Orte und Nicht-Orte. Es ist nicht immer bedauerlich, dass man während einer Zugfahrt nicht schreiben kann.

16 Feb

Im ICE kann ich gut lesen, auch habe ich dort Zeit – wenn ich es darauf anlege, ununterbrochen vom Abfahrts- bis zum Ankunftsbahnhof. Allerdings kann ich in diesem so scheinbar ruhigen, komfortablen und modernen Zug nicht gut schreiben, selbst Randnotizen sind mühsam. Dieses Problem des Schreibens während Bahnfahrten ist so alt wie die Eisenbahn selbst. Es gibt Aufzeichnungen des Schriftstellers Gottfried Wilhelm Becker über eine Fahrt mit der Ludwigsbahn im Jahre 1836. Sie war die erste deutsche Eisenbahnlinie; sie verkehrte zwischen Nürnberg und Fürth. Gleichwohl angetan, monierte Becker die Erschütterungen, die der Hand die Stetigkeit nahmen, die das Schreiben erfordert. Ich möchte mich nun nicht beschweren oder lamentieren über die Ambivalenz technischen Fortschritts – in einem Auto kann ich außer Karten nicht einmal lesen.

Immun gegen eine bisweilen auftretende einschläfernde Wirkung des Lesens während einer Zugfahrt bin auch ich nicht. An einem frühen Montag Morgen, während der Fahrt vom Frankfurter Flughafen mit dem ICE nach Würzburg, nahm ich in einem nicht mehr ganz wachen Zustand das Magazin der Deutschen Bahn zur Hand. Ich konnte mich nicht mehr gegen meine herabsinkenden Augenlider wehren. Meine Augen verhielten sich gegenüber den Zeilen meiner eigentlichen Lektüre, wie die Hände am Steuer eines massiv alkoholisierten Autofahrers, dessen Gesichtssinne bereits nicht mehr funktionieren. Es ist nicht wichtig, was ich gelesen habe, aber die Frage ist erlaubt, warum ich denn überhaupt dieses Magazin, mobil 02/08, aufgeschlagen habe. Es ist diese Hoffnung auf ein Bild, eine Werbeanzeige, eine Geschichte oder einen Beitrag, was auch immer, was mich aus meiner Müdigkeit noch einmal aufrütteln könnte, mich vielleicht dazu verleiten könnte, dem Heft eine oder mehrere Seiten zu entreißen, um später Notizen darüber Notizen zu machen – in einem Zug ist das, wie bereits erwähnt, seit jeher nur schwer möglich. Auf Seite 82 ist ein Interview des Krimiautors Jan Seghers, das mich beim raschen Umblättern der Seiten nur deshalb innehalten lässt, weil ich sogleich lerne, dass seine Krimis in Frankfurt am Main spielen. Eine Stelle ist es schließlich, welche die Nervenleitungen zu den Augenlidern und der Augenmuskulatur wieder anknipsen kann, wenige Sätze, die in der Lage sind, eine nicht wahrnehmbare hormonelle Aktivität hervorzurufen, wodurch ich wieder in einen wacheren Zustand gerate. Es sind Ausführungen über die Bedeutung von Orten, also real existierender Plätze, die für die Entstehung Seghers‘ Krimis enorm wichtig sind. Fast fühle ich mich persönlich angesprochen, als dieser erklärt, dass er genau wisse, was er in einer Szene schildern will, er sie aber trotzdem nicht schreiben könne, weil er den Ort noch nicht kennt, an dem sie spielen muss. Dann setzt er sich auf sein Fahrrad, und macht sich auf die Suche nach diesem Ort für diese eine Szene. Mir kommt es vor als verrate Seghers ein Betriebsgeheimnis. Er sei ständig mit dem Fahrrad unterwegs, um einen richtigen Ort zu finden. Wenn er den Ort gefunden hat, dann gehe alles wie von selbst.

Es ist eine Freude im Wagen des ICE – diesem Nicht-Ort, an dem die Fahrgäste sich nicht miteinander unterhalten, sondern schlafen, lesen, oder in ihre Laptops versunken sind, darauf bedacht, die für die Distanzüberwindung erforderliche Zeit zu überbrücken -, Seghers Bekenntnis zu Orten zu lesen. Gerade weil der schnelle ICE auch eine Ortlosigkeit der Umgebung bewirkt, außer in den kurzen Momenten des Stillstands in einem Bahnhof und während dieser Abschnitte, die fast magisch eine Verortung erlangen, wenn das Zugpersonal ankündigt, dass wir in Kürze eine bestimmte Stadt erreichen, daraufhin eine Entschleunigung eintritt, welche die Landschaft außerhalb des erst Zuges erst wieder wahrnehmbar macht. Wegen der Ortlosigkeit irgendeines Streckenabschnitts einer ICE-Trasse in einem Zwischenland, das durch das Fenster betrachtet weit davon entfernt ist erfahrbar zu sein, sind die Ausführungen von Seghers in diesem Moment für mich so bedeutsam.

Sehr geehrter Herr Seghers,

falls Sie jemals diese Zeilen lesen sollten…. Ich würde Sie sehr gerne einmal begleiten auf der Suche nach Orten, die Sie noch nicht kennen und von denen Sie nicht wissen, wo Sie sich befinden. Ich würde es zweifellos genießen, ziellos durch Frankfurt und seine Umgebung zu radeln, mit dem Ziel, Orte zu finden und Geographien zu machen, die sich in ihren Geschichten, die ich gleichwohl nicht kenne, wiederfinden. Sie dürften mich ausfragen, über Ort und Räume, wie sie von Geographen gedacht werden.

Wenn Sie wollen, schreiben Sie mir einfach eine E-Mail; ich würde mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Eine Antwort to “Orte und Nicht-Orte. Es ist nicht immer bedauerlich, dass man während einer Zugfahrt nicht schreiben kann.”

  1. mawerner Februar 16, 2008 um 12:20 pm #

    Informationen über Jan Seghers unter http://www.janseghers.de/site/index.php – sein Internet-Tagebuch „Geisterbahn“

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