Reibungen wahrnehmen, statt einfach nur Distanzen überwinden

8 Mrz

Der These vom Verschwinden des Raumes liegt die Annahme zugrunde, dass sich die Grenzen auflösen. Zum Beispiel, weil uns durch das Internet die Geschehnisse, Ereignisse an jedem Ort der Erde prinzipiell verfügbar sind, weil wir, wenn wir wollen, in sehr kurzer Zeit zu jedem Ort der Welt reisen können. Man könnte diese Verfügbarmachung von Informationen und die Mobilitätszunahme durchaus als einen Fortschritt an Raumkompetenz bezeichnen, doch das ist ein Trugschluss. Zu einem solchen Schluss kann nur derjenige kommen, der moderne Geographie mit faktenorientierter Schulerdkunde verwechselt, derjenige, der Raum mit Stadt, Land, Fluss kurzschließt. Darüber hinaus übersieht er, dass die Möglichkeit so mobil zu sein keineswegs gleich verteilt ist, denn nicht jeder kann sich Reisen zu einem beliebigen Ort der Erde leisten. die Möglichkeit der unbegrenzten Mobilität ist ein Luxusgut. Und er übersieht, dass die Informationen, die uns das Internet bereitstellt, zu einem großen Teil sehr repetitiv sind, selektiert sein können, und dass es durchaus einiger Kenntnisse bedarf, die Informationen zu bekommen, die man auch benötigt (häufig ist dies nicht der Fall). Entscheidender aber ist: Solange ein Mensch, ein Lebewesen, ein Objekt, sich nicht genau an diesem Ort befinden kann, an dem sich schon ein anderer Mensch, ein Lebewesen oder ein Objekt befindet, haben wir es mit räumlichen Verhältnissen zu tun, gibt es Raum und es wird Geographie gemacht. Und solange, ein Mensch, ein Lebewesen, ein Objekt sich von einem anderen Mensch, einem Lebewesen oder einem Objekt unterscheidet, ist der Raum komplex und es gibt wahrnehmbare, spürbare Grenzen. Es gibt das Eigene und das Fremde, sowohl außerhalb als auch innerhalb. Und wir können uns sogar selbst fremd werden, dazu müssen wir nicht einmal unserem eigenen Klon begegnen.

Um der Geographie, um der Komplexität von Raum und Raumzeiten gerecht zu werden, ist es also notwendig Grenzen den Stellenwert einzuräumen, den sie für diese Komplexität haben. Die schnelle (auto-)mobilisierte Distanzüberwindung verwischt Grenzen, sie vermindert Reibung. Die unmittelbar wahrnehmbare Grenze während einer Autofahrt ist die der Karosserie, die Autofenster. Wir dürfen Raumaneignung nicht mit Raumüberwindung verwechseln. Den Raum überwinden zu können, indem man ihn durchfährt oder überfliegt, ist nicht die Raumkompetenz, von der hier die Rede ist. Der Global Player, der Vielflieger, der Weltreisende, der Urlauber ist noch kein richtiger Geograph. Raumkompetenz heißt die vielen Sorten von Grenzen wahrzunehmen, versuchen zu verstehen, warum und wie sie funktionieren (um sie respektieren zu können), und die Reibung zu spüren, wenn man versucht sie zu übertreten, sie übertritt bzw. übertreten darf. Dann strukturiert man den Raum, dann lernt man sich einen Raum verantwortungsvoll anzueignen, nicht explorativ, konsumfreudig oder disintegrativ ausnutzend, sondern verantwortungsvoll, respektvoll, integrativ. Dann ist auch Kritik möglich. Die Kritik des Ausbeuters will keiner hören (außer andere Ausbeuter), die Kritik des Konsumenten ist selten überraschend, sehr produkt- oder leistungsbezogen und nicht von besonderer Tragweite, und die Kritik desjenigen, der nicht integriert, ist ausgrenzend und marginalisierend.

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