luminale 08: Nachtaufnahmen, HDR-Fotografie und Spazierengehen (ohne Stativ!)

16 Apr

Anlässlich der Luminale 08 erstrahlten sie wieder, die Städte des Rhein-Main-Gebietes. Das öffentliche Licht-Spektakel, die Biennale der Lichtkultur im Rahmen der Messe Light+ Building, die selbst allerdings nur für Fachbesucher geöffnet ist.
An den neuralgischen Orten der Luminale strömten zahlreiche Fotografen zusammen. Sie bauen ihre Stative auf und schießen Nachtaufnahmen – wobei Nachtaufnahme schon gar nicht mehr der richtige Begriff ist im Antlitz der spektakulären Inszenierungen, welche so in die Nacht strahlen, das sie fast verdrängt wird. Nachtaufnahmen sind jedenfalls durch die Digitalphotographie zu einem beliebten Thema geworden und weit verbreitet (praktische Informationen über Nachtaufnahmen, Available-Light Photographie und Langzeitbelichtung finden wir auf der Seite Fotografieren.li). Auch das Stöbern bei flickr mit den Stichworten Nachtbilder, Nachtaufnahmen, Nightshots führt zu beeindruckenden Fotografien und umfangreichen Gruppen.

Mir war es etwas peinlich, ohne Stativ aufgetreten zu sein und dadurch nicht zu dem profilierten Kreis der ausgewiesenen Nachtfotografen zu gehören, die sich in einer bestimmten Entfernung oder in einem bestimmten Radius um den Ort des Geschehens bzw. das fotografische Subjekt gruppieren. Tatsächlich habe ich den Eindruck kaum jemals zu einem profilierten Kreis gehört zu haben. Warum habe ich denn auch kein Stativ mitgenommen?
Nun, ich habe gar kein Stativ, nur meine Kamera – eine Canon EOS 10D mit einem einigermaßen brauchbaren Tamron-Objektiv. Natürlich wünsche ich mir bessere Objektive, eine 40D eine 5D usw. Wer mir etwas günstig verkaufen will, soll sich bitte bei mir melden. Ein Stativ jedenfalls ist gar nicht teuer – und trotzdem, anlässlich der Luminale Fotografieren ohne Stativ? Zudem habe ich mir vorgenommen (und es auch geschafft) auf abendlichen Spaziergängen die Projekte in Frankfurt, Offenbach, Wiesbaden und Mainz anzuschauen.
Ich muss mir aber die Frage stellen, was für mich Bilder bedeuten oder allgemein die Fotografie, wenn ich nicht die Möglichkeiten nutze, um das Optimale herauszuholen. Freilich kann ich zumindest eine feste Unterlage nutzen – das kann sogar der Boden sein. Aber selbst mit einer professionellen Kameraausrüstung (und Stativ), – darüber hinaus gibt es immer noch Möglichkeiten einer weiteren Optimierung der Ergebnisse. Der neueste Trend heißt HDR. HDR bedeutet High Dynamic Range. HDR wurde auch in einem Artikel des Magazins DER SPIEGEL gewürdigt („Wirklicher als die Wirklichkeit„. Das Ergebnis sind „Bilder mit magisch leuchtenden und unglaublich eindrucksvollen Szenarien.“ Grundlage ist eine Belichtungsreihe: Es werden vom gleichen Motiv überbelichtete, normal belichtete und unterbelichtete Aufnahmen erstellt. Auf den Einzelaufnahmen, werden folglich die Zeichnungen in den Glanzlichtern als auch Details in den Schatten festgehalten. Aus den Einzelaufnahmen wird dann mit Adobe Photoshop (ab CS2) ein Foto mit hohem Kontrastumfang, das HDR-Bild erzeugt. Damit auch auf solchen sogenannten Low-Dynamic-Range-Medien (LDR-Medien) der Detailreichtum einer HDR-Szene zu betrachten ist, bedarf es noch eines wichtigen zweiten Schritts. Mit einer Dynamikkompression (engl. Tonemapping) wird der Kontrastumfang des Bildes kontrolliert reduziert. Es entsteht eine darstellbare Datei. (Entsprechend sind die HDR-Bilder bei flickr.com im eigentlichen Sinne gar keine HDR-Bilder, sondern LDR-Fotos nach einem Tonemapping.)
Auch das Bildbearbeitungsprogramm Photoline (ab Version 14) kann HDR. Das Open Source-Programm Qtpfsgui ist speziell für das Generieren von HDR-Aufnahmen entwickelt worden. Das bekannteste HDR-Programm ist wohl Photomatix Pro von Hdrsoft.
Warum führe ich das eigentlich so aus? Weil die Ergebnisse beeindruckend sind, und natürlich reizt es mich, diese Art von Aufnahmen zu machen, die Technik zu erlernen.

Und „wirklicher als die Wirklichkeit„, das klingt nach Hyperrealismus. Unter Hyperrealismus (auch: Superrealismus)wird weithin eine Kunstrichtung verstanden, die Malerei und Skulptur, aber auch Fotografie und Film umfasst. Dabei soll nicht eine exakte lebenstreue Nachbildung geschaffen werden, sondern eine fotorealistische Übersteigerung der Realität. Man könnte vielleicht annehmen, dass durch diese Übersteigerung Baudrillard’sches Gedankengut verbreitet wird, in dem Sinne, dass wir uns z.B. mit dem Gedanken anfreunden sollten, dass Simulationen und ihre Modelle längst als Realität erachtet werden. Die Objekte der Welt werden also im Hinblick auf ihre Reproduzierbarkeit in unser Weltbild eingefügt und bewertet. Es geht um die Funktion im System der Reproduktion und nicht mehr um ein Sein oder eine Differenz, die zur phänomenologischen oder ontologischen Auseinandersetzung herausfordert.

Ich glaube, dass HDR-Aufnahmen, wie sie in den Fotoforen und in den flickr-Gruppen zu sehen sind, v.a. schön sein wollen. Dadurch sind sie High-Fashion, aber noch keine Kunst. Sie sind also auch Produkte einer technologischen und digitalästhetischen Steigerungslogik. Ich will damit aber nicht grundsätzlich ausschließen, dass auch mit HDR Fotokunst möglich ist. Bezogen auf Bilder ist Hyperrealismus wohl eine Kunstrichtung; aber inzwischen auch eine weit verbreitete Darstellungsform. Mir würde es dann darauf ankommen, dass durch den Inhalt oder die Form die Frage nach der Differenz eines So-Schön-Seins und den leiblichen, emotionalen und verstandesmäßigen Vollzügen in Anbetracht der Schönheit aufgeworfen wird. Es sollte also ein Anstoß stattfinden, über Schönheit nachzudenken und an unseren Schönheitsidealen zu zweifeln bzw. sie in Frage zu stellen, sie mit dem Vorwurf des Romantizismus, des Idealismus, einer Harmoniebedürftigkeit zu konfrontieren und der Anschuldigung eine durchdachte Marketingideologie zu sein. Da ich aber eigentlich nichts gegen strahlende Schönheit habe und es mir fern liegt jedes Bild daran zu messen, ob es Kunst darstellt, muss ich zugeben: ich scheue mich auch vor der Arbeit, ein HDR-Bild anzufertigen. Ehrlich gesagt, sind mir schon Belichtungsreihen zu viel Arbeit. Noch ein Programm, noch eine Technik – plötzlich steckt man mitten im Info-Stress.

Vielleicht würde ich mich eigentlich auch nicht als Fotograf bezeichnen (schon gar nicht als HDR-Fotograf oder Fototechniker, damit meine ich einen Photoshop-Freak), sondern eher als Spaziergänger. Ein flanierender Geograph, der Orte aufsucht und Orte findet. Nicht auf die Art und Weise Orte aufsuchend, wie man es unter dem (durchaus informativen) Diktat eines Reiseleiters oder auch eines Reiseführers macht. Ein Ort ist wohl ein bestimmter Punkt auf der Erdoberfläche, der sich durch etwas Besonderes auszeichnen mag (z.B. ein Dom, ein Marktplatz usw.); ein Ort ist aber auch etwas was innerhalb eines Raumes ständig konstituiert wird. Diese Konstitution ist einmal unabhängig vom Besucher eines Ortes aber andererseits auch eine sehr subjektive und wahrnehmungsabhängige Angelegenheit. Ein Spaziergang, der unterschiedliche Orte miteinander verbindet, ist schon allein wegen der aufgesuchten und gefundenen Orte eine sehr komplexe Sache. Hinzu kommen noch die Geschehnisse, Wahrnehmungen und Gedanken während des Modus des sich spazierenden Fortbewegens zwischen den Orten. Und potenziell kann man sich ja gar nicht sicher sein, ob man sich auch in diesem Dazwischen nicht plötzlich doch bewusst wird, dass man sich an einem bestimmten Ort befindet, d.h. eben diesen just in Interaktion mit den Be- und Gegebenheiten für sich und durch sich (oder auch durch andere oder etwas anderes, wie z.B. Atmosphären) konstituiert hat. Ich will damit nicht sagen, dass jeder Spaziergang so zu sein hat; es gibt wohl viele Erscheinungsformen des Spazierengehens. Gemeint ist eine Art berufsmäßiges Spazieren, aber auch nicht im Sinne eines Fotografen (also eine Foto-Rallye), sondern als eine gleichermaßen persönliche wie auch methodisch-objektivierbare, eine proaktive wie auch notwendigerweise passive, eine sich annähernde und gleichsam distanzierte Auseinandersetzung, Erfassung, Exploration und Aneignung räumlicher, und ich muss ergänzen, auch zeitlicher Begebenheiten. Ich nenne diese Art des Spaziergangs Perambulation. Der Begriff ist deshalb passend, weil der Versuch zugrunde liegt, Grenzen abzuschreiten, Grenzen eines Ortes in Raum und Zeit, die Suche nach Situationen oder Szenen, die sich aus der Gegenwart heraus in die Geschichte des Ortes einschreiben können oder die Suche nach solchen Szenen und Situationen, die sich zu einem Erinnerungsbild eines Ortes anfügen lassen und dieses somit verfeinern und vergrößern. Vieles – die Orte selbst und auch das was sich an den Orten befindet oder sich dort ereignet – ist unübersichtlich, fragwürdig, interessant, kontrastierend, mitteilungslos, rätselhaft, überwältigend, planlos, zufällig, pittoresk, erhaben, einfach nur schön oder hässlich , uninteressant, langweilig.
Durch das Fotografieren soll etwas von diesen Eigenheiten festgehalten werden, es geht darum Abbilder oder Repräsentationen zu schaffen, die versuchen einen bestimmten Eindruck festzuhalten aber gleichzeitig auch darüber hinaus gehen. Folglich: im Bild etwas mitgeben, was die über die Erscheinung über das Phänomen (z.B. ein Bauwerk) hinausgeht, und beim Anschauen des Bildes anregt an den Ort zurückzukehren und ihn in der Erinnerung, den Gedanken, der Phantasie und Träumen weiterleben zu lassen. Ein Bild der illuminierten Deutschen Börse in Frankfurt wäre somit eine Ikone für ein Ereignis, ein Spektakel, welches in der Lage ist sich in die Geschichte dieses Gebäudes einzuschreiben. Das Bild ist damit ein Zeugnis, ein Dokument, welches, ungeachtet der Tatsache, dass so ein Bild von unzähligen anderen Fotografen erstellt worden ist, eine historische Bedeutung repräsentiert und somit selbst Bedeutung erlangt. Gerade HDR-Bilder sind hervorragend dazu geeignet diese Ikonizität zu befördern. Man muss den HDR-Bildern positiv anrechnen, dass sie durch ihren hyperrealen, bisweilen surrealen Ausdruck eine Diskussion über Schönheit und Ästhetik eigentlich herausfordern müssten.
Andere Bilder, also bestimmte Ausschnitte, ungewöhnliche Perspektiven, Standpunkte oder auch Details sind dann eher persönliche Erinnerungsstücke, welche die Auseinandersetzung mit dem Moment und der Situation festhalten möchten. Es sind Bilder von denen man hofft, dass sie dazu geeignet sind, eher persönliche Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen festzuhalten und dadurch anzuregen: Erinnerungsspuren auslegen. So wie ein bestimmter Geruch in der Lage ist, eine bestimmte Erinnerung wachzurufen, so kann das auch ein minimalistisches oder ein abstraktes Bild. Wenn ein solches Bild, was nicht notwendigerweise minimalistisch sein muss, wirkt (was man vielleicht erst nach einiger Zeit beurteilen kann), dann kann ich es als gelungen ansehen. Eine flickr-Gruppe mit einem Pool von minimalistischen Bildern nennt sich Less is more…. Passend, denn wir können nur ahnen, welches Universum von Bildern, Vorstellungen, Gedanken und Empfindungen sich öffnet, wenn andere ein (gelungenes) Bild betrachten, das ursprünglich eine eher persönliche Interaktion mit einem bestimmten Ort oder einer bestimmter Szene zum Ausdruck bringt.

Die Kamera ist jedenfalls das Werkzeug, mit dem ich während der Spaziergänge versuche, diese Mitbringsel zu erzeugen. Diese Mitbringsel sind gelegentlich Dokumentationen, aber viel mehr schätze ich sie als Erinnerungsstücke, als Snapshots einer Interaktion mit einer bestimmten Szene am Ort. Natürlich hat das auch einen kollektiven, sammelnden Charakter, im Sinne eines umfassenden Photo-Essays zu einem bestimmten Thema. Ein Fotograf ist immer auch ein Jäger, ein Historiker, ein Künstler, ein Sammler, ein Lehrer, ein Taxonom und ein Dichter (Badger, Gerry: The Genius of Photography. How photography has changed our lives. Quadrille Publishing Ltd., London, S. 56). Oft habe ich das Gefühl nah rangehen zu müssen, Ausschnitte zu suchen, die es sich lohnt mitzubringen, weil ich mir einbilde, dass sie eine Art Essenz des Ortes, eines Gebäudes oder einer Szene darstellen. Das können auch nur bestimmte Farbflächen oder Muster sein. Der Umgang mit dem Ort, mit der Szene ist nicht nur distanziert und objektiv, sondern auch sich auf eine kontext- und stimmungsabhängige, persönliche und individuelle Art und Weise annähernd und subjektiv. Das betrifft auch die Wahl des Standpunktes, die Wahl des Ausschnittes, die Wahl des Zeitpunktes (auf den ich eher wenig Einfluss habe) und die Entscheidungen bei der Kameraeinstellung und bei der Nachbearbeitung, die letztlich nicht konsequent einer Routine folgen. Ich will auch schöne Bilder haben (im Sinne von ort- und zeitlos schön), aber die Bilder sind für mich nicht zu trennen von dem Spaziergang, der Route, die sich vielleicht auch erst nachträglich ergeben hat, von den Gedanken über die Orte, Gebäude, Details – ja und auch die Personen, sowie die Gedanken, die ich mir mache – sowohl die zielgerichteten, nach Erklärungen, Mustern und Einzigartigkeiten suchenden, wie auch die alltäglichen und die spontanen Ideen.

Ich ziehe für mich, als Fotograf, ein persönliches Fazit: Eine bessere Ausrüstung wäre toll, also noch mal: Wer mir günstig gute Objektive oder Gehäuse (z.B. Canon 30D, 40D, 400D, 5D) verkaufen kann, soll sich bei mir melden. Darüber hinaus liegt es wohl näher, mich der Street Photography zuzuwenden, als der HDR-Fotografie. Die HDR-Fotografie verstärkt letztlich den distanzierenden Aspekt des Spaziergangs, eine Annäherung kann wohl eher durch die eine immersive, vielleicht auch konfrontierende Art der Street-Photography gewährleistet werden. Es geht auch darum zu erfassen, wie die Menschen an einem Ort mit diesem interagieren und ihn dadurch konstituieren. Letztlich kann die Interaktion des Fotografen nicht ausgeschaltet werden; sie soll es auch nicht. Und: ich muss eine Möglichkeit finden, ein Stativ, das ich mir zweifellos zulegen werde, mit mir führen zu können, auch eine ganzen Tag lang, ohne dass es mich behindert oder unangenehmen Ballast bedeutet.

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