broschüren, Internetauftritt, GrünGürtel-Tier, Bildungsprogramm „Entdecken, Forschen, Lernen“ für Kinder und Jugendliche).
Laut Hoppe geht es darum Aufmerksamkeit zu erzeugen, eine Marke zu bilden und den Wert zu steigern. Durch die Spaziergänge im GrünGürtel, die das Umweltamt seit etwa 10 Jahren anbietet, sollen die Teilnehmer die Umwelt kennen lernen, die Wahrnehmung schärfen und Bedeutungen zufügen. „Wahrnehmungsschulung“ – die Bürger sollen für eine bewusste Wahrnehmung der Umwelt sensiblisiert werden, die vertraute Landschaft neu entdecken und lieben lernen. Sie sollen dann auch aufmerksamer durch die Stadt gehen und an deren Gestaltung mitwirken.
Für Hoppe ist die Spaziergangswissenschaft eine Indizienwissenschaft. Aus der Perspektive des Fußgängers könne man Rückschlüsse auf das Planen ziehen. Das werde aber viel zu selten gemacht. Es werde für Autos und Radfahrer geplant, und der Fußgänger sei der letzte, der noch geregelt werden muss. Dabei müsse man den Maßstab Mensch wieder stärker ins Bewusstein rücken (vgl. Landschaftsplanung per pedes“, Presseinformation der Stadt Frankfurt vom 26.08.2008 zum Kongress „Gut zu Fuß“, von Sandra Busch).

Im Rahmen des internationale Kongresses der Spaziergangsissenschaft („Gut zu Fuss.“ – Informationen bei http://www.spaziergangswissenschaft.de) am 12. und 13.09.2008 hat Klaus Hoppe einen Vortrag gehalten („Spazierengehen im Frankfurter GrünGürtel„). Der Spaziergangswissenschaftler Bertram Weisshaar (auch ein Schüler Burckhardts) hat im Rahmen dieses Kongresses einen Spaziergang durch den GrünGürtel durchgeführt. Dieser war als Weltreise (nach Nordkorea, Nord-Amerika) angekündigt. In jedem Fall ist es eine tolle Route gewesen: durch den Grüneburgpark, das Verkehrserziehungszentrum, den Botanischen Garten, über die Miquelallee („Deutschlands schönster Verkehrsknoten„) zum Fernsehturm, dann durch Kleingärten ins ehemalige Buga-Gelände). Unterwegs gab es einen Coffee to Go (siehe Foto). (An dieser Stelle darf ich auf meinen Kaffee zum Mitnehmen-Essay aufmerksam machen → hier).

Weisshaar hat bereits im Juli 2003 einen Spaziergang im Frankfurter Grüngürtel unternommen und auf die sog. „Landschaftslücke“ aufmerksam gemacht. Diese Lücke befindet sich zwischen Ostpark und Mainufer; sie müsste nach offizieller Lesart noch begrünt werden, um den Frankfurter GrünGürtel zu schließen. Weisshaar will aber darauf aufmerksam machen, das diese Lücke eigentlich schon geschlossen ist. Ob nun die Landschaftsplaner bei der Projektierung und Entwicklung des sog. Hafenparks diese Lücke endgültig begrünt versiegeln und so den transformativen, liminalen Status beenden? Es scheint nun offiziell zu sein: Am Mainufer wird zwischen Deutschherrnbrücke und Honsellbrücke wird eine 40.000 qm große Grünanlage entstehen. Diese Fläche stellt einen Ausgleich dar für die Veränderungen bzw. die Eingriffe, die durch die Erweiterung des Museums der Weltkulturen im Museumspark entstehen werden.

Darüber hinaus steht offiziell fest: ich werde den GrünGürtel-Rundwanderweg absolvieren – (mindestens) 62 Kilometern im Grünen rund um die Kernstadt von Frankfurt (Informationen zum Rundwanderweg bei FRANKFURT.de). Den Wanderpass habe ich bereits, die GrünGürtel-Freizeitkarte (Maßstab 1:20.000) auch.

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