TV-Atempausen und Flaneurismus???

28 Jun

Neulich wurde ich gefragt, warum ich denn im Spaceflaneur-Weblog die Kategorie TV-Atempausen habe. Das passe doch irgendwie überhaupt nicht zusammen. – Augenscheinlich nicht: Flanieren hat was mit Spaziergängen, Exkursionen, praktischer Ortskunde, Fahrradfahren und Umherstreunern zu tun. Aktivitäten, die sich eher draußen abspielen und man nebenbei auch noch Distanzen zurücklegt. Fernsehen dagegen ist doch eher Nichtstun, Nicht-Bewegung, gemütliches Zu-Hause-Bleiben, Couching. Eigentlich zelebriere ich auch gar nicht so viele TV-Atempausen. Zur Zeit ein paar Spiele der EM (Euro 2008?), sicher auch das Endspiel. Ich wünsche mir übrigens, dass Spanien gewinnt. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe ich heute gelesen: „Spanien erhebt den Fußball in den Rang der schönen Künste erhebt. Dort also wollen sie hin, ins Museum, in die Kulturgeschichte. Ein höheres Ziel hatte noch niemand.“ („Ihr Spiel, es ist aus Eisen und Seide“ von Paul Ingendaay, FAZ Nr. 149, S. 39). Ich erinnere mich an Johan Huizinga’s Konzept des spielenden Menschen, der homo ludens. Unsere kulturellen Systeme wie Politik, Wissenschaft, Religion, Recht usw. sollen sich ursprünglich aus spielerischen Verhaltensweisen entwickelt haben.
Für die deutsche Mannschaft geht es um die sog. deutschen Tugenden, oder? Ich weiß auch nicht so genau: Disziplin, Tüchtigkeit, Fleiß, Stärke, Schnelligkeit, Härte, Kampfgeist, Strategie? Das klingt jedenfalls nach Strahlkraft – und dem Krieg als Vater aller Dinge. Die Deutschen wollen sicher nicht ins Museum, nicht mal auf den Römer in Frankfurt (das wäre wenigstens so was ähnliches).

Eigentlich würde ich gerne Stefan Zimmermann vom Geographischen Institut der Universität Mainz einladen, zur Klärung dieses scheinbaren Widerspruchs (Flaneurismus und TV bzw. Kino) einen Beitrag zu schreiben. Aber kurz gefasst, an dieser Stelle ein Zitat, welches schon sehr viel erklärt:

„Fernsehen als kulturelle Metapher heißt, dass wir die Welt so sehen, wie wir sie im Fernsehen sehen, auch wenn wir nicht fernsehen […] Das Fernsehen zeigt uns die Welt so, wie wir sie im Fernsehen sehen wollen Am Ende wollen oder können wir die Welt gar nicht mehr anders sehen, als wir sie im Fernsehen sehen.“

Quelle: Meyer, T. (1995): Repräsentativästhetik und politische Kultur. In: Klein, A. u.a. (Hrsg.): Kunst, Symbolik und Politik. Opladen, S. 112.

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