Die Spaziergangswissenschaft – Promenadologie (engl.: strollology)

17 Sep

Spaziergangswissenschaft? Für Außenstehende klingt das vielleicht niedlich, possierlich, anachronistisch, grotesk, bekloppt, nach szientistischem Wahnsinn, – zumindest nach einem sog. Orchideenfach. Das mag zutreffen, aber Außenwahrnehmungen sind – bei aller kritischen Distanz – immer auch durch eine Portion Ignoranz ausgezeichnet. Leider wird die Spaziergangswissenschaft oder Promenadologie (engl. „strollology“), wie sie auch genannt wird, als Fach in Deutschland akademisch nicht mehr gelehrt. Ein Abschluss der Promenadologie ist sowieso nicht möglich gewesen. In Frankfurt/Main hat am 12. und 13. September 2008 nun der internationale Kongress zur Spaziergangswissenschaft „Gut zu Fuß.“ stattgefunden. Veranstaltet wurde der Kongress vom Umweltamt der Stadt im Casinogebäude des Poelzig-Baus (weitere Informationen zum Kongress bei http://www.promenadologie.de). Es gibt also aktive Promenadologen. Und Spaziergangswissenschaftler schaffen es auch immer wieder in der Tagespresse und Magazinen wahrgenommen zu werden (z.B. auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, s.u.).

Lucius Burckhardt – Begründer der Spaziergangswissenschaft

Der Schweizer Soziologe, Urbanist und Planungstheoretiker Lucius Burckhardt (1925-2003) entwickelte in den 1980er Jahren während seiner Tätigkeit an der Gesamthochschule Kassel zusammen mit seiner Frau Annemarie Burckhardt die Spaziergangswissenschaft zu einer Planungs- und Gestaltungswissenschaft (siehe: z.B. http://www.lucius-burckhardt.org/, die Informationen des Martin Schmitz Verlages oder das Gespräch zwischen Hans Ulrich Obrist und Annemarie & Lucius Burckhardt zum Thema Spaziergangswissenschaften bei kunstaspekte.de).
Eine disziplinäre Zuordnung ist nicht ganz einfach: Ihr Platz ist irgendwo zwischen Wahrnehmungspsychologie, Stadtplanung, Landschaftsplanung und –architektur. Auch Einflüsse und Einsichten der Architekturtheorie, Kulturwissenschaft, der Soziologie sind ihr wichtig und sogar die Kunstgeschichte. In der Tat werden Projekte der Spaziergangswissenschaft wiederholt im Kontext zeitgenössischer Kunstausstellungen generiert und rezipiert. Projekte von Lucius Burckhardt waren in dieser Hinsicht bereits wegweisend.

Forschungsgegenstand und Ziele der Spaziergangswissenschaft

Der Spaziergang ist nicht der eigentliche Forschungsgegenstand, sondern Instrument des Forschens. Als solches benötigt er eine Verfeinerung und Weiterentwicklung und wird deshalb auch analysiert und reflektiert. Grundfragen der Spaziergangswissenschaft sind: „Was ist Landschaft?“, „Warum ist Landschaft schön?“ (vgl. Burckhardt, Lucius: Warum ist Landschaft schön? – Die Spaziergangswissenschaft, Martin Schmitz Verlag 2006) und „Wo und wie leben wir eigentlich?“. Grundannahmen der Spaziergangswissenschaft sind, dass Landschaft erst im Laufe von Spaziergängen erkannt wird, wir aber unsere Umwelt immer weniger als Fußgänger und Bewohner, sondern als Autofahrer und Touristen wahrnehmen.
Ihr Forschungsprogramm in aller Kürze: SEHEN, ERKENNEN UND PLANEN (so der Untertitel des Kongresses „Gut zu Fuß.“).

Die Promenadologie beschäftigt sich mit unserer Wahrnehmung von Stadt und Land bzw. Landschaft unter Berücksichtigung verschiedener Möglichkeiten der Mobilität sowie deren Auswirkungen auf das Planen und Bauen. Neben dem Spaziergehen (Promenieren und Ambulieren) kann folglich auch das Autofahren (‚Cruisen‘) zur Methode werden. Das konzentrierte bewusste Wahrnehmen unserer Umwelt ist wichtig. Das bloße Sehen soll zum Erkennen erweitert werden. Funktionsweise und der Wandel der Landschaftswahrnehmung sollen studiert werden. Die Spaziergangswissenschaft will zeigen, wie sich der Blick auf die Landschaft verändert. Landschaftliche Phänomene und Diskurse sollen sichtbar und damit einer Analyse zugänglich gemacht werden. Wie verändert sich die Ästhetik von Raumbildern?
Der Spaziergang ist als Methode deshalb geeignet, weil er die elementarste Form ist, sich seine Umgebung (eine Landschaft oder eine Stadt) zu erschließen, sich mit ihr bekannt zu machen. Der Spaziergang dient sowohl als Instrument zur Erforschung unserer alltäglichen Lebensumwelt, als auch zur Vermittlung von Inhalten und Wissen. Der Spaziergangswissenschaft geht es um Anwendbarkeit, und sie hat einen pädagogischen Anspruch: „Es geht darum, die Augen zu öffnen und die uns umgebende Welt wieder in die Köpfe zurückzuholen.“ Man soll wieder lernen, die Dinge genauer anzusehen. Dabei will sie aber weder romantisch noch nostalgisch sein. Den Architekten möchte sie lehren, wie man spaziergehenderweise den Blick für die Ästhetik einer Landschaft schärft. Landschaftsplanung, die angewendet werden will, muss überzeugen und ist deshalb auch zwangsläufig pädagogisch. Vielleicht könnte man die Promenadologie als eine Art Hilfswissenschaft der Landschaftsplanung bezeichnen; sie nur als eine Methode zu bezeichnen, ist aber sicher nicht zutreffend. Sie will auch mehr als nur einen Anschluss an die Planung, eher ihre kulturelle Erweiterung. Spaziergangswissenschaft ist also durchaus innovativ und durch sie können wahrscheinlich sogar die Berufsaussichten von Landschafts- und Stadtplanern vergrößert werden.

Gegenwärtige Protagonisten der Spaziergangswissenschaft sind der Berliner Verleger Martin Schmitz (Martin Schmitz Verlag). Er studierte bei Lucius Burckhardt in Kassel, und er hat seit 2006 einen Lehrauftrag für Spaziergangswissenschaft an der Universität Kassel im Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung. Martin Schmitz ist auch Kurator des Kongresses „Gut zu Fuß.“

Seit dem Wintersemester 2006/07 lehrt Bertram Weisshaar jeweils im Wintersemester Spaziergangswissenschaft im Rahmen des Seminars Stadtwahrnehmung an der Universität Leipzig, Institut für Stadtentwicklung und Bauwirtschaft. Weisshaar ist ebenfalls ein Schüler Burckhardts und verantwortlich für das Atelier LATENT.

Quellen:
Man kann es auch anders sehen“, Interview mit Bertram Weisshaar (von Uwe Rada), taz vom 07.04.2003 (im Internet )

Wer das schön findet, sieht den Wald vor lauter Windrädern nicht mehr“, (von Hans-Dieter Fronz) Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 24 vom 29.01.2007, S. 37.

Plädoyer gegen eine naive Naturwahrnehmung“, Rezension von Lucius Burckhardt: „Warum ist Landschaft schön? – Die Spaziergangswissenschaft“. Martin Schmitz Verlag 2006. 360 Seiten. Deutschlandradio Kultur, 29.01.2007 (im Internet )

Deutschlands einziger Lehrstuhl für Spazierengehen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 55 vom 06.03.2007, S. 53.

Warum spazieren wir so wenig, Herr Schmitz?“. Gespräch mit Martin Schmitz (von Jürgen Kaube), Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 82 vom 07.04.2007, S. Z6.

Spazieren für die Wissenschaft“, Interview mit Martin Schmitz, Zeit Campus online vom 05.02.2007 (im Internet ).

4 Antworten to “Die Spaziergangswissenschaft – Promenadologie (engl.: strollology)”

  1. bram Januar 20, 2010 um 2:54 pm #

    hi
    is it possible to send me the above image (landschaft) in good quality for use in an article about strollogy?
    Thanks for your reply,
    Bram

    • mawerner Januar 21, 2010 um 7:35 am #

      Hi Bram, that’s possible. I will search for the original file and will send it to you – soon.

      Greetings from Würzburg (Germany)

      Marcus

  2. Rainer K. Schöffel August 20, 2013 um 11:56 am #

    Der „Urspaziergang“ fand übrigens in Kassel zusammen mit Prof. Karl-Heinrich Hülbusch (Mit-Begründer der Kasseler Schule) statt.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Neue Kunstspaziergänge » Blog Archive » Promenierend kapieren - April 26, 2009

    […] schlägt die hohe Stunde der Spaziergänger. … Die Promenadologie (engl. strollology) unternimmt es, unsere gebaute und unverbaute Welt durch Promenieren und […]

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