Jahrmarkt der Eitelkeiten

10 Feb

Die deutsche Ausgabe von Vanity Fair ist da. Die Vanity Fair (wie auch die Berlinale und die Freak-Schauen im Fernsehen) erinnern uns daran, dass die meisten von uns Verlierer sind. Wir sind auch nicht Weltmeister (nur Heiner Brand und seine Jungs sind Weltmeister). Laut Sibylle Berg (in der Zeit-Beilage zur Berlinale, 62. Nr 7., Februar 2007) möchten wir alle ein Star sein, denn der damit verbundene Ruhm verheißt ein besseres Leben. Ein Star sei reich und stehe an der Spitze der Evolution. Mit Vanity Fair haben wir nun einen weiteren Reiseführer in diese begehrte ökologische Nische.
Was ist der Schlüssel zum Erfolg? Das Leben als Designprojekt, so tun als sei jeder Tag, jede Aktivität beobachtet von einer Casting-Jury (mit Bohlen als kleiner Tyrann, der uns ständig vorantreibt, zum Äußersten führt bis zur Makellosigkeit)? Muss die persönliche Biographie ingenieurmäßig gestaltet werden, mit schlüssigen Teilmodulen (der sog. rote Faden) auf einer Road-Map zum Endziel (Ruhm, Erfolg, Reichtum, Erfüllung usw.)? Aber der Weg zum Erfolg sei steinig und anstrengend; es ist der Weg eines Kriegers. Es scheint, als sei eine verweltlichte Kopie des Yaqui-Weg des Wissens in die totale Vermarktung übergegangen. Castanedas Welt(en) war(en) wundersam, aber irgendwie parallel, hinter einer Schranke oder einer Nebelwand o.ä verborgen, und diese Barriere selbst war auch schon eher so was wie ein Geheimtipp. Die Welt ist folglich voller Wunder, und uns wird heute die Nebelwand, das Tor, der rote Teppich, eine mögliche Bekanntheit, ohne den Montagepunkt verschieben zu müssen, durch die Medien mit nicht geringer Penetranz vor Augen geführt. Der Mythos des Einlasses in eine bessere, reichere, zufriedenere Gesellschaft, die Welt des Glamour, der Stars. Ein mystischer, spiritueller Ort, die kollektive Sehnsuchtslandschaft, durch Medien auf diese eine Welt geholt, dennoch exkludiert, unerreichbare oder (je nach Willenskraft) potenziell erreichbare Lounge-, Luxushotel, Empfangs- und Balllandschaften; ständig vorgeführt, wiederholt, das ultimative Mem, der Garten Glamour.

Wir könnten das aber auch etwas differenzierter sehen (dabei helfen uns französische Philosophen, die sind wohl häufig eine große Hilfe), z.B. Michel Serres (in der FAZ, Nr. 35, S. 37 vom 10.02.2007). Unsere Gesellschaft sei durch und durch religiös. Mit Spitzentechnologie gewappnet reproduziert sie primitive, ursprüngliche Inhalte. Die Medien hätten den Monotheismus abgeschafft und würden zu einer polytheistischen, heidnischen Religion. Aber Grundlage dieser „sakrifiziellen Gewalt der primitiven Gesellschaft“ ist das Menschenopfer. Und wenn das Wesen der Fernseh-Show laut Serres die Tragödie ist, dann müsste auch Stardom ambivalent und in der Verkörperung des einzelnen potenziell bedroht oder zumindest verunsichernd sein. Das unterscheidet den Star nicht von anderen Menschen, also den Verlierern. Die Entsprechung des Stars in der primitiven Gesellschaft ist demnach nicht der Oberpriester (der Intendand oder Programmdirektor), sondern das stolze freiwillige, verehrte Menschenopfer der Azteken, der tapfere Gladiator. Woanders spielt diese Rolle gegenwärtig auch der Selbstmordattentäter. Auch der kleinste Star sollte wissen (und weiß es wohl auch), dass er als Humansimulakrum vielen von uns durch seine medial-reproduzierten Präsentationen auf den Sack geht, uns nervt und in uns den Wunsch wecken könnte, dieser Schreckensherrschaft ein Ende zu bereiten. Er scheint aber notwendig zu sein, und sei es nur als Botschafter einer Nebelwand, denn das ständige Verwursten und Hin- und Hergeschiebe derselben Personen und Stars bedeutet Beständigkeit, ist Ausdruck eines Konservativismus, eines Sicherheitsbedürfnisses, einer Sehnsucht nach einer sich nicht allzu dynamisch wandelnden Umwelt, die notwendig ist, um unsere Biographien gemäß des zeitgenössisch-angesagten Roten Fadens stricken zu können, und auch, um uns die Innovationen und neuen Produkte schmackhaft machen zu können. In einer allzu ausgeprägt dynamischen Welt des Wandels, wären die Produktlebenszyklen unberechenbarer. Man könnte nun fragen, ober der Star für diese zweifellos wichtige Funktion nicht trotzdem überbezahlt ist – immerhin fungiert er ja als Menschenopfer.
Nehmen wir nun Coppolas Filmklassiker Apocalypse Now und Castanedas Don Juan als Deleuze’sche Freunde: Curtz (der Star in seiner eigentümlichen Gesellschaft, die er letztlich mediokratisch kontrolliert) ist nicht, auch wenn es so scheint, auf dem Weg des Wissens, er ist doch nicht der makellose Krieger, er ist seinem Vorbild voller Klarheit und Eigendünkel erlegen. Captain Willard ist auf dem Weg und er lässt sich von Curtz, dem nunmehr anorganischen Verbündeten in einen Ringkampf verwickeln, den er besteht. Der Verbündete, Curtz, wird bezwungen, und Willard ist ganz unheldenhaft, ganz Anti-Held wieder ein Schritt weitergekommen. Curtz‘ Gesellschaft, wenn man sie denn als solche bezeichnen kann, bleibt sich selbst überlassen oder wird ausradiert – die Faust des Wandels schlägt unbarmherzig zu, wenn die Stars auf einen Schlag von der Bildfläche verschwinden oder ausgetauscht werden.
Wir brauchen also den Star, aber nicht als Identifikationsfigur oder als Repräsentant einer dem Alltag gegenweltlich positionierten Glamourwelt, die als Zielort fungiert. Diese Glamourwelt repräsentieren sie sowieso, das ist die Vorbedingung für ihre gesellschaftliche Funktion. Wir könnten aber Stars (nicht unbedingt die ständig und penetrant angebotenen) als Verbündete gebrauchen, als anthropologisch wirksame Fetische, die wir nutzen, benutzen, ausnutzen und ausmustern, zu welchem Ziel auch immer. Den Star als Verbündeten müssen wir niederringen, wie Willard den Curtz, um das Grauen zu vermieden – das Grauen, den Eigendünkel, die totale Langeweile, die endlose Wiederholung, die Monotonie. Wir könnten diese Verbündeten sammeln, um uns in den von den Nebelwänden aufgebauten Labyrinth zurechtzufinden, uns nicht zu verstricken im Jahrmarkt der Eitelkeiten. In diesem Sinne wären viele von uns keine Verlierer, sondern auch Stars, Anti-Helden, freilich vergleichsweise unterbezahlt und weniger bekannt.
Cineastisch ausgedrückt geht es um die, demnach keineswegs unwesentliche, ja geradezu existentielle Frage, ob man lieber Abenteuerfilme oder Road-Movies mag.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: