Archiv | Februar, 2007

„Im Raume lesen wir die Zeit“

27 Feb

Karl Schlögel, der in seinem Buch „Im Raume lesen wir die Zeit“ (erschienen im Carl Hanser Verlag, 2003) (hier ein Link zu Rezensionen) die „Einheit von Ort, Zeit und Handlung“ ernst nehmen will, behauptet, dass zu diesem Zweck „nicht so sehr das Lesen von Texten, sondern das Hinausgehen in die Welt und die Bewegung in der Welt die primäre und paradigmatische Form der Erkundung und Erschließung sind“ (S. 10). Dafür sei eine bestimmte Form der „Augenarbeit“ notwendig. Laut Schlögel (S. 13) leiden wir nicht an einem Mangel an Bildern, sondern eher an einer Flut der Bilder. Dagegen müsse sich das Auge rüsten, sich in Stellung bringen, um noch unterscheiden und lesen zu können. Die Sinne müssten demnach geschärft werden um die Welt des Wandels wahrnehmen zu können. Städte und Landschaften sind das Übungsfeld und zugleich die Dokumente, die wahrgenommen und interpretiert werden sollen.

Schlögel bittet uns um mehr Aufmerksamkeit, damit wir die Erfahrung machen, „dass eine räumlich gesehene Welt reicher, komplexer, mehrdimensionaler ist“ (S. 15). Die Methodologie könnte man als „topographische Hermeneutik“ bezeichnen (S. 39).

Der Titel „Im Raume lesen wir die Zeit“ ist übrigens ein Zitat des bekannten Geographen Friedrich Ratzel (1844-1904).

Pazifistische Kriegsfilme/Anti-Kriegsfilme?

25 Feb

The Good Shepherd (Robert de Niro), Letters from Iwo Jima (Clint Eastwood) und The Good German (Steven Soderbergh) sind Filme, die eine „Irakisierung des amerikanischen Kinos“ kennzeichnen, analog zur Vietnamisierung. Das behauptet Georg Seesslen in der Zeit, Nr. 7 vom 08.02.2007. Die Problematik bzw. das Trauma des Vietnamkrieges hat gar ein eigenes Subgenre des Kriegsfilms hervorgebracht, den sog. Vietnamfilm.
Die erwähnten drei Filme spielen aber nicht im Irak. Weiterlesen

Babel

23 Feb

Globalisierung umfasst (auch) die Verdichtung eines sozialen Netzwerkes. Vielleicht stehen soziale Interaktionen und Verhandlungen sogar am Anfang des Prozesses, den wir Globalisierung nennen. Dies führt uns der Film Babel (von Alejandro González Iñárritu, mit Brad Pitt und Cate Blanchett) vor Augen. Dieser Beitrag richtet sich an diejenigen, die den Film bereits gesehen haben, oder an diejenigen, die keine kurze Beschreibung der Handlung brauchen, um einen bestimmten Film anschauen zu wollen. Inhaltsbeschreibungen gibt’s bei Filmstarts.de, bei Wikipedia sowie auf der Homepage des Films selbst.
Ein weltweiter Tourismus, reibungslose Telekommunikationssysteme sind bekanntermaßen Voraussetzungen der Globalisierung, und dadurch funktioniert auch dieser Film, der nebeneinander laufende Geschichten miteinander verknüpft. Aber auch starre Grenzen (z.B. die zwischen den USA und Mexiko) sind bedeutungsvoll, denn ohne solche Demarkationslinien wäre Globalisierung in seiner oftmals widersprüchlichen, ambivalenten, ja fragmentierenden Form, nicht denkbar. Ohne Grenzen und Differenzen wäre Globalisierung phänomenal oder auch systemtheoretisch nicht abgrenzbar von einem Prozess der Weltevolution, der sich durch weltweite Entropiesteigerung auszeichnen würde. Die Unterschiedlichkeit, Kontraste, und sei es nur die Zeitverschiebung zwischen den Kontinenten sind der Treibstoff für diesen Prozess, für die Verdichtung und Dynamisierung der Netzwerke, die versuchen Grenzen zu überwinden, das Raum-Zeit-Kontinuum zu verkürzen. Globalisierung ist so vital, weil sie eben nicht mit einer Welt zu tun hat. Babel spielt aber nicht mit dem Topos von der Raum-Zeit-Kompression, die beteiligten Personen wissen letztlich zu wenig von deren jeweiligen Erlebnissen, obwohl diese kausal miteinander verbunden sind. Babel verwirft diesen Topos, und ersetzt ihn durch räumliche Hypertrophierung, die Vervielfältigung einzelner Räume und gleichzeitig deren Erweiterung, Hybridisierung und vertikale und parallele Überlagerung. Weiterlesen

Rocky Balboa – im Kampf gegen die Postmoderne?

23 Feb

Man hört und liest gelegentlich, Rocky Balboa (mit dem sechzigjährigen Sylvester Stallone als Rocky, also nicht als Rocky Jr‘s. Trainer) sei ein richtig guter Film. Weiterlesen

Jahrmarkt der Eitelkeiten

10 Feb

Die deutsche Ausgabe von Vanity Fair ist da. Die Vanity Fair (wie auch die Berlinale und die Freak-Schauen im Fernsehen) erinnern uns daran, dass die meisten von uns Verlierer sind. Wir sind auch nicht Weltmeister (nur Heiner Brand und seine Jungs sind Weltmeister). Laut Sibylle Berg (in der Zeit-Beilage zur Berlinale, 62. Nr 7., Februar 2007) möchten wir alle ein Star sein, denn der damit verbundene Ruhm verheißt ein besseres Leben. Ein Star sei reich und stehe an der Spitze der Evolution. Mit Vanity Fair haben wir nun einen weiteren Reiseführer in diese begehrte ökologische Nische.
Was ist der Schlüssel zum Erfolg? Das Leben als Designprojekt, so tun als sei jeder Tag, jede Aktivität beobachtet von einer Casting-Jury (mit Bohlen als kleiner Tyrann, der uns ständig vorantreibt, zum Äußersten führt bis zur Makellosigkeit)? Muss die persönliche Biographie ingenieurmäßig gestaltet werden, mit schlüssigen Teilmodulen (der sog. rote Faden) auf einer Road-Map zum Endziel (Ruhm, Erfolg, Reichtum, Erfüllung usw.)? Aber der Weg zum Erfolg sei steinig und anstrengend; es ist der Weg eines Kriegers. Es scheint, als sei eine verweltlichte Kopie des Yaqui-Weg des Wissens in die totale Vermarktung übergegangen. Castanedas Welt(en) war(en) wundersam, aber irgendwie parallel, hinter einer Schranke oder einer Nebelwand o.ä verborgen, und diese Barriere selbst war auch schon eher so was wie ein Geheimtipp. Die Welt ist folglich voller Wunder, und uns wird heute die Nebelwand, das Tor, der rote Teppich, eine mögliche Bekanntheit, ohne den Montagepunkt verschieben zu müssen, durch die Medien mit nicht geringer Penetranz vor Augen geführt. Der Mythos des Einlasses in eine bessere, reichere, zufriedenere Gesellschaft, die Welt des Glamour, der Stars. Ein mystischer, spiritueller Ort, die kollektive Sehnsuchtslandschaft, durch Medien auf diese eine Welt geholt, dennoch exkludiert, unerreichbare oder (je nach Willenskraft) potenziell erreichbare Lounge-, Luxushotel, Empfangs- und Balllandschaften; ständig vorgeführt, wiederholt, das ultimative Mem, der Garten Glamour.
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Oomph

10 Feb

Oomph feat. Marta haben den Bundesvision Songcontest gewonnen. Sicher haben sie bereits Filmangebote bekommen –> Die Sekretärin und der etwas abgedrehte, durchaus gut gebaute Agenturmanager – eine klassische Figurenkonstallation des Harcore-Porno. Ich persönlich favorisierte Jan Delay. Außerdem habe ich mich doch sehr gewundert, warum die Rheinland-Pfälzer „Raab ist doof“ skandierten. Waren Sie so verbittert über das Ergebnis ihrer bunten Truppe? Die Nation hat Rheinland-Pfalz wohl nicht so ein multikultimäßiges-Samba-Reggeaetäterää-Ensemble zugetraut. D-Flame’s Auftritt war etwas befrämdlisch; mit Mühe konnte isch Mr. Silverdent idäntifiziern (viele Grüße auch an Mamma) —> die Trendlinie mit positiver Steigung.
Alles in allem erfuhren wir viel über Sitten und Gebräuche in den Bundesländern. Die Radiosender-Landschaft – ebenfalls beeindruckend, ein paradigmatisches Beispiel für Einheit in der Vielfalt.

Mein erstes Handy

4 Feb

In der Zeit Nr. 6 vom 01.02.2007, S. 64 erinnern sich sieben Mitarbeiter der Lebens-Redaktion an ihr erstes Handy. Nicht besonders aktuell und vielleicht erst in 10 bis 20 Jahren so wirklich kurios. Dennoch möchte ich auch über mein erstes Handy berichten. Das macht Spaß, das ist leicht verständlich, denn jede(r) hatte ja inzwischen ein erstes Handy. Mein erstes Handy hatte in etwa die Form von zwei aufeinander gestapelten Zigarettenschachteln, wahrscheinlich etwas kürzer. Es war schwarz und, wenn ich telefonieren wollte, musste ich eine Antenne ausziehen. Aus geschäftlichen Gründen habe ich damals ein Handy gebraucht. Ich habe es von meinem damaligen Geschäftspartner übernommen, der sich das Nachfolgemodell mit so einer kurzen, kegelförmigen Antenne zugelegt hatte. Ich muss wohl eigentlich nicht erwähnen, dass das Display nicht farbig war und dass ich auch nicht fotografieren konnte usw. Weiterlesen