Luminale 08: Lichtdiskurse und die Fotografie

19 Apr

Im Vorfeld möchte ich mich dafür entschuldigen, dass dieser Beitrag doch ziemlich lang geworden ist.

War die Luminale 2008 nicht ein tolles Event? Einfach nur schön, oder? Da bräuchten wir doch keine weiteren Gedanken verlieren. Ich kann aber nicht anders: In der Vergangenheit wurde soviel über die Erlebnisgesellschaft (vgl. Schulze 2000 oder die Beiträge zum Thema von Dorota Tkaczyk im Content-Blog perspektive 89) und „Die Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord – Text online hier) geschrieben. Die Luminale wird vielfach als ein Licht-Spektakel bezeichnet. Frankfurt, so die Oberbürgermeisterin Petra Roth im Vorwort des Luminale-Programms, wirke als strahlendes Vorbild für andere Städte, sogar London. London – Paris, Tokyo, New York, war da nicht was? Ach ja, Global Cities. Also Frankfurt eine Global City? Laut Roth ist Licht das Baumaterial des 21. Jahrhunderts. Es sei sinnbildlich für den Wandel zur Medien-, Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Frankfurt und die Region seien im globalen Wettbewerb bevorzugte Bauplätze für die Zukunft. Deshalb passe die Luminale so gut zu Frankfurt. Es gehe um den globalen Wettbewerb und um eine Renaissance des Urbanen.
Wiedergeburt des Urbanen -, das bedeutet ja, dass das Urbane dieser Renaissance bedarf, demgemäß in einen senilen Zustand geraten ist (‚Urban Decay’). Eine Krisensituation des Städtischen, welche eine Renaissance nach sich zieht bzw. diese nötig hat. Ähnlich sieht es auch Jürgen Hasse („Die Stadt in rechte Licht setzen. Stadtillumination .- ein ästhetisches Dispositiv?“ In: Berichte zur deutschen Landeskunde 78, H. 4, 2004, S. 413-439): Die europäische Stadt stehe unter dem Problemlösungsdruck einer mehrdimensionalen Krise: (Krise des Zentrums, Krise der Ökonomie, Krise der Urbanität, Krise des sozialen Friedens, Krise der Demokratie) (ebd., S. 415). Die Maßnahmen zur Illumination, die Hasse als Ausdruck einer „allgemeinen Ästhetisierungswelle“ bezeichnet, könnten nicht losgelöst von den genannten Problemlagen der Stadt verstanden werden.

„Auf die brodelnde Agonie der Stadt antworten Akteure in Politik und Ökonomie mit exzentrischen Gesten der Hyperästhetisierung.“


Die Illuminationsprojekte sind auch keine, vorwiegend von Beta—oder Gamma-Global Cities durchgeführten Projekte, um den Alpha-Global Cities nachzueifern. Seit etwa zehn Jahren beobachtet man diesen Trend lichttechnischer Inszenierungen. Bangkok, Berlin, Benares, Helsinki, Lissabon, Lyon, Prag, New York, Ravenna aber auch Lüdenscheid propagieren sich selbst als „Städte des Lichts“ (Hasse ebd., S. 416). Darüber hinaus klärt uns Hasse auch darüber auf, dass Beleuchtung und Lichtspektakel, keine aktuellen Erfindungen sind. Das „Projekt Stadtbeleuchtung“ (ebd., S. 419) entstand bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Er erwähnt Ausführungen Walter Benjamins in seinem Passagenwerk (1927-1940) zur Gasbeleuchtung der Städte, die Errichtung eines Leuchtturmes anlässlich der Weltausstellung in Paris (1889), die Ausbreitung der Leuchtreklame (S. 419), die Bedeutung „Glasarchitektur“ als „Voraussetzung für die Schaffung neuer ‚Lichtnächte’“ (S. 420), die Stadtillumination Rio de Janeiros anlässlich der Hundertjahrfeier 1922 („Beleg für die Zugehörigkeit zur modernen Zivilisation“), das große Lichtfest in Frankfurt am Main (1926), die Berliner Lichtwochen von 1928 (S. 421). Er behauptet eine Vitalität des Licht-Diskurses über die Bedeutung des Lichts in der Architektur (S. 420, 422) vor dem Zweiten Weltkrieg und einen „adäquaten Nachhall“ bis in die 1950er Jahre hinein. Dieser Diskurs wurde dann eingeengt auf lichttechnische Fragen und auf die objektbezogene Illumination der Architektur, als Ausdruck einer „symbolischen Seite gesellschaftlicher (politischer, ökonomischer…) Bedeutungen (S. 422).

Hasse stellt aber auch fest (ebd., S. 416), dass Ästhetisierungen, die im Kampf um die Aufmerksamkeit übertreiben, den Bogen leicht überspannen, ins Idiosynkratische überspringen. Der Betrachter reagiert folglich eher abgeneigt, und laut Hasse wird dadurch die Thematisierung auf Spiel gesetzt. Es wird provoziert und es werden Fragen aufgeworfen: Wer setzt was mit welchen Mitteln für welche Ziele atmosphärisch wie in Szene? Was wird mit dem Licht ästhetisch thematisiert und was zum Verschwinden gebracht? Einige Projekte in Frankfurt waren schon dermaßen groß und bunt angelegt, dass man davon sprechen könnte, dass der Bogen überspannt wird. Allerdings hatte ich nicht den Eindruck, dass den Betrachtern die Illuminationsprojekte missfallen. (Ehrlich gesagt, war ich auch recht angetan.). Auch die Fotografen waren zahlreich und offensichtlich auch intensiv beschäftigt. Zu erwähnen sind hier die überaus farbigen Illumination der Deutschen Börse und des Börsenplatzes (“Fishing for Sentiments“), die Illumination der Frankfurter Welle (ein aus sechs Gebäuden bestehendes Ensemble), die monumentale Projektion Main Embankment auf die Südfassade der Großmarkthalle, aber auch die Illumination im Inneren des Kaiserdoms („Hightech meets History“) und das sog. Lichtdach Frankfurt (ausgehend vom Dach des Kaufhauses an der Hauptwache. Letzteres wird im Programm als „Metropole Lichtrauminszenierung“ bezeichnet. Mich hat es an die Sky-Beamer erinnert, die früher die Eingänge zu Diskotheken und Rave-Veranstaltungen markierten, obwohl versierter, technisch größer und besser angelegt.
Bei den Projekten in Mainz hatte man eher nicht den Eindruck, dass der Bogen überspannt worden ist. Viele Fotografen, die ich bei meinem Spaziergang durch Mainz getroffen und gesprochen habe, waren sogar enttäuscht. Es sei zu wenig spektakulär zu klein, zu dünn, zu lasch, zu langweilig. Vielleicht hat ein Gewöhnungseffekt stattgefunden, nicht nur dass die vergangene Luminale 06 angeblich deutlich mehr geboten hatte, sich Mainz diesmal eher etwas zurückgehalten habe. Vielleicht hat aber auch eine Gewöhnung stattgefunden, weil die Illuminationen im Stadtraum gerade in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben. Ich konzentrierte mich beim Fotografieren auch auf die Objekte der Luminale, obwohl ich ohne viel Umstände so viel anderes, was auch illuminiert war, hätte fotografieren können. Überall werden Gebäude angestrahlt, wird der Blick durch Fenster gelenkt, hinter denen eine illuminierte Innenarchitektur (fast schamlos) etwas zeigen will.
In Frankfurt war dieser Effekt freilich noch intensiver. Oft fragte ich mich ob dieses illuminierte Gebäude, überhaupt zum Programm der Luminale gehört. Warum habe ich das fotografiert, aber fotografiere jetzt nicht das. Ich verzichtete darauf die Objekte zu fotografieren, die sowieso das ganze Jahr über illuminiert werden. Hasse (ebd., S. 422) hat die Luminale 2004 als „ekstatischen Vorboten einer auf Dauer angelegten Illumination der Stadt“ beschrieben. Nur vier Jahre später haben wir uns so sehr damit abgefunden, dass wir gar nicht mehr genau wissen, welches Gebäude nicht dauernd illuminiert sind. In Mainz jedenfalls war diese Ekstase kaum noch spürbar. Dennoch war ich angetan von den Projekten und Installationen. Die Theodor-Heuss-Brücke erleuchtet, nicht zu hell, nicht farbig, ein Brückenbauwerk, welches sich gleichwohl illuminiert nicht vor die beleuchtete Stadtsilhouette drängen will.

Theodor-Heuss-Brücke, Mainz

Petra Goldmann’s Installation „RheinGoldSchatz“ an der Rheingoldhalle, – großflächig (300 qm), abstrakt, in Blautönen mit einer sehr heruntergeregelten Dynamik – keine Konkurrenz für das beleuchtet Rathaus gegenüber oder die Innenarchitektur des Foyers. Die Schattenspiele im Römischen Theater nahe des ehemaligen Südbahnhofs – einfach, aber sie machten Spaß. Immerhin wurde dort sehr viel früher tatsächlich Theater gespielt. Der Durchgang in den Innenhof der Zitadelle im tiefblauen Licht – spacig – auch wenn wir uns zweifellos an so etwas gewöhnt haben und vielleicht etwas wie die Wasserrutsche im Taubertsbergbad erwartet haben. Aber es geht hier ja um den Durchgang in das Innere eines historischen Festungsbauwerks, nicht um den Übertritt in ein anderes Sternensystem oder um die Imitation einer Indiana Jones- oder Krieg-der-Sterne-Szene. Andererseits frage ich mich schon, was will uns die blaue Farbe sagen? Am Hauptbahnhof zog die interaktive Installation qbridge aus ca. 50 beleuchteten 1000 l Wassertanks des Instituts für Mediengestaltung viel Aufmerksamkeit auf sich. Weniger spektakulär, fast schon niedlich die „Lavendelleuchten“ – vielleicht das Projekt welches sich am deutlichsten einer technologischen und effektbetonten Steigerungslogik widersetzt hat. Einen ähnlichen Eindruck hinterlässt auch die Leuchtkasteninstallation „Außerplanmäßig“ – einfache Mittel, aber eine effektive Wirkung – eben Außerfahr(b)planmäßig. Am Ende meines Rundgangs durch Mainz erregte auch das CrazySexy in der Bahnhofstraße noch einmal meine Aufmerksamkeit, und ich erinnerte mich daran, dass es doch gerade diese Etablissements sind, die seit langem effektvoll illuminiert werden. Man betrachte z.B. auch die beiden Bordelle in der Mainzer Straße in Wiesbaden.

Für die weiteren Ausführungen entscheidend ist nun, „die Diagnose eines defizitären architektonischen ‚Licht-Bewusstseins’“ (G. Auer zit. in Hasse ebd., S. 423). Aktuelle Licht- und Illuminations-Diskurse sind wohl vielstimmig, gleichwohl besteht eine „Differenz zwischen den Praxen der Illumination und dem Wissen um Illumination“. Hasse beklagt darüber hinaus, dass Überlegungen zum sinnlichen Erleben der Stadt eine auffällig untergeordnete Rolle spielen. Die affektive Wirkungsweise des Lichts werde kaum thematisiert. Dies ist typisch für die Entwicklung der Licht-Diskurse im 20. Jahrhundert, in denen lichttechnische Fragen an Bedeutung gewonnen haben, und in denen es „nun nicht mehr um das (pathische) Erleben der Stadt geht, sondern um das (objektbezogene) Erscheinen der Architektur“ (ebd., S. 422). Im Hinblick auf das sinnliche Erleben der (illuminierten) Umwelt existiert also ein blinder Fleck, der eine „unwirkliche Realität der gelebten Stadt“ konstituiert (ebd., S. 423 f.):

„Die theoretische Distanzierung von der gelebten Wirklichkeit der Stadt/des Städtischen mit jedem (licht-)technischen Fortschritt zu vergrößern. Die Nachhaltigkeit des Licht-Machens umfasst immer größere Wirkungsfelder, und die Erlebnis-Intensität des Lichts wächst. Als Ausdruck hypertechnischen Fortschritts und Zeichen einer sich primär über technologische Innovationen realisierenden Modernisierung werden die technologischen Fachsprachen differenzierter und mächtiger. Gleichzeitig stagnieren oder verkümmern die Fähigkeiten zur sprachlichen Kommunikation subjektiven Licht-Erlebens. Das lebensweltliche Sprechen gerät unter eine technizistische und funktionalistische Logik und wird gegenüber Empfindungsnuancen unsensibler.“

Die HDR-Fotografie spiegelt letztlich diese Diagnose wieder. Auch sie definiert sich primär über technologische Steigerung eines eher herkömmlichen Bildausschnitts. Die gewöhnliche Aufnahme einer mehr oder weniger gewöhnlichen Landschaft wird allzu häufig gedanken- und bedenkenlos übersteigert. Es geht um Kontraststeigerungen (High Dynamic Range), um ein atmosphärisches Aufladen ohne Berücksichtigung von Landschaftsdiskursen oder Lichtdiskursen. Damit ist die HDR-Fotografie scheinbar unpolitisch. Im Anschluss an Adorno und Horkheimer (1947, 129) konstatiert Hasse (ebd., S. 425) Illumination als Amusement mit dem Ziel einer Reinigung der Affekte, und behauptet, dass „der strahlende Schein der Stadt nun nicht mehr Katalysator für demokratisierungsorientierte Szenenbildungen, sondern kulturindustrielle Aufforderung zum bedingungslosen ‚Einverstandensein’, Medium der Gleichschaltung der Individuen für eine ‚bruchlose Allgemeinheit’“ wäre.

„Die Illumination von Bauwerken, architektonischen Konturen oder ganzen städtischen Zonen zielt weniger auf das Denken – ganz zu schweigen von einem NachDenken – denn auf die Herstellung (leiblich) angenehmer Empfindungen. In der seit dem Ende der 1980er Jahre boomenden allgemeinen Ästhetisierung der Städte stellen die verschiedenen Formen der Illumination lediglich ein Moment in der Bildwerdung der Stadt dar, die ihren Raum stets auch als leibhaftige Herumwirklichkeit (vgl. Dürckheim 1932) konstituiert. Solche Ästhetisierungen hinterlassen eine Lasur, die in einer dissuasiven Geste der Verführungen der Möglichkeit der Kritik spätkapitalistischer Metamorphosen der Stadt zuvorkommen soll.“ (Hasse ebd., S. 431)

Strahlende Landmarks, Leuchttürme, werden imaginativ konstituiert, bevor sie tatsächlich erbaut werden. Die massive Illumination der Großmarkthalle ist gleichzeitig eine Projektion, eine Antizipation der geplanten Heterotopie EZB/Großmarkthalle gewesen. Die Illumination steht aber gleichzeitig im Widerspruch zur Vergangenheit der Großmarkthalle. Folgerichtig wird das seit 1984 unter Denkmalschutz stehende Gebäude im Luminale-Programm als ein „stillgelegter Industriebau“ beschrieben (der uns offenbar auch nichts mehr zu erzählen hat). „Motivische Erinnerung an das Vergangene (Großmarkt)“ – das Programm verschweigt uns den aber den Holocaust. Die Nationalsozialisten nutzten die Großmarkthalle ab 1941 als Sammelpunkt für die Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder aus Frankfurt und Umgebung (siehe hier). Hier ist ein strategischer Umgang mit den zwei Lesarten der Rezeption und Interpretation eines (Bau-)Denkmals (vgl. Trimborn, J.: „Das Denkmal im Zeitalter der virtual reality. Die moderne Medienwelt und ihr Einfluß auf die Inszenierung des öffentlichen Raums“ In: Die alte Stadt 2/99, S. 117-140) erkennbar. Durch die Illumination wird die Lesart einer „mehr oberflächig materiell-ästhetischen“ und „ideell-symbolischen Ebene“ gestärkt auf Kosten der Lesart des Denkmals als „authentisches, unverfälschtes, von der heutigen Gesellschaft und von den folgenden Generationen zu befragendes, über vergangene historische Epochen Zeugnis ablegendes Geschichtsdokument“. Die erste Lesart einer mythisch geprägten Rezeption duldet ohne weiteres die Demontage oder Re-Inszenierung des Denkmals (Trimborn ebd., S. 118). Folglich würde die Großmarkthalle ihres Zeugnischarakters als zeitweise zweckentfremdetes Industriedenkmal weitgehend beraubt, um bald glanzvoll und verschmolzen mit den Doppeltürmen der EZB machtvoll auf den Umbau zur Dienstleistungs-, und Wissensgesellschaft hinzuweisen. Letztlich wundert es dann nicht, dass nur wenige Wochen nach der Luminale die Baugenehmigung für den Bau der neuen EZB-Zentrale und damit für den Umbau der Großmarkthalle von der Stadt Frankfurt erteilt wurde (siehe FAZ, vom 05. und 06.05.2008, „EZB darf ‚spektakuläres Hochhaus’ bauen“, hier). Die Genehmigung könne durch den Urheberrechtsstreit zwischen den Erben Martin Elsaesser, der Architekt der Großmarkthalle, und der Stadt sowie der EZB nicht mehr gefährdet werden. Die Stadt bestätigte, dass sich die Erben außergerichtlich mit Stadt und EZB geeinigt haben.
Die Wahrheit kommt wohl ans Licht, aber im betäubenden Lichterspektakel interessiert es kaum jemanden mehr. Verspürt jemand eine Neigung zur „Kritik spätkapitalistischer Metamorphosen“? Was hätte man denn sonst mit der Großmarkthalle anfangen sollen? Welches Grundstück wäre besser geeignet für den Neubau der EZB? Wer möchte denn überhaupt noch über die industrielle Vergangenheit Frankfurts nachdenken? Und – sieht es auf den Bildern bzw. Entwürfen nicht gut aus, was dort gebaut wird? Letztlich also kein Wort über den Stand der Dinge bezüglich der Gedenkstätte für die deportierten Juden (vgl. z.B. eine Pressemitteilung der EZB hier oder der Wikipedia-Artikel über die Großmarkthalle).

Der aktuelle Trend der HDR-Fotografie fügt sich über eine epistemologische Brücke reibungslos in die Ausführungen über Stadtillumination oder den Umgang mit Denkmälern bzw. des öffentlichen Raumes allgemein. Laut Trimborn (1999, S. 129) dienen die Produkte der Massenmedien nicht ausschließlich als „Fluchtpunkte aus der Realität“. Die „synthetisch aufbereitete Welt des öffentlichen Raumes wird kurioserweise selbst zum Fluchtpunkt aus der Realität, so dass es zu einer immer weiter fortschreitenden irrealen Überzeichnung der realen Welt kommt.“ Diese Beobachtung spiegelt sich inzwischen auch in den passenden Fotografien wieder. HDR-Fotografien sind nicht nur Abbilder dieser überzeichneten Realität, sondern durch die Technik der HDR-Bildbearbeitung überzeichnen sie selbst die gewöhnlichen Abbilder einer (noch) gewöhnlichen Realität. Das reale Leben, das sich der Macht dieser kontrastreichen Bilder nicht fügt, verschwindet aus dem Blickfeld bzw. wird langweilig (vgl Trimborn ebd., S. 129). Die HDR-Fotografie ist nun ein Medium, welches auch das reale, gewöhnliche Leben dieser Überzeichnung verfügbar machen kann.

„Indem man ‚ins Duplikat der Welt unauffällig einzuschmuggeln’ versucht, ‚was immer man für die reale zuträglich hält’, betreibt man letztlich die totale Zerstörung des Realen. An die Stelle der tatsächlichen Wirklichkeit tritt die erträumte Wirklichkeit, die dann ironischerweise wirklicher als die Wirklichkeit erscheint.“ (Trimborn ebd. S. 129 f., nach Adorno 1963, S. 133)

HDR-Bilder sind eine Form der visuellen Kommunikation oder Kultur, die viel mehr am Produkt, am Output der Arbeitsschritte orientiert ist, als an der repräsentierten Substanz, dem fotografischen Subjekt. Dieses dient lediglich noch als Reservoir, als Ressource. Die Belichtungsreihen dienen nicht mehr dazu, das gewünschte Bild zu erhalten, die Stimmung, die Farben, die Kontraste einzufangen, sondern sie dienen als zu überlagernde Folien für die überzeichnete hyperrealistische Synthese. Selbst die Wahl des Ausschnittes verkommt letztlich zu einer arbeitstechnischen Vorbedingung für die Überlagerung der Einzelbilder.

Fotos von der Luminale 2008 finden sich zahlreich bei Flickr, z.B. in den Gruppen luminale, luminale 2008 frankfurt, luminale mainz. Man sei sich aber im klaren darüber, dass Nachtaufnahmen an sich noch keine HDR-Fotografien darstellen.

Weitere Literatur (außer den im Text erwähnten Aufsätzen von Jürgen Hasse und Jürgen Trimborn):

Adorno, T. (1963): Eingriffe. Neun kritische Modelle. Frankfurt/Main

Adorno, Th. W. & M. Horkheimer (1947): Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug. In: Diess.: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt/Main 1971, S. 108-150.

Boesch, H. (2001): Die sinnliche Stadt. Essays zur modernen Urbanistik. Zürich.

Dürckheim, K. Graf von (1932): Untersuchungen zum gelebten Raum. Erlebniswirklichkeit und ihr Verständnis. Systematische Untersuchungen II. (= Neue Psychologische Studien, 6. Bd.), München, S. 383-480.

Flagge, I. (Hrsg.) (1991): Architektur – Licht – Architektur. Stuttgart, in diesem Buch der Aufsatz „Ahnung und Planung. Zum Licht-Bewußtsein des Architekten“ von G. Auer, S. 127-141.

Neumann, D. (2002) (Hrsg.): Architektur der Nach. München u.a.

Schulze, G. (2000): Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt/Main.

Tuan, Y.-F. (1993): Passing Strange and Wonderful. Aesthetics, Nature and Culture. New York.

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