Mallorca-„Urlaub“

10 Sep

Von der Baleareninsel Mallorca habe ich mir ein Reiseandenken mitgebracht. Es sieht aus wie eine Papierserviette, würde als solche aber nicht so gut funktionieren. Ich habe es aus einem Restaurant in Can Picafort mitgenommen, in dem sie versuchten mit einem bayerischen Radiosender die Straßengeräusche zu übertönen. Die Speisekarte war mehrsprachig, im Angebot vor allem Pizza, Pasta, Fleisch- und Fischgerichte. Kaffee und Kuchen gab es auch sowie Bier vom Fass. Die mit einer Art Karte von Mallorca bedruckte Papierserviette wurde vom Deutsch sprechenden Kellner, den ich hartnäckig auf Spanisch belaberte, vor mir ausgebreitet bevor er uns das Essen servierte.

Eine "Karte" von Mallorca

Wir, mein 5-jähriger Sohn und ich, wir waren sogar öfters in diesem Restaurant. Ich nannte es „den Betrüger“, denn ich war mir so sicher, dass es viel teurer ist als andere Restaurants dieser Kategorie. Im Laufe des Urlaubs – besser gesagt der Reise, weil Geographen ja grundsätzlich keinen Urlaub machen; sie reisen ja nicht einmal, sondern veranstalten Forschungsaufenthalte – stellte sich heraus, dass man dort doch recht günstig essen konnte. Die anderen Restaurants, v.a. die an der Strandpromenade, waren noch viel teurer. Die Pizza war zudem ganz gut und der Salat wirklich nicht schlecht.

Das Reiseandenken, die Papierserviette, ist mit einer schlechten Karte von Mallorca bedruckt. Es fehlt der Maßstab, ohne Flächenschraffuren, die Berge sind nicht eingezeichnet, lediglich die Küstenlinie, die Straßen, die ein kaum differenziertes Gewirr darstellen, und Ortsnamen. Mit dieser Karte könnte man nur sehr schwer seinen Weg über die Insel finden. Warum auch? Ich habe noch zwei weitere Karten von Mallorca. Wir sind ja auch nicht immer den ganzen „Urlaub“ über in Can Picafort geblieben. Am ersten Abend schon habe ich ein Auto gemietet, bei einer Autovermietung direkt neben dem Hotel. Nein, keine voreilige Aktion, keine Reaktion auf die Angst eines Geographen vor dem lange währenden Aufenthalt an einem Urlaubsort in einem richtigen Urlaub. Es war einfach nur praktisch und so einfach. Ab dem nächsten Tag waren wir jeden Tag unterwegs. Eine meiner Karten habe ich gekauft, weil sie richtig gut ist, eine sehr schöne Karte, sogar mit Höhenlinien. Diese Karte ist aber kein Reiseandenken; nicht einmal als Souvenir funktioniert sie. Hätte ich sie als solches mitgebracht und verschenkt, wäre ich mir prahlerisch vorgekommen. Der Beschenkte hätte doch denken müssen: „Ah ja, der Geograph – so eine schöne Karte habe ich noch nie auf Mallorca gesehen; dabei bin ich schon so oft dort gewesen und er nicht.“.

Die mit der schlechten Karte bedruckte Papierserviette hätte ich auch nicht als Souvenir verschenken können. Ein Massenprodukt, welches man nach der Verwendung gewöhnlich wegwirft; sie taugt ja auch nicht mal als Karte. Wir betrachteten unsere Papierserviette nach dem Essen aber genau: „Hier sind wir. Dort müssten die Berge sein, und hier, diese Halbinsel, dort soll es sehr schön sein. Überall, wo Cala steht, da ist ein Strand. Dort ungefähr ist der Flughafen, hier bei der größten Stadt, der Hauptstadt der Insel. Wir müssen mit unserem Auto mal irgendwohin fahren, nicht nur hier im Ort bleiben.

So ist die Papierserviette mit der Karte unser Memento der Reise geworden, einer Reise, die wir, Vater und Sohn, alleine unternommen haben, ohne die Mama und die Schwester. Wie so viele andere auch haben wir in unserem Hotel gefrühstückt, haben im Swimming-Pool rumgeplantscht, auf den Liegen gelegen; wir haben am Strand gefaulenzt, die Leute beobachtet, im Meer geschnorchelt und gespielt. Wir haben viele Ausflüge gemacht, – das machen andere auch. Wir sind nicht mal richtig gewandert, nicht Fahrrad gefahren; wir haben keine Ziegen gemolken und keine Oliven geerntet… Jeden Tag sind wir um die Mittagszeit losgefahren, zum Cap Formentor, zum Kloster Lluc, zur Cala de sa Cobra, in den Safari-Zoo und in die Tropfsteinhöhlen Coves d’Artà und Coves de Campanet. Wenn mein Sohn im Auto eingeschlafen ist, bin ich häufig ziellos über die Insel gefahren, von einer Nebenstraße in die nächste, mal Richtung Berge, in kleine Städte, wo ich einen Kaffee getrunken haben, mal Richtung irgendwohin. Wir haben keinen Urlaub gemacht, der sich im Programm oder den Inhalten von dem anderer Touristen unterscheidet. Und doch war es etwas Besonderes. Ich kenne nicht viele Familien, in denen der Vater alleine mit dem Sohn (oder der Tochter) in Urlaub gefahren ist. Es hätte ja auch so viel passieren können, Dinge, die in Australien oder in Mauretanien nie hätten passieren können, z.B. ein aus der Kontrolle geratener Reisebus, der mitten ins Betrüger-Restaurant gerast wäre, ein Hotelbrand, ein in die Tiefe stürzender Fahrstuhl, ein umstürzender Strandwärter-Turm, in dessen Schatten wir uns am Strand immer unser Plätzchen suchten, mit Salmonellen verseuchte Bolonesa-Soße, eine Autopanne auf einer entlegenen Seitenstraße in der Serra de Tramuntana. Was wäre die bedruckte Papierserviette dann für ein makabres Andenken gewesen? Es ist aber nichts passiert, nicht mal auf einen Seeigel sind wir getreten. Wir waren locker, ganz cool und auch ziemlich fleißig. So ist die Papierserviette nicht nur ein Reiseandenken, sondern auch eine Art Trophäe, dass wir diese Reise, unseren speziellen kleinen Last-Minute-Urlaub so gelungen durchgezogen haben.

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