Mein erstes Handy

4 Feb

In der Zeit Nr. 6 vom 01.02.2007, S. 64 erinnern sich sieben Mitarbeiter der Lebens-Redaktion an ihr erstes Handy. Nicht besonders aktuell und vielleicht erst in 10 bis 20 Jahren so wirklich kurios. Dennoch möchte ich auch über mein erstes Handy berichten. Das macht Spaß, das ist leicht verständlich, denn jede(r) hatte ja inzwischen ein erstes Handy. Mein erstes Handy hatte in etwa die Form von zwei aufeinander gestapelten Zigarettenschachteln, wahrscheinlich etwas kürzer. Es war schwarz und, wenn ich telefonieren wollte, musste ich eine Antenne ausziehen. Aus geschäftlichen Gründen habe ich damals ein Handy gebraucht. Ich habe es von meinem damaligen Geschäftspartner übernommen, der sich das Nachfolgemodell mit so einer kurzen, kegelförmigen Antenne zugelegt hatte. Ich muss wohl eigentlich nicht erwähnen, dass das Display nicht farbig war und dass ich auch nicht fotografieren konnte usw.
Am bemerkenswertesten war allerdings die Energieversorgung; zum Akku hatte ich letztlich die intensivste Beziehung. Der Akku hielt etwa acht Stunden bei keiner Minute Gesprächszeit. Das bedeutete, dass ich bei einem Arbeitstag von ca. 12 bis 14 Stunden das Ladegerät immer mit mir führen musste. Zudem entleerte sich der Akku schnell, will sagen rasant, wenn ich Gespräche führte. So entstand die doch etwas paradoxe Situation, dass geschäftliche Anrufe an Tagen, an denen ich unterwegs war, die Wahrscheinlichkeit drastisch verringerten, weitere geschäftliche Gespräche führen zu können. Dieses Problem als solches erkannt, ging ich ein Fachgeschäft, um mich informieren zu lassen und das Akkuproblem in den Griff zu bekommen. Dort erklärte mir der technologisch versiert erscheinende Verkäufer, dass sich die grundlegende Akkukapazität mit der Zeit dadurch verringert, wenn er vor dem nächsten Aufladen nicht vollständig entladen wird. Ich kaufte eine Akkuaufladestation, die den Akku vor dem Aufladen automatisch vollständig entladen konnte. Außerdem kaufte ich einen dickeren Akku, der tatsächlich so dick war, dass das Handy in der unteren Hälfte nun eine Dicke von zwei Zigarettenschachteln hatte.
Das Handy war so keineswegs besonders leicht; es war jedenfalls so schwer, dass man nach einiger Zeit anhand der Form meiner Jacken sehen konnte, in welcher Tasche ich das Handy aufzubewahren pflegte. Den Aufbewahrungsort wechselte ich mit der Zeit, und zwar wegen somatischer Interferenzen. Ich nenne das mal so. Zuerst hatte ich das Handy in der inneren Brusttasche, bis ich das Gefühl hatte, ich bekomme gegen Abend regelmäßig Herzrhythmusstörungen. Ich wechselte das Handy in eine tiefer liegende Innentasche, bis sich ein unregelmäßig auftretendes Gefühl einstellte, als sei die Leber so angeschwollen, dass sie spürbar an die Bauchdecke drückt. Schließlich probierte ich es mit den Außentaschen. Das ging eine Zeitlang recht gut, bis ich glaubte, ich verspüre leichte Schmerzen in den Hüftknochen.
Die Akku-Ent- und Aufladestation hat sich nach einiger Zeit auch erledigt. Überhaupt war dieses Gerät nur einigermaßen zufriedenstellend (also weder recht gut, ganz gut noch richtig brauchbar). Eines Tages fing darin etwas an zu schmoren und das Gerät begann zu brennen. Diesen kleinen Brand konnte ich leicht löschen, und um das Gerät tat es mir nicht leid.
Auch bei dem dicken Akku bestand das grundlegende Problem weiterhin, dass das Führen von Gesprächen unglaublich viel Energie fressen konnte (erkennbar an der Abnahme der Zahl von Balken, die im Display angezeigt wurden). Habe ich schon erwähnt, dass die Displayanzeige nicht farbig war?
Auch das Problem des vollständigen Entladens konnte ich nicht lösen, weil es ja nicht möglich war, bei nur einem Balken noch ein einigermaßen normal dauerndes Geschäftsgespräch zu führen, so dass ich das Handy, also bevor der Akku vollständig entladen war, wieder an ein das kleine, mobile Ladegerät (ohne Entladefunktion) hängen musste. Die Ent- und Aufladestation war zum Mitnehmen ein kleines bißchen zu groß (inzwischen ist sie ja auch verbrannt). Habe ich schon erwähnt, dass ich das Handy überhaupt gar nicht mitzunehmen brauchte, wenn ich nicht auch ein Ladegerät dabei hatte?
Nun zum Empfang: Eigentlich war in dieser Hinsicht alles zufriedenstellend. Leider hatte das Handy in unserer Wohnung in Frankfurt nur mangelhaften Empfang, so dass es dort nur auf einer Fensterbank mit ausgezogener Antenne lagern konnte. Dort in der Nähe stand auch die Stereoanlage, und zusammen produzierten diese zeitweilig seltsame klopfähnliche Geräusche – ein weiterer Fall von Interferenz. Dasselbe akustische Phänomen ereignete sich auch im Zusammenspiel mit dem Autoradio. Den Nutzen, prinzipiell ständig erreichbar zu sein, konnte ich durchaus erkennen – zu den Zeiten, wenn der Akku gut aufgeladen war. Meine damalige Freundin hatte aber auffallend häufig das Pech mich erreichen zu wollen, wenn der Akku gerade leer war, oder gerade noch für das Klingeln und den Verbindungsaufbau reichte, also gegen Abend oder am Abend. Ich möchte das gerne näher erklären, auch um mich zu entschuldigen. Hierzu muss ich näher auf die Technologie eingehen, was gleichzeitig meine innige Beziehung zum Akku offenbart. Die sog. Mittelzeit des mittleren Balkens entsprach wohl einer Akkukapazität von 60%. Ein durchschnittliches Gespräch (ca. 4 min) verminderte die Kapazität um weitere 20%. Nach weiteren 2 Stunden ohne Gespräch lag die Kapazität bei 30%, und damit im Bereich eines Balkens. Bei einer Akkukapazität von 25-10% reichte die Energie eben nur noch für den Klingelton und den Verbindungsaufbau (bei 25% vielleicht noch für 15 bis 30 Sekunden Gesprächszeit). Der Bereich > 10% konnte nur noch mit dem Beginn des Klingeltons anzeigen, dass mich jemand versuchte zu erreichen. Das Handy schaltete aber ab. Ich konnte natürlich versuchen diese Eigenheiten zu erklären, aber wer will so ein Scheiß schon hören. Irgendwann bekam ich sogar eine SMS, damals hieß das offenbar noch Kurznachricht. Meine Schwester pflegte bereits früh mit Kurznachrichten zu kommunizieren. Auf mich blieb das aber ohne nachhaltige Faszination oder Wirkung.
Nun ich wechselte den Job, hatte einen festen Schreibtisch; der E-Mail-Verkehr wurde alltäglich und ich brauchte das Handy nicht mehr. Jahre später verkaufte ich es, mit den drei dazugehörigen Akkus und zwei Aufladegeräten und ganz ohne sentimentale Gefühle auf einem Flohmarkt für einige Euro.
Über mein erstes Auto ließe sich mehr berichten, viel mehr, das habe ich sogar nicht ohne sentimentale Gefühle nach vielen Jahren verschrotten müssen. Das erste Auto taugt nicht für eine kleine Abwechslung in einer Wochenzeitung, das erste Auto ist Stoff für Abenteuerromane, Road-Movies etc. Das erste Handy dagegen????

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