Der sich bewegende Mensch

7 Mrz

Der Mensch, homo sapiens. Der Mensch ist das Lebewesen, das fähig ist, über sich selbst zu reflektieren. Dies kann er jedoch nur, weil er zu sich selbst eine exzentrische Positionalität einnimmt. Dieses Konzept der Positionalität stammt von dem Philosophen Helmuth Plessner. Durch die exzentrische Positionalität kann der Mensch sich reflexiv zu sich selbst und zu seiner Umwelt verhalten. Damit nimmt der Mensch gewissermaßen von einer höheren Warte aus wahr, wo, an welchem Ort er sich befindet. Der Mensch ist nicht wie die Tiere, die sich nach Plessner durch eine zentrische Positionalität auszeichnen, unmittelbar in seine Umwelt oder Umgebung eingebunden, sondern wegen seiner exzentrischen Positionalität immer auch mittelbar. Daraus ergibt sich eine Raumkompetenz, und die Fähigkeit bewusst durch den Raum zu wandeln, d.h. sich richtungsreflektierend im Raum zu bewegen. Der Mensch kann seine geographische Position überdenken und verändern. So hat der Mensch auch keine spezifische ökologische Nische, er ist topographisch oder standortsökologisch betrachtet ein bemerkenswerter Generalist bzw. Ubiquist oder Kosmopolit. Darin besteht aber auch eine gewisse Mangelhaftigkeit. Hier kommt nun ein weiterer Philosoph in’s Spiel, nämlich Arnold Gehlen, der den Menschen als Mängelwesen bezeichnet hat. Die Sinne und Instinkte des Menschen seien beim Menschen weitaus geringer entwickelt und ausgeprägt, und der Mensch benötige zur Kompensation artifizielle Konstruktionen um sich als Mängelwesen zu vervollständigen. In diesem Sinne, könnte man Raumkompetenz, die Fähigkeit zur Geographie durchaus als eine solche Hilfskonstruktion betrachten. Karl Schlögel („Im Raume lesen wir die Zeit“, Carl Hanser Verlag, 2003, S. 49) geht von einem verunsichernden Raum aus: „Wir sind in dieser Welt, die uns umgibt und die uns hält, ohne dass wir etwas dazu tun müßten; und wir sind in dieser Welt, die uns von allem Anfang an überfordert, denn sie ist mehr ‚auf einmal‘, als wir ‚auf einmal‘ wahrnehmen und verarbeiten können. Wir verlieren uns im Raum, der nach allen Seiten offen ist, und wir sind vom Raum gehalten, denn er umgibt uns. Er ist – auch ohne uns.“ Der Mensch ist an keinen bestimmten Standort vollkommen angepasst. Und wegen seiner Fähigkeit zur Selbstreflexion und damit auch zur Verneinung der ihn umgebenden Umwelt, kann der Mensch letztlich nicht oder zumindest nur wenig von seiner physischen Umwelt geprägt oder evolutionär geformt bzw. determiniert werden. Kultur ist das, was ihn entwickelt. Es ist, also ob der Mensch sich den Kräften der Selektion weitgehend entzogen hat. Gleichzeitig kann er aber den Standort seinen Bedürfnissen entsprechend verändern. Er gestaltet seine Umgebung. Der Mensch muss sich also Raum aneignen, er muss Landschaft(en) schaffen. Wenn man so will, sind ganz allgemein Landschaften die ökologischen Nischen des Menschen. Homo sapiens ist Homo geographicus. Karl Schlögel (ebd., S. 49): „Und er [der Raum] wird unserer in dem Maße, wie wir uns darin umtun und ihn uns aneignen, indem wir nicht nur Grenzen vorfinden, sondern auch Grenzen ziehen, indem wir nicht nur uns an Orten orientieren, sondern neue Orte schaffen und die Welt zu unserem Raum machen, sie uns aneignen, sie ‚verräumlichen‘. Wenn wir uns im Raum nicht verlieren wollen, müssen wir ihn uns aneignen, ihn markieren.“

Ein Raum, in dem wir Orte schaffen können, den wir uns aneignen können, einen Raum, den wir erst konstituieren, indem wir „verräumlichen“, ein solcher Raum kann nicht einfach nur ein mit Phänomenen vollgestopfter Container sein, er kann auch nicht einschichtig sein, sondern er ist komplex und vielschichtig. Es ist nicht mal nur ein Raum, sondern wir haben es an jedem Ort mit vielen Räumen zu tun. Raum ist plural, eine Vielheit. Diese Pluralisierung der Räume wirkt wiederum verwirrend und steigert noch mal dessen Offenheit, dessen Potenz, uns zu überfordern und zu verunsichern.

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