Wertheim Village, Outlet Shopping auf dem Almosenberg – ein Selbstversuch

21 Sep

Empirische Studien in einer sich verändernden WeltStudienobjekt:Wertheim Village
Angewandte Methode:Teilnehmende Beobachtung
Untersuchungszeitraum:1. August 2007,11.15 –14.35
Rahmenbedingungen: Ein Sommertag

Auf der A3 zwischen Frankfurt und Würzburg, am Rande des Spessarts, leitet uns die Ausfahrt „Gewerbegebiet auf dem Almosenberg, Wertheim Village“ direkt zu unserem Studienobjekt. Nein, wir müssen erst am MacDonalds vorbei. Aha, denke ich, hier treffen sich also reiche Geizhälse, weniger Betuchte sowie Familien mit ungeduldig-hungrigen Kindern nach erfolgreicher Kaufjagd, um ihre noch übrigen Ressourcen zu erschöpfen. Die gefangene wertvolle Beute, die Schnäppchen sicher in den vierrädrigen Zwischenlagern verwahrt, das auf die nach allen Anstrengungen des Konsums ausgezehrten Besitzern warten. Vielleicht wird aber auch das neue Statussymbol direkt am Körper des erfolgreichen Jägers oder seines Gefolges auf seine Wirkung hin erprobt. Nicht selten wurden zuvor Vorbreitungen getroffen, um die für die Investition(en) kostbare Zeit gewinnbringend zu nutzen, diesbezüglich mit dem Ziel, möglichst dicke Früchtchen zu einem, den Aufwendungen gegenüberstehendem optimalen Preis-Leistungsverhältnisses zu ernten.
Doch halt, wir wollten ja keinen Burger kaufen, sondern eine Reisetasche von der Marke mit dem Logo einer vor Kraft strotzenden Großkatze, welche gerade zum Sprung ansetzt, und die, wie mir scheint, derzeit als äußerst hipp gilt und damit eine, vor wenigen Jahren noch unerwartete Renaissance erfährt. Außerdem wollte ich schon immer mal aus reiner Neugierde Wertheim Village einen Besuch abstatten. Wir erklimmen also auf vier Rädern den Almosenberg. Und vor uns liegt auch schon die „Festung“ Wertheim Village, von einem großen Parkplatz umgeben.
Durch ein Tor in der „Stadtmauer“, welches mich stark an die hübschen Gebäude erinnert, welche üblicherweise dazu dienen, einer Märklin-Eisenbahn die ihr adäquate Landschaft zu verleihen, betreten wir die „Stadt“. So müssen sich im Mittelalter Bauern vom Lande gefühlt haben, wenn sie die Tore zur Stadt durchschritten hatten, in der Absicht auf dem Land nicht zum Erwerb dargebotene Utensilien zu erstehen, oder auch bloß, um zu staunen ob der vielen Neuigkeiten und des für sie ungewohnt-großen Angebots, mit welchem die Stadt schon immer eine magische Anziehungskraft auf ihr Umland ausübt. Stadt ist Markt.Die eine friedliche, helle Atmosphäre ausstrahlenden Gassen laden ein zum Flanieren, Staunen und Verweilen. Eine freundliche Agglomeration von Verkaufsstätten der auf Gewinnmaximierung orientierten Unternehmen des globalisierten Kapitalismus 2.0 animiert den mehr, sowie den weniger systemkonformen Bürger zum Konsum von Gebrauchsgegenständen und Statussymbolen.
Das Warenangebot ist zugeschnitten auf die Nachfrage des sich seiner Wünsche und Bedürfnisse mehr oder weniger bewussten Verbrauchers. Liegestühle im Schatten überdimensionierter Blumenkübel, aus welchen mediterrane Gewächse ragen, laden zwischen den einzelnen Jagdgründen zum Relaxen ein. Gerne möchte man hier in halb liegender Position einen, mit einer Ananasscheibe garnierten Cocktail von einer exotischen Schönheit oder einem hübschen Dunkelhäutigen in schneeweißer Bluse serviert bekommen. Freundlich eingerichtete Stores mit zumeist jungen, seriös wirkenden Verkäufern und Verkäuferinnen, die einen für die angebotene Ware repräsentativen Lebensstil zu haben scheinen. Der Kunde als König, die Jagdgesellschaft unter sich. Eine familiäre Atmosphäre ausstrahlende Cafes und Bistros. Eis zur Belohnung für wartende Kinder und Ehegatten. Eine ideale City, das Einkaufsparadies.

wertheim.jpg

Doch halt, irgendetwas fehlt. Was? – Oder fehlt gar nichts? – Das in den City-Fußgängerzonen „traditioneller“ Städte aufkommende (den Verkauf fördernde, gewollte) Einkaufsgefühl tritt nicht auf …
Keine Apotheke, Rechtsanwälte und Steuerberater. Keine Fahrräder, Busse und Straßenbahnen. Keine Hunde, Punker, Bettler und sonstiges „zwielichtiges“ Volk. Kein Discounter. Die Menschen, welche in den Gassen dieser idealen City flanieren, scheinen weder arm zu sein, noch unter Gebrechen sonstiger Art zu leiden. Es scheinen nicht diejenigen zu sein, die ihre Lebenstage Bier trinkend vor dem Fernseher verbringen. Spätestens an diesem Punkt wird einem bewusst: abends werden hier die Bürgersteine hochgeklappt, die Gebäude – alles nur Fassade. Ich ahne, wie sich Statisten eines Filmes vor den eine Realität vorgaukelnden Kulissen fühlen. Also Realitätsferne, ein Einkaufs-Trip? – Nicht unbedingt.
Hier herrscht durchaus Realität. Diese manifestiert sich in erster Linie an dem Vorhandensein unterschiedlicher Gruppen mit voneinander verschiedenem Verhalten bezüglich ihres Lebensstils, ihren ökonomischen Zielen und ihrer Funktion an diesem Ort: Verkäufer, Konsumenten mit unterschiedlichem Budget, (Einkaufs-)Touristen, Schaulustige, Bauarbeiter und Putzkräfte. Das Konsumverhalten und das, was es möglich macht, steht fest auf dem Boden der Realität.

Dem aufmerksam Beobachtenden stellt sich explizit an diesem Ort die Frage, inwieweit die freie Entscheidung des Kunden, als Sklave seiner Gier nach Schnäppchen, beeinflusst wird. Leider sind die angebotenen Imbisse zum Leid einiger Besucher nicht zu Outletpreisen, sondern zu wirklich mega-urbanen Preisen zu erwerben. Und schon sind wir wieder bei MacDonalds angekommen und genießen den Rückblick.

Bauarbeiten, mit dem Ziel der Vergrößerung des Angebots aufgrund der vermutlich durchaus ansehnlichen Besucher- und Umsatzzahlen zeugen von der Attraktivität solcher Einkaufstempel. Unersättliche werden beim Verlassen des Dorfes zum Besuch eines weiteren Outlet-Village animiert.

Optimale City oder Retortencity oder – dorf (vgl. Namensgebung „village“), Konsummeile?

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Eine Antwort to “Wertheim Village, Outlet Shopping auf dem Almosenberg – ein Selbstversuch”

  1. Outlet Februar 7, 2009 um 7:59 pm #

    hi & vielen lieben dank für den artikel. habe mehr als nur schmunzeln müssen. werde deine nicht ganz massentauglichen gedanken auf meiner site einfliessen lassen ^^

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