(Egal) Wohin (?)

6 Mrz

Der Flaneur spaziert im Raum. So könnte man meinen. Aber der Flaneur spaziert vielmehr durch ein Terrain und versucht den Raum zu erfahren, zu verstehen. Selbstverständlich sind Terrain und dieser konkrete Raum, der durchschritten wird, sehr eng miteinander verbunden, aber es steckt mehr Komplexität dahinter als es die Materialität des Terrains allein vermuten lässt. Raum ist komplex und voller Zeichen, die gelesen werden können. Raum ist in der Regel strukturiert, aber trotzdem offen. Sogar auf den ersten Blick unüberwindbar erscheinende Grenzen können irgendwie überschritten werden. Laut Schlögel („Im Raume lesen wir die Zeit“, Carl Hanser Verlag, 2003, S. 48) gibt es im Raum „keinen Anhaltspunkt, an den wir uns halten müssten. Er ist offen nach allen Seiten, und es hängt ganz an uns, in welche Richtung wir gehen. Auf einen einzigen Blick nehmen wir wahr, was uns umgibt: alles, was gleichzeitig und nebeneinander um uns herum ist. alles was nebeneinander ist, erscheint auf einmal, zu gleicher Zeit, gleichzeitig. Wer mit Orten zu tun hat und über Orte schreibt, sieht immer mehrere Dinge gleichzeitig“. Dies gilt gerade auch, wenn man Zeugnisse oder Zeugen aus vergangener Zeit vor sich hat. Ein bestimmter Ort hat Verbindungen, Verbindungen durch die Zeit, sowohl in die Vergangenheit, als auch in mögliche Zukünfte. Und er hat Verbindungen zu anderen Orten, sowohl zu unmittelbar benachbarten, als auch zu sehr weit entfernten. Orte sind sowohl Bestandteil einer Matrix, als auch eingebunden in ein Netzwerk. Um diese Charakteristika eines Ortes wahrzunehmen, kann alles an diesem Ort bedeutungsvoll sein: die Physiognomie, Geometrie, Form, Farbe, die Leute, Bewegungen, Gerüche, Distanzen, Dichte, Schnelligkeit, Langsamkeit, Erregung, Ruhe, Atmosphären. Die Berichte eines Flaneurs, seine gesammelten Artefakte oder Fotografien, können damit auch nicht nur nacheinander sortiert werden. Das Itinera ist mehr als eine einfache Wegbeschreibung, sondern auch eine Beschreibung des Nebeneinander und des Simultanen an einzelnen Orten. Aus diesem Grund soll von Itinera gesprochen werden, um eben nicht einfach nur die Route zu beschreiben. Die Matrix, in der der Flaneur, seine Ergebnisse, Beobachtungen, Artefakte sortiert, ist damit eine mindestens eine raumzeitliche.

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