„Ein Kaffee zum Mitnehmen, bitte.“ Ursache(n) für die Wiederkehr des Flaneurs

16 Feb

Jorge Maria Fernandez de la Torre, der Vorsitzende der kanarischen Sektion der Gesellschaft Flaneure und Flaneusen ohne Grenzen, die, zugegeben, erst noch gegründet werden müsste, bat mich um einen Beitrag für das geplante vierteljährlich erscheinende Mitteilungsblatt der Gesellschaft. Bereits vor Erscheinen der ersten Ausgabe dieses, von den zahlreichen zu erwartenden Mitgliedern der zahlreichen sich zu gründenden Sektionen dieser Gesellschaft erwarteten Journals, möchte ich seiner Bitte gerne nachkommen. Ich veröffentliche hier, im Blog des Spaceflaneurs, welches dadurch mir zur Ehre gereicht, als es von der Gesellschaft als ein angemessenes und gelungenes Medium des Typus des wiedergekehrten Flaneurs angesehen wird, den Versuch, eine Antwort zu geben auf des verehrten Jorge Maria’s Frage, warum denn gerade in den letzten Jahren der Flaneur auch in Deutschland wieder seine, von Flaneuren und Flaneusen in Brasilien, Namibia, Kenia, Thailand, China, Afghanistan und Kirgisistan begrüßte, deutlich wahrnehmbare und vernehmbare Wiederkehr feiert.

Unvermeidlich bei diesem Versuch ist die Berücksichtigung der komplexen Hintergründe, Kontexte und Begebenheiten, die diese Wiederkehr im Kernland der EU gerade in einer Zeit wirtschaftlicher Rezession und epistemologischer Umbrüche gefördert haben. Metakulturelle Anforderungen und Herausforderungen, die Sedimentation der Postmoderne, die nicht eingelösten Versprechen der post-industriellen Konsumgesellschaft, die Auswirkungen des Sozialkonstruktivismus, der nach einer Zeit der verunsichernden Inspiration kaum noch Potenzial lieferte, das über genervte Anspannung und vereinnahmendes Gedröhne hinaus ging, dann die Raumrevolutionen (Telekommunikation, Globalisierung, das Ende des Kalten Krieges, die Bedrohung durch weltweiten Terror) , das Internet und in seiner Folge das Konfliktpotenzial des Nexus zwischen Scheinbarkeit und Eigentlichkeit, zwischen Entkörperlichung und Langeweile, und schließlich tellurische Entgrenzungsvorgänge (z.B. Pläne zur Landung auf dem Mars, die Bilder des Hubble-Teleskops usw.) ; das alles bildet Blasen oder diskursive Sphären, in dessen Schnittpunkt aus der Polyvalenz und Post-Normalität dieser Gegenwartsdiagnosen heraus, der Flaneur entsteigt. Es ist ein neuer, ein durch diesen Schaum dem zeitgenössischen Weltbad entstiegener Typus des Flaneurs, nicht einfach ein Wiedergänger oder ein nostalgisches Retro-Phänomen. Im Folgenden müsste durch eine medienthoretische Erörterung gezeigt werden, dass der wiedergekehrte Flaneur sich vordem seines Rezipientenstatus bewusst geworden ist, sich den allgegenwärtigen Wirkungen medialisierter Phänomene wohl einfach hingibt, aber nicht so bruchlos, dass er diese nicht instrumentalisieren könne. Dadurch erhält er eine Verantwortung über sich zurück, die ihn bewusst macht für sein alltägliches Geographie-Machen und das der anderen. Er ist noch Teil des Ganzen, aber dennoch vom Ganzen isoliert.

Aus diesem Amalgan vielfältiger Voraussetzungen und Bedingungen für die Wiederkehr des Flaneurs kommt auf einer gleichsam mikroskopischen Ebene – es handelt sich in der Tat nur um eine kleine habituelle Verschiebung in der städtischen Umwelt, die gewissermaßen eine physiologische Veränderung bewirkt, ein somatisch funktionierendes, stoffliches Prinzip hinzu, welches Auswirkungen hat, die weit über körperliche Wirkungen hinausgehen und letztlich die neue Leiblichkeit des wiedergekehrten Flaneurs und seiner unmittelbaren Vorgängerfiguren bewirkt.
Es ist der Coffee-to-go, der Kaffee zum Mitnehmen
. Seit einigen Jahren ist es in Deutschland möglich, an vielen Orten (Kaffeebars, Bäckereien, Tankstellen, ja auch im klassischen Kiosk) einen Coffee-to-go zu bekommen, einen zum Teil ausgezeichneten, starken Kaffee in Pappbechern mit einem Plastikdeckel. Er schmeckt und wirkt häufig so gut, dass man es bevorzugt, die Wohnung zu verlassen, sich auf einen Spaziergang zu begeben, dessen einziges Ziel es ist, einen Coffee-to-go zu sich zu nehmen. So entwickelte sich gewissermaßen als Vorstufe des metamodernen Flaneurs, der Typus des Umherschlendernden, der stimuliert durch den Coffee-to-go-Genuss sich plötzlich inspiriert fühlt und mit der Fotokamera seines Mobiltelefons die Street-Photography für sich entdeckt. Es ist bekannt, dass Susan Sontag in ihrem Essay On Photography (1977) die Fotokamera als das Werkzeug des Flaneurs bezeichnete. Aber die Verfügbarkeit von Fotoapparaten bedingt noch nicht die flaneursmäßige Nutzung dieses Apparates. Es ist die Wärme, die vom Coffee-to-go-Becher ausgeht, die sensorisch bis in kreative Zentren des Gehirns wirkt. Hinzu kommt die stimulierende Wirkung des Koffeins, die den nötigen Bewegungsdrang besorgt. Bei manchen Flaneuren war es auch die Entdeckung eines Raumes außerhalb der Gaststätten, der im Zuge der Ausbreitung des Rauchverbots an öffentlichen Orten, den eigentlich öffentlichen Ort, die Straße, wieder einer kreativen Erschließung öffnete. Dem Kännchen Kaffee wurde vielfach abgeschworen und stattdessen wurden die Vorzüge eines Spaziergangs und der Coffee-to-go-Konsum miteinander gepaart.

Bei einigen sehr aktiven Flaneuren kommt es durchaus vor, dass an manchen Tagen, während der Spaziergänge, außer des Zwiegesprächs mit sich selbst, keinerlei Kommunikation stattfindet – außer: „Ich hätte gerne einen Kaffee – zum Mitnehmen, bitte.“ Ausgehend von der kulturtheoretischen Setzung, dass die Welt als Text fassbar ist, erscheint diese monadisch erscheinende Sentenz als der endgültige Beweis, dass es die Lust auf einen Coffee-to-go ist, die den Spaziergänger, den Ausflügler zu Umwegen, Abwegen und letztlich auch zu Irrwegen veranlasst. Die Gewohnheit zum Coffee-to-go liefert die grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung des wiedergekehrten Flaneurs; alle Erscheinungen und Phänomene, die wir so ausführlich analysieren wollten, seien sie noch so unübersichtlich, werden mit dem wärmenden Becher in der Hand neu entdeckt – das ist der Treibstoff für die Wiederkehr der Flaneure und Flaneusen.

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Eine Antwort to “„Ein Kaffee zum Mitnehmen, bitte.“ Ursache(n) für die Wiederkehr des Flaneurs”

Trackbacks/Pingbacks

  1. GrünGürtel Frankfurt/Main und der Verlust des promenadologischen Kontextes « SpaceFlaneur - September 26, 2008

    […] Im Rahmen des internationale Kongresses der Spaziergangsissenschaft (”Gut zu Fuss.” – Informationen bei http://www.spaziergangswissenschaft.de) am 12. und 13.09.2008 hat Klaus Hoppe einen Vortrag gehalten (”Spazierengehen im Frankfurter GrünGürtel“). Der Spaziergangswissenschaftler Bertram Weisshaar (auch ein Schüler Burckhardts) hat im Rahmen dieses Kongresses einen Spaziergang durch den GrünGürtel durchgeführt. Dieser war als Weltreise (nach Nordkorea, Nord-Amerika) angekündigt. In jedem Fall ist es eine tolle Route gewesen: durch den Grüneburg-Park, das Verkehrserziehungszentrum, den Botanischen Garten, über die Miquelallee (”Deutschlands schönster Verkehrsknoten“) zum Fernsehturm, dann durch Kleingärten ins Buga-Gelände). Unterwegs gab es einen Coffee to Go (siehe Foto). (An dieser Stelle darf ich auf meinen Kaffee zum Mitnehmen-Essay aufmerksam machen → hier). […]

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