Triumph der Geographie

17 Jun

Es wirkt schon etwas paradox, dass räumliche Distanzen in unserer Zeit keine große Rolle mehr spielen sollen. Einen Flaneur, Wanderer und Spaziergänger mag diese Aussage nicht sonderlich beeindrucken, und er wird sie wohl ohne zu zögern in Frage stellen. Es gibt auch Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, kein Auto besitzen, und denen auch die Flugtickets der Billig-Airlines noch zu teuer sind. Aber viele Politikwissenschaftler, Ökonomen und Kulturwissenschaftler behaupten trotzdem: die Irrelevanz der Geographie, der Bedeutungsverlust von Nationalstaaten und damit räumlicher Grenzen, eine Entgrenzung der Welt, eine Raum-Zeit-Kompression oder Raum-Zeit-Verflüssigung usw.

Gleichzeitig wird aber das 21. Jahrhundert als das Zeitalter der Geographie bezeichnet oder Geographie als eine seiner größten Obsessionen.

For Foucault, the twenty-first century is the era of concentration, of juxtapositions, of the near and far, of the side-by-side, and the dispersed. Indeed it is the era of geography and space. Even the rhetoric and discourse animating present-day conflicts centres less and less on operations of time and more and more on notions of space – distance, location, arrangements and proximities” (Sanders 2008, S. 180).

Dass ausgerechnet M. Foucault das behauptet hat, freut natürlich zahlreiche Geographen. Geographie spielt also doch eine Rolle, oder? „Things are becoming more geographical“ (Thrift 2002, S. 291).

Also, was denn nun? Ist Geographie bedeutungsvoll, sind räumliche Aspekte wichtig? Ein Teil des Problems ist es, dass wir auf eine geradezu unerhört gewagte und nicht hinterfragte Weise glauben, dass wir in einer ortlosen, entgrenzten, einer globalisierten Welt leben, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass wir die Möglichkeit haben uns immer schneller und reibungsloser durch Zeit und Ort zu bewegen. Es könnte natürlich auch sein, dass wir das glauben sollen, also dass die Mobilität von Güter und Informationen im Programm der Globalisierung nur die Vorstufe zur globalen Reisefreiheit des Menschen darstellt. Nebenbei bemerkt: Die Welt liegt uns ja bereits schon zu Füßen, vom Klimawandel durchgeschwitzt und ihre Oberfläche transformiert in mehr oder weniger intensiv genutzte Kulturlandschaften. Noch sollten wir uns aber davor hüten, Informationen, Nachrichten, Bilder, Avatare mit leibhaftigen Personen zu verwechseln. Wir sollten uns auch davor hüten Heterotopien, z.B. Hotelanlagen, Kreuzfahrtschiffe u.ä., mit Regionen kurzzuschließen. Prinzipiell erfahren wir zur gleichen Zeit, in der wir uns als delokalisiert in Zeit und Raum wahrnehmen, die Ortlosigkeit als eine Illusion und sehen uns eingebunden in ziemlich lokalisierte alltägliche Praktiken. Selbst die Vielflieger oder global agierenden Nomaden, die am ehesten die Verflüssigung von Raum und Zeit genießen könnten, fühlen sich durch ihren Terminkalender auch nicht weniger belastet und sehnen sich häufig genug nach einem ruhigen Wochenende bei der Familie. Es ist nicht immer so lässig wie in den IBM-Werbespots. Warum werden in einer entgrenzten Welt auch interkulturelle und sprachliche Kompetenzen immer wichtiger? Warum sind geographische Informationen, ja sogar länderkundliche Kenntnisse immer noch so wichtig? Es stimmt schon, dass die Erde etwas kleiner georden ist, dass eine Raum-Zeit-Kompression stattgefunden hat – verbunden mit einer gesteigerten Nachfrage nach geographischen Informationen. Eine Abnahme des Distanzwiderstandes, der für Güter, Informationen und auch für Telekommunikation gilt, ist aber nur sehr selektiv zu beobachten. Das bedeutet keineswegs die Aufhebung von Grenzen, Räumen, Regionen sowie eine totalen Vernetzung von Orten und eine reibungslose delokalisierte Arbeitsorganisation.

Die Verfügbarkeit, Dynamik und Vielfalt der digitalen Medien bewirkt auch nicht eine Auflösung von Orten, und schon gar nicht von dem Ort, an dem wir uns befinden, an dem wir unseren Lebensmittelpunkt haben.

Nowadays we unavoidably divide attention between events in virtual (media) and physical (real) space but the world we live in is not an empty, ‘unspaced’ world. After surfing in the infinite, boundless, limitless virtual world, re-locating ourselves in geographical spaces that are raced, gendered, classed, familiar, unfamiliar, mental, emotional and visceral requires more deliberativeness(Sanders, 2008, 181).

Wir sollten nicht den Sirenen glauben, die uns weismachen wollen, dass Geographie keine Rolle mehr spielt und wir nun frei sind von Grenzen und Distanzwiderständen. Absolute Globalität, die Auflösung von Raum und Zeit ist eine Ideologie einer totalitären Ökonomie, in deren Genuss zweifellos nicht alle Menschen kommen werden. In einer Zeit, in die Menschen zunehmend erkennen, dass der Zugang zu Reichtum und Wohlstand nicht jedem offen steht, wird von einer wirtschaftlichen Elite und ihren intellektuellen Speerspitzen als neues Wunschbild die Globalität angepriesen. Die massive Flexibilisierung des Menschen und eine Sehnsucht nach der weiten Welt, nach Globalität sind eng benachbarte Module einer ökonomischen Mobilmachung.

A first element of what seems to be becoming a hegemonic geographical imagination consists in the view of a global space as open. Boundaries are falling everywhere; we live in a borderless world, and so forth. It is a powerful rhetoric, and social science has played not an inconsiderable part in constructing it. It is also a significant part of the rhetoric of the current government in the UK (and governments elsewhere) with its combination of extolling the necessity for and arguing the total inevitability of free trade/neoliberal globalization. It also needs to be firmly challenged. This is not a borderless word; nor is this a matter of uncompleted business – that the remaining boundaries will soon fall. New borders are being constructed in the middle of, and in part as a consequence of, the current form of globalization. Boundaries against economic migrants, boundaries against the import of third-world goods into first-world countries, the security boundaries which protect the gated communities of the rich. The hegemonic political discourse contains and plays with the contradictory notions of space which lies at its heart. Even while the inevitability of the generalization of the open space of free trade is being evoked (and while forgetting those exceptions which the powerful impose upon the rest of the world) another imagination of a securely bounded space of nationalism (against ‘bogus’ asylum seekers, for instance) is conjured and deployed. On the one hand capital is glorified for its ability to seek out the tiniest economic advantage; on the other hand ‘economic migrants’ trying to do much the same thing are excoriated. One spatial imagination for the powerful, and another for the rest. The modernist story, and its accompanying geographical imagination, was about bounded spaces (in support off the project of the nation-state, and even now underpinning an essentialism of regions), and it is this imagination that we, and others, have challenged through relational analysis. But the new, postmodern, story veers too much towards a tale of unboundedness, which mirrors the project of global capital. We should be challenging that imagination too” (Massey 2001, 14 f.).

Die Zukunft ist nicht dadurch gekennzeichnet, dass Geschichte und Geographie keine Bedeutung mehr haben. Ganz im Gegenteil, Sanders (2008) diagnostiziert den Triumph der Geographie. Die Themen, die uns beschäftigen sind Verortungen, Raumaneignungen, geographische Imaginationen, Verpflanzungen, Transformationen, Dynamisierungen sowie Ungleichheiten, Kontraste, Polaritäten, Differenzen, Konzentrationen aber auch Diffusionen, Homogenitäten und Nivellierungen, welche alle auch eine räumliche Dimension aufweisen. More than ever we are now enslaved to geography – the geography of the Cartesian map.(Sanders 2008, p. 181).

Sicherlich ist bei der Rede vom „Triumph der Geographie“ nicht ausschließlich die wissenschaftliche Disziplin Geographie gemeint, auch wenn sie sich Geographen angesprochen fühlen sollten. Gemeint ist wohl vielmehr die Bedeutungszunahme räumlicher Dimensionen und Verhältnisse und folglich deren Berücksichtigung in vielfältigen Wissensformen und Denkstilen.

Für geographische Wissenschaftler kann gelten:

In a world that refuses to recognize, let alone correspond to, disciplinary boundaries, where what matters in research practice is issues, connections, following things through, a singular disciplinary map is a poor map indeed to make sense of the world. Consequently, we move as researchers – if we dare – in worlds that require us to find our way beyond disciplinary boundaries, often far beyond – with the risk being that we may be told […] that ‘you are Not a Proper Geographer’ (whatever that’s meant to mean!)” (Gregson (2003, 6).

Literatur:

Gregson, N. (2003): Discipline games, disciplinary games and the need for a post-disciplinary practice: responses to Nigel Thrift’s ‘The future of geography’. In: Geoforum 34, 5-7.

Massey, D. (2001): Geography on the agenda. In: Progress in Human Geography 25 (1), 5-17.

Sanders, R. (2008): The triumph of geography. In: Progress in Human Geography 32 (2), 179-182.

Thrift, N. (2002): The future of geography. In: Geoforum 33, 291-298.

Der Aufsatz, in dem Michel Foucault von der Epoche des Raumes spricht, heißt „Andere Räume“ (als pdf zum Download hier: http://www.uni-weimar.de/gestaltung/cms/struktur/uploads/media/Foucault_AndereRaeume_02.pdf

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