Pazifistische Kriegsfilme/Anti-Kriegsfilme?

25 Feb

The Good Shepherd (Robert de Niro), Letters from Iwo Jima (Clint Eastwood) und The Good German (Steven Soderbergh) sind Filme, die eine „Irakisierung des amerikanischen Kinos“ kennzeichnen, analog zur Vietnamisierung. Das behauptet Georg Seesslen in der Zeit, Nr. 7 vom 08.02.2007. Die Problematik bzw. das Trauma des Vietnamkrieges hat gar ein eigenes Subgenre des Kriegsfilms hervorgebracht, den sog. Vietnamfilm.
Die erwähnten drei Filme spielen aber nicht im Irak.

The Good Shepherd handelt von der Gründung und Frühgeschichte des amerikanischen Gemeimdienstes CIA am Ende des Zweiten Weltkrieges. The Good German spielt im besetzten Berlin des Jahres 1945 und erzählt das Abenteuer des Journalisten Jake Geismer (George Clooney), der von der Friedenskonferenz von Potsdam berichten soll. Letters from Iwo Jima ist das ergänzende Gegenstück zu Flags of Our Fathers (Clint Eastwood), in dem man nun die Schlacht um die Insel Iwo Jima aus der Sicht der Japaner präsentiert bekommt. Die „Irakisierung“ ist demnach nicht auf einer genretheoretischen, sondern auf einer anderen Ebene zu suchen. Daniel Kothenschulte in der FR, Nr. 46 vom 23.02.2007 glaubt, dass bei Flags of our Fathers und Letters from Iwo Jima die Verbindung zum Irak-Krieg in Amerika deshalb gezogen und auch verstanden wird, weil dort „das Werben um Rekruten für den Irak-Feldzug den alten patriotischen Kampagnenapparat des Verteidigungsministeriums“ reaktiviert hat. Laut Seesslen kennzeichnet die „Irakisierung“ dieser Filme eine historische Dekonstruktion, einen „Prozess der ehrlichen Selbstbefragung“, ein Blick „hinter die Oberfläche der Mythen“ das „Durchdringen von Täuschungen, um dahinter Menschen und Verhältnisse sichtbar zu machen.“ Seesslen unterstellt diesen Filmen einen Perspektivwechsel: „Die eigene Geschichte, die man etwas genauer ansieht, schaut sehr fremd zurück.“ Diese Fremdheit, stellt viele bisherigen Selbstgewissheiten in Frage, legt Schutzargumente offen und fördert Verdrängtes oder Falsches zutage.
Laut Seesslen beschäftigen sich diese Filme nicht nur mit einem desaströsen Krieg, sondern auch mit dem „maschinellen Wesen“ des Krieges und der Geschichte. Und anstatt dieses Maschinelle zu bedienen, stellen sie dessen Produkte in Frage, die Bilder (sogar die der Filme selbst), die Nostalgie, die Heimatlichkeit (und wohl auch den Patriotismus – „Gebrochene Helden für einen gebrochenen Patriotismus“) und das Pathos. Kothenschulte sieht deshalb die beiden Filme von Clint Eastwood, v.a. Letters from Iwo Jima ganz in der Tradition eines pazifistischen Kinos, das gegenwärtig so deutlich eigentlich nicht mehr existiert. Er schließt Letters from Iwo Jima an den Film Im Westen nichts Neues  (Lewis Milestone, 1930) an und an andere pazifistische Filmklassiker der 1920er und 1930er Jahre. Und Seesslen stellt sogar die Frage, ob diese Filme „Beispiele eines neuen amerikanischen Kinos sind, das die Welt nicht mehr überwältigen will, sondern verstehen will.“
Ich stelle mir trotzdem die Frage, ob es so etwas wie einen pazifistischen Kriegsfilm überhaupt geben kann, ob das Genre des Anti-Kriegsfilms nicht auf einer Verkürzung der Kommunikation zwischen Filmemacher und Publikum beruht, wobei der Filmkritiker die Rezeption des Publikums dominieren will und dadurch marginalisiert. In einem Kriegsfilm töten viele Menschen andere Menschen und am Ende gewinnt eine Partei (die mit den Helden). Im sog. Anti-Kriegsfilm werden auch viele Menschen von anderen getötet, wobei man die anderen nicht unbedingt sehen muss, mitunter soll es auch keine Helden geben. Doch was einen Anti-Kriegsfilm letztlich zu einem solchen machen könnte, wenn es dieses Genre als Genre tatsächlich gebe, dann ist es doch eher nicht eine unterschiedliche Form der Präsentation von Kampfhandlungen, vielleicht auch nicht einmal die Anatomie der Helden oder der Verzicht auf eine solche Figur. Es ist wohl eher eine politische Botschaft, eine bestimmte Form der historischen Aufarbeitung und ein (evtl. notwendiges) Infragestellen. Laut Kothenschulte predigt Letters from Iwo Jima die Botschaft, „jeder politischen Führung zu misstrauen, die einen Krieg befiehlt“.
Beide Artikel sind für mich ein herausragendes Beispiel dafür, dass Tageszeitungen in ihrer gedruckten Form durchaus bestehen können im Wettbewerb gegen Internetangebote und das Fernsehen. Laut Matthias Nass in der Zeit, Nr. 7 vom 08.02.2207, S. 26 können Zeitungen nur gewinnen durch Gründlichkeit, Sachkenntnis, Tiefe und Intelligenz. Ich werde mir diese Filme anschauen, und zwar nicht, weil ich das sowieso schon wollte (das wollte ich eben nicht), auch nicht wegen diverser Nachrichten und Informationen darüber im Internet oder Fernsehen. sondern nur, ausschließlich wegen diesem einen Artikel in der Zeit. Dieser Artikel gab mir die notwendigen Informationen, er regte mich zum Nachdenken an, er setzte einen Prozess der Meinungsbildung in Gang, der wohl auch nach dem Anschauen der Filme noch nicht abgeschlossen sein wird. Nicht, dass mich diese Artikel überzeugt haben, aber sie haben mir eine Diskussion eröffnet, die ich weiter verfolgen will.

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